A. V. Frank - Waldlichter
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Als sie sich umdrehte, stand direkt vor ihr ein Mensch. Erschrocken fuhr sie zurück und schrie leise auf, während er sie nur weiter stumm anstarrte. Sich nicht einen Millimeter rührte. Keinerlei Reaktion zeigte.
Transca holte ein paarmal beruhigend Luft, dann schaute auch sie ihr Gegenüber prüfend an. Der Mann sah gut aus mit seinen braunen, schulterlangen Haaren, den tiefgrünen Augen und dem durchtrainierten Körper. Verwirrt runzelte sie die Stirn. Er hatte sich immer noch nicht bewegt.
„Wer bist du? Und wo kommst du auf einmal her?“, fragte sie ihn und versuchte gleichzeitig, ihm nicht in die Augen zu schauen, weil sie wusste, sie würde darin versinken. Wie unglaublich tief und unergründlich diese waren ... Abwehrend verschränkte sie die Arme vor der Brust und hoffte gleichzeitig, sich so an einer unbewussten Bewegung zu hindern. Sie wurde sich ihrer schmuddeligen Kleidung bewusst und wünschte, sie hätte etwas anderes angezogen.
Da endlich zeigte sich eine Regung auf dem Gesicht des Fremden. Er lächelte und Tran wäre am liebsten vor ihm dahingeschmolzen. Niemals hatte sie so ein tolles Lächeln gesehen. Sie riss sich zusammen und verbannte den Gedanken an seine Lippen – wundervolle, sinnliche Lippen ‒ schnell aus ihrem Kopf. Heute war sie nicht sie selbst.
„Mein Name ist Sirman. Da trete ich noch extra auf einen Ast, um dich zu warnen, damit du nicht erschrickst, und jage dir trotzdem einen Schrecken ein. Anscheinend nicht die erfolgversprechendste Methode“, sprach er und zuckte schuldbewusst mit den Schultern. Als sie keinen Ton von sich gab, weil sie Angst hatte, etwas Peinliches oder Dummes zu sagen, fragte er sie: „Wie heißt du?“
Sie riss sich zusammen und antwortete: „Transca. Na ja, ich werde meistens Tran genannt.“ Sie schwieg kurz und hoffte inbrünstig, nicht zu stottern. „Der Trick mit dem Ast war wirklich nicht sehr erfolgreich. Mir wäre beinahe das Herz stehen geblieben.“
Er grinste schief, rieb sich jedoch mit einer Hand verlegen den Nacken ‒ während Tran leichte Atemnot bekam ‒ und fragte mit samtweicher Stimme: „Und schlägt dein Herz wieder, Tran?“
„Oh ja, es läuft gerade Marathon“, dachte sie, antwortete aber: „Ja, ich habe es überlebt.“ Dann lächelte sie ihn an. Täuschte sie sich oder weiteten sich seine Pupillen etwas, bevor er blinzelte?
„Du scheinst sehr erschöpft zu sein, wieso setzt du dich nicht eine Weile zu mir und isst etwas?“, schlug er vor und deutete auf eine Brombeerhecke zu ihrer Linken.
„Eigentlich wollte ich noch weiter ...“, setzte sie zweifelnd an, obwohl ihr nichts lieber wäre, als diesen Fremden näher kennenzulernen.
„Ich halte dich nicht lange auf, das verspreche ich dir. Aber wenn du nicht möchtest ...“ Sein Ton blieb unverändert, doch seine Körperhaltung war auf einmal angespannt und vorsichtig. Wovor fürchtete er sich?
„Nein, ich würde mich sehr freuen“, beeilte sie sich zu antworten und lächelte wieder.
Sirman lächelte zurück – es wirkte beinahe erleichtert ‒, drehte sich um und ging durch eine Lücke in der Brombeerhecke. Sie folgte ihm schmachtend. Dahinter öffnete sich eine kleine Lichtung, von Brombeerhecken und dichtem Unterholz umgeben. Sie ließen sich einander gegenüber nieder und aßen die Beeren, die er mitgebracht hatte. Sie redeten nicht miteinander, sondern sahen sich die ganze Zeit stumm an. In Transcas Kopf herrschte ein Chaos aus Stimmen, die einen forderten sie auf, etwas zu sagen, die anderen schrien sie an, bloß still zu sein. Also schwieg sie eisern und bewunderte diesen geheimnisvollen Fremden.
Schließlich brach er die Stille mit einer Frage. „Was tust du hier? In dieser Gegend sind selten Menschen unterwegs.“
Bildete sie es sich ein oder betonte er das Wort Menschen? Nein, das war nur ihre Fantasie.
Sie löste den Blick von dem seinen und sah auf den Boden. „Ich wandere viel im Wald herum, aber war erst selten in diesem Teil, also dachte ich mir, dass ich mich heute einmal genauer hier umschauen sollte.“ Natürlich war das keine Lüge, es stimmte voll und ganz, aber den Hauptgrund, warum es sie in diese Gegend verschlagen hatte, ihren Traum, den erwähnte sie nicht.
Einen Moment zu lange musterte er sie und sie fürchtete schon, er merkte, dass sie ihm etwas verschwieg, aber schließlich nickte er und stand auf. Sie folgte seinem Beispiel und wusste, dass sie sich nun voneinander verabschieden mussten. Es tat ihr im Herzen weh, und ehe sie sich daran hindern konnte, fragte sie: „Werden wir uns wiedersehen?“ Sofort wurde sie rot und blickte zu Boden. Wie peinlich war das denn gewesen?
Sirman kam auf sie zu, bis er direkt vor ihr stand, hob ihr Kinn mit seiner Hand zart an und flüsterte: „Ich hoffe es doch sehr. Selten habe ich so ein schönes Geschöpf im Wald gesehen.“ Dann küsste er sie sanft auf die Lippen, drehte sich um und war im Wald verschwunden.
Atemlos starrte sie ihm hinterher. Sie fasste nicht, was soeben passiert war, versuchte, ihrem Gehirn zu sagen, dass es sich den Kuss bloß eingebildet hatte, aber sein Geschmack auf ihren Lippen war zu intensiv, das Gefühl zu unvergesslich.
Sehr lange stand Transca noch so da und betrachtete den Wald und die Brombeeren, hoffte verrückterweise, Sirman würde zurückkommen. Doch als sie merkte, dass die Sonne bereits den Horizont berührte, drehte sie sich um und lief zurück, bergab und weiter durch den Wald, achtete nur so weit auf ihre Umgebung, um Zusammenstöße mit Bäumen zu vermeiden.
Nach circa anderthalben Stunde war sie zu Hause angekommen. Der Traum war ihr jetzt völlig egal, genau wie diese mysteriöse Felsspalte. Sie schlüpfte leise in den Wohnwagen, ließ sich auf ihr Bett fallen und wurde sich noch einmal ihrer schmuddeligen Kleidung bewusst, bevor sie in tiefen Schlaf fiel. Diesmal träumte sie nichts Besonderes, sie wusste nur noch, dass erstaunlich viele Lichtungen und grüne Augen aufgetaucht waren.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, wurde sie von Robin geweckt. „Hey, du große Schlafmütze, der Bus, der unsere Gäste bringt, kommt in einer halben Stunde und ich dachte mir, dass du gerne vorher noch duschen würdest.“ Demonstrativ krauste er die Nase.
Sie lächelte matt, schälte sich aus ihrer Decke und trank begierig den Tee, den er ihr gemacht hatte. „Danke“, sagte sie, nahm zwei Handtücher und ging duschen.
Als sie sauber war und eine kurze Hose, ein Trägertop und Flip-Flops trug, war sie bereit, ihren Freunden zu begegnen. In dem Moment klopfte es an der Tür.
„Ja?“, rief sie und öffnete.
Draußen stand Katherina, die ungeduldig mit dem Fuß wippte. „Kommst du jetzt endlich? Wir verpassen noch die Ankunft und dann sind unsere süßen Jungs beleidigt.“ Da sie grinsen musste, kam diese Aufforderung nicht sehr böse rüber, auch wenn ein genervter Unterton in ihrer Stimme auszumachen war.
„Bin schon so weit“, sagte Transca schnell und ging voran.
Kath kam hinterher und murmelte etwas, das sich verdächtig nach „Was soll hier schon heißen?“ anhörte. Tran grinste.
Sie kamen gerade noch pünktlich auf dem großen Platz vor den Ferienwohnungen an, die in einem Halbkreis gebaut waren. Der Bus hatte kaum die Türen geöffnet, als Jugendliche aus ihm hervorquollen und ungeduldig auf den Busfahrer warteten, der die Klappen an den Seiten aufmachen und die Koffer herausgeben sollte. Während sich die meisten um ihn scharten, kam Caroline direkt auf die beiden Mädchen zu und umarmte Tran ganz fest. Diese hielt sie ganz lange in der Umarmung, wollte sie gar nicht loslassen. Caro war von allen, abgesehen vielleicht von Katherina, ihre beste Freundin. Die beiden hatten Freudentränen in den Augen, als sie sich voneinander lösten.
Dann wurde Katherina gedrückt, auch wenn diese Umarmung deutlich kürzer ausfiel. Von hinten kam Marina, Caros Zwillingsschwester, auf das Grüppchen zu und zog hinter sich zwei große Koffer her. Auch sie wurde von Tran begeistert begrüßt, während Caroline ihren Koffer an sich nahm und sich suchend nach den anderen umschaute.
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