A. V. Frank - Waldlichter
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Tran runzelte die Stirn und wollte näher herangehen. Doch dann verschwamm ihre Umgebung immer mehr.
Ruckartig setzte sie sich auf, erschrocken über diesen Traum. Auch wenn ihre Fantasie ihr schon des Öfteren einen Streich gespielt hatte, dann doch nie den gleichen so kurz hintereinander. Oder einen so seltsamen.
Sie versuchte sich an den Namen zu erinnern, den die Stimme in der Höhle genannt hatte, es wollte ihr aber nicht gelingen. Überhaupt konnte sie sich an kaum etwas erinnern außer an die Person und den Befehl der Stimme, zu ihr zu kommen.
Sie schaute auf die Uhr und sah, dass es schon acht Uhr morgens war. Sie stand auf, streckte sich, zog die Kleider vom Vortag an und holte sich etwas zum Essen aus dem Kühlschrank. Sie achtete nicht darauf, was es war, sie achtete auch nicht auf den Geschmack, sie aß einfach mechanisch, um genug Nährstoffe für den Tag zu haben. Sie schrieb Robin, der sicher schon bei der Arbeit war, einen Zettel, dass sie in den Wald ginge und vielleicht erst morgen zurückkommen würde.
Draußen empfing sie ein strahlend blauer Himmel, aber es war noch etwas nebelig. Kalt war ihr jedoch nicht, schließlich war es Sommer.
Sie schlenderte an den Wohnwagen vorbei über eine große Wiese und überquerte die zugewucherte Waldgrenze. Als sie diese hinter sich gelassen hatte, atmete sie tief durch und erfreute sich an den Bäumen und dem grünen Laub.
Dann dachte sie wieder über ihren Traum nach. Da war eine Felswand gewesen mit einer Spalte, durch die man in den Kreis gelangte. Also sollte sie wohl in Richtung der Berge gehen.
Entschlossen wanderte sie los, immer nach Nordwesten, obwohl das Gebirge eher östlich lag. Sie wollte einen kurzen Abstecher zum Strand machen und sich dann von der anderen Seite dem kleinen Gebirge nähern, da man von Süden her kaum nahe genug herankam. Dort lebten einige wilde Tiere und niemand kannte den Weg genau.
Verwirrt runzelte Transca die Stirn. Wieso ging eigentlich nie jemand von Süden in die Berge? Generell wusste sie nicht, ob überhaupt schon mal irgendjemand in dieser Gegend gewesen war. Dort irgendwo lag auch die Quelle des Rotflusses, der durch den ganzen Wehwald floss, ehe er ins Meer mündete. Der Wald grenzte auf einer langen Strecke genau an den Strand der Halbinsel. Transca schlug allerdings nicht den Weg zur Rotflussmündung ein, sondern zu einem kleinen Teil des Strandes, der von besonders hohen Kiefern umsäumt war. Es war einer ihrer Lieblingsplätze.
Ihre Gedanken schweiften zu dem Traum. Diese Frau, sie war seltsam gewesen. Natürlich war da die Erinnerung an den Weg nach Hause und die Ähnlichkeit zu ihr selbst, aber sie hatte, davon mal abgesehen, anders gewirkt. Sie schien ganz leicht zu glühen, in einem zarten Grün, aber vielleicht hatte sie sich das auch nur eingebildet. Außerdem hatte es nach Lavendel gerochen. Das hatte wahrscheinlich nichts zu bedeuten, aber es war ein weiterer Hauch des Übernatürlichen gewesen, das sie umgab, ohne dass Transca es richtig beschreiben konnte. Und ihre Haare schienen sich zu bauschen wie in einer Windböe, obwohl kein Luftzug zu spüren gewesen war. Sie hatte ein nahezu perfektes Gesicht gehabt, war aber nicht geschminkt gewesen ...
„Auf jeden Fall war sie kein Mensch“, dachte Tran, was sie zum Frösteln brachte. „Sie hätte mich auch eigentlich gar nicht sehen dürfen, schließlich war ich nur im Traum dort.“ Dann merke sie, was sie da dachte, und korrigierte sich schnell. „Ich war überhaupt nicht dort und diese Person gibt es auch nicht. Es war alles nur eine Ausgeburt meiner Fantasie! Jetzt beginne ich schon, an Sidhe und Kobolde und Gnome zu glauben, nicht möglich!“
Aber sie konnte sich selbst nicht so recht überzeugen, es blieb das ungute Gefühl, dass dieser Traum sehr wohl real gewesen und in irgendeiner Weise wichtig war. Leider.
Seufzend wandte sie ihre Gedanken einem anderen Thema zu. Blätter. Sie dachte über die einzelnen Formen von Blättern nach und fragte sich, was diese Unterschiede für einen Nutzen hatten. Bis sie beinahe wieder mit einem Baum zusammenstieß.
„Ist das denn die Möglichkeit?“, fragte sie sich wütend. Sie lehnte sich gegen den Stamm und überlegte, warum sie eigentlich nie sah, dass ihr etwas im Weg stand. Brauchte sie etwa eine Brille?
Ihre Augen weiteten sich angstvoll. „Bitte nicht“, dachte sie voller Inbrunst. Das wäre für sie der schlimmste Albtraum. Sich nicht mehr auf seine Augen verlassen zu können, musste grauenvoll sein. Sie bedauerte alle Leute, für die dieser Horror Normalität geworden war. Melissa hatte eine Brille, aber das schien sie nicht zu stören. Und Philipp trug Kontaktlinsen, auch er fand nichts daran. Vollkommen unverständlich. Aber sie zweifelte daran, dass sie eine Brille nötig hatte. Sie musste bloß aufmerksamer sein.
Schlagartig kam sie auf andere Gedanken, als sie bemerkte, was es für ein Baum war, an dem sie lehnte. Es handelte sich um eine Kiefer und diese Art Gehölz wuchs hier nur in Strandnähe. Und solch große Exemplare gar nur an ihrem Strand.
Sie hatte nicht bemerkt, dass sie die ganze Zeit gelaufen war, doch das war sie anscheinend. Durch den Wald gerannt, als ob irgendetwas hinter ihr her wäre, sonst wäre sie noch nicht hier angelangt. Doch als sie auf die Uhr sah, merkte sie, dass sie trotz allem schon eine ganze Stunde unterwegs war.
Die Zeit verging hier im Wald immer wie im Fluge. Als sie aufmerksam schnupperte, roch sie den salzigen Wind. Etwa hundert Schritte weiter hörte sie dann auch das Geschrei der Möwen und sah das aufgewühlte Meer. Sie trat unter den Bäumen hervor und betrachtete schweigend den großartigen Ausblick. Zu ihren Füßen lag ein wundervoller Steinstrand mit kleinen, runden Kieseln, dahinter erstreckte sich der Ozean. In einiger Entfernung konnte sie Festland entdecken, doch das störte sie nicht. Der Wind spielte mit ihren Haaren, streichelte ihr Gesicht. Sie lächelte glücklich, setzte sich hin und schloss die Augen. Genoss die Natur und den Frieden.
Sie wusste nicht, wie lange sie so sitzen blieb, aber als sie die Augen aufschlug und aufstand, war sie komplett entspannt und ruhig. Dann wandte sie dem Meer den Rücken zu und ging wieder in den Wald hinein.
Nun waren ihre Gedanken besonnen, ihr Blick klarer und ihre Aufmerksamkeit ganz auf die Umgebung gerichtet. Zielstrebig wanderte sie weiter, dachte über nichts Bestimmtes nach und schaffte es, nicht gegen irgendwelche Bäume zu rennen.
Sie ging eine ganze Zeit lang nach Nordwesten, steuerte auf einen kleinen See zu. Überall im Wald lagen Seen, die darauf hindeuteten, dass der Rotfluss früher einmal ganz anders verlaufen sein musste. Es waren insgesamt zehn Stück bekannt, doch in den Gegenden, die nie jemand betrat, weshalb auch immer, konnte es durchaus noch mehr geben. Bald lichteten sich die Bäume und Transca stand am Ufer des Sees. Leichter Wind kräuselte die Oberfläche und trieb Blätter wie kleine Boote über das Wasser. Am liebsten wäre sie noch eine Weile stehen geblieben, doch sie wollte unbedingt diese Felsspalte erreichen, also ging sie um den See herum und verschwand wieder im Wald.
Sie bemerkte, dass das Gelände anstieg und sie immer steiler nach oben führte. Keuchend blieb sie stehen und blickte sich um. Sie war nun schon ein gutes Stück von Grettersane weg und sah bis an den Horizont nur Bäume und rechts von sich in weiter Ferne das Meer. Sie konnte sogar einige Lichtungen im Wald und den See, an dem sie vorher noch gestanden hatte, ausmachen. Um sich herum hörte sie die Vögel singen und ein Knacken im Unterholz, das wohl von einem der vielen wilden Tiere verursacht worden war. Doch vor diesen hatte sie keine Angst, sie wusste, dass sie nicht als Beute angesehen wurde, sondern als etwas Fremdes, das es zu meiden galt. Die Luft war nun nicht mehr salzig, sondern erfüllt von den Gerüchen des Waldes, zusätzlich verstärkt durch die Wärme. Der Duft lullte sie ein und sie wollte nichts sehnlicher, als in ihm zu versinken.
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