A. V. Frank - Waldlichter
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„Ich wollte nur wissen, ob mit euch alles in Ordnung ist“, antwortete sie und erhaschte einen Blick auf ihren Vater, der schnarchend im Bett lag.
Ihre Mutter runzelte die Stirn und sah sie prüfend an. „Hast du geträumt?“, fragte sie äußerst scharfsinnig. Ana hatte ihr damals davon erzählt und versprochen, immer sofort zu ihr zu kommen, sollte sie jemals wieder träumen. Und sie hielt sich dran. „Ja, habe ich. Eine Welle überrollte mich. Mitten im Wald“, antwortete sie leise, um ihren Vater nicht zu wecken.
Die Runzeln in der Stirn ihrer Mutter wurden tiefer. „Uns geht es gut, aber danke, dass du trotzdem zu mir gekommen bist. Ich schätze deine Sorge.“ Sie lächelte ihre Tochter an, drehte sich um und schloss die Tür wieder hinter sich.
Ana blieb davor stehen und starrte die verschlossene Pforte ungläubig an. Das hatte geklungen, als ob sie bei einer Psychiaterin in eine Sitzung geplatzt wäre. Genauso kalt und berechnend hatte ihre Mutter geklungen und dreingeblickt.
Ana wirbelte herum und stürmte zurück in ihr Zimmer. Dabei dachte sie: „Entschuldigung, dass ich euren hochfeinen Schlaf gestört habe. Es tut mir leid, dass ich mich auch mal nach Elternliebe gesehnt habe. Entschuldigung, dass ich mir Sorgen gemacht habe!“ Sie hätte es gerne herausgeschrien, hielt sich aber zurück.
Als sie in ihrem Zimmer angekommen war, trat sie mit voller Wucht gegen ihre Matratze. Dann ließ sie sich auf dieselbe sinken und weinte. Dafür hasste sie ihre Eltern noch mehr. Dafür, dass sie sie zum Weinen brachten.
Typisch! Es war so typisch für ihre Eltern. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie angefangen hatten, so kalt ihr gegenüber zu werden.
Es waren heiße Tränen voller Wut, die sie vergoss, und sie wünschte sich auf einmal nichts sehnlicher, als von ihnen wegzukommen.
Erneut klingelte ihr Telefon. Sie hatte sich gerade wieder beruhigt und trocknete ihre Tränen. Wütend schaute sie den Apparat an und beschloss, nicht dranzugehen. Sie ignorierte das Läuten und dachte lieber über Mike nach.
Auch wenn sie ihn nicht mehr liebte, so wollte sie ihn trotzdem als Freund behalten. Er kannte sie gut. Er wusste, dass das ganze coole Verhalten bloß aufgesetzt war, wie sehr sie sich nach einer gewissen Normalität sehnte. Sie waren Freunde seit der achten Klasse. Damals war sie mit einem Typen aus der zehnten gegangen, und als der sie verprügeln wollte, war Mike dazwischengegangen. Seit diesem Augenblick waren sie geradezu unzertrennlich gewesen und seit einem halben Jahr offiziell zusammen. Es tat ihr weh, von ihm ersetzt worden zu sein. Aber so war das Leben eben.
Sie seufzte. Doch leider ließ ihr Telefon sich nicht ignorieren, es klingelte beharrlich weiter. Sie wusste, wer dran war. Und sie wusste auch, dass es zu einem Streit kommen würde. Mal wieder. Also hob sie ab und prompt ertönte die Stimme ihres Vaters. „Kommst du bitte in den Salon?“ Sie ließ sich nicht von seinem sanften Tonfall täuschen.
„Mir bleibt ja eh keine Wahl“, schnauzte sie ihn an und legte auf.
Sie wischte sich noch einmal über die Augen, vergewisserte sich, dass man nicht sah, dass sie geweint hatte, und schlenderte dann betont langsam in den Salon. Dort warteten ihre Eltern bereits auf sie, beide sahen noch äußerst verschlafen aus.
Ihre Mutter begann: „Lysana, wieso hast du uns nicht gefragt, ob du diese Party veranstalten darfst?“ Sie schien die Frage ernst zu meinen.
Ana lachte trocken auf. „Weil ich wusste, dass ihr es mir verbieten würdet.“
Ihr Vater nickte und sagte dabei: „Stimmt, denn wir wollen nicht, dass du so viel trinkst. Hattest du heute Morgen einen schönen Kater? Normalerweise bringt der die jungen Saufbolde wieder zur Vernunft, aber so scheint es bei dir nicht zu sein. Noch dazu wollen wir keine Party in unserem Haus, die außerdem so laut ist. Also waren wir gezwungen, gewisse Maßnahmen zu ergreifen.“
Hier unterbrach sie ihn. „Maßnahmen? Ich bin 17, ich darf doch wohl selbst über mein Leben bestimmen! Es ist mir egal, was ihr euch jetzt schon wieder ausgedacht habt, ich werde es nicht machen.“
„Und ob du das machen wirst! Dir wird keine andere Wahl bleiben, weil du ansonsten unter die Brücke ziehen und dir dein Leben mit Alkohol kaputt machen kannst.“ Die Idee, die ihre Mutter da ansprach, klang verlockend. Dann würde sie wenigstens nicht länger unter dem elterlichen Joch stehen. Aber gleichzeitig hätte sie so keinen Cent mehr, und wenn ihr etwas wichtiger war als Alkohol und Unabhängigkeit, dann war es Geld. „Was soll ich überhaupt machen?“, fragte sie, um ihre Nachdenklichkeit zu überspielen. Sie sollten nicht merken, dass sie ernsthaft darüber nachdachte, ihr Leben hinzuschmeißen.
„Du sollst für den Rest des Sommers in den Westen auf Urlaub gehen. Es gibt dort Ferienwohnungen für Leute in deinem Alter und akzeptable Hausregeln. Wenn du die dann auch nicht befolgst, schicken wir dich wirklich unter die Brücke. Wir wissen nicht mehr, was wir sonst noch tun sollen mit dir.“ Das kam wieder von ihrer Mutter. Sie machte ganz große Augen, doch Ana war sich nicht sicher, ob sich Wut oder Trauer darin spiegelte.
„Was sind das denn für Regeln?“, fragte sie vorsichtig. Generell hatte sie nichts dagegen, hier mal rauszukommen, aber bei Regeln sollte man besser Vorsicht walten lassen, vor allem wenn ihre Eltern sie toll fanden. „Alkohol nur unter Aufsicht, keine Drogen, keine körperlichen Annäherungen jeder Art, Bettruhe um 24 Uhr und kein Randalieren. Außerdem ist es ein kleines Kaff, nennt sich allerdings Kleinstadt, direkt am Wald. Landluft wird dir guttun.“
Ana bekam Atemnot. „Es ist nicht zufällig ein Kloster, in das ihr mich da schickt?“, fragte sie mit erstickter Stimme. Das war schlimmer als alles, was sie sich vorgestellt hatte.
„Nein, es ist eine respektable Ferienwohnsiedlung in Grettersane, einer Kleinstadt in der Nähe von Roundstone, wie ich schon sagte“, gab ihre Mutter ruhig zurück.
„Niemals!!!“, schrie Ana, drehte sich um und rannte aus dem Haus. Leider wurde sie von ihrem Vater, der ihr hinterhergesprintet war, abgefangen und wieder in die Eingangshalle gezerrt.
Er sah ihr tief in die Augen und sagte: „Hör zu, es ist wirklich nur zu deinem Besten. Und so schlimm ist es dort auch nicht, es ist eine schöne Umgebung, da kannst du mal etwas anderes außer dem Stadtleben kennenlernen.“ Sie wehrte sich noch immer, aber er ließ sie nicht los. „Es ist egal, ob du willst oder nicht, dein Flug ist gebucht und deine Mutter ist bereits hochgegangen, um deinen Koffer zu packen. Und morgen sitzt du schon im Flieger.“
Nun war sie stumm, ihre Augen waren schreckgeweitet. Ihr Vater ließ sie los, doch sie blieb weiterhin bewegungslos stehen, konnte sich nicht rühren. Mit aller Macht bekämpfte sie die Tränen. „Ich werde abgeschoben, ich bin nicht gewollt, ich komm ins Kloster, ich werde abgeschoben, ich bin nicht gewollt ...“, klang es wie eine hängen gebliebene Schallplatte in ihrem Kopf.
Die folgenden Stunden zogen an ihr vorbei, ohne dass sie sich später hätte erinnern können, was sie in der Zeit gemacht hatte.
Der Morgen kam viel zu schnell, sie stieg in das Auto ihres Vaters, hinten im Kofferraum ihr großer Koffer, genug darin für den ganzen Sommer. Verschwommen hörte sie das Treiben am Flughafen von Dublin, ging durch die Sicherheitskontrollen, verabschiedete sich mechanisch von ihren Eltern.
Erst als sie ins Flugzeug einstieg, wurde ihr bewusst, dass sich ihr größter Wunsch soeben erfüllte. Sie war der Kontrolle ihrer Eltern entkommen. Dass sie dafür unter der Kontrolle anderer stehen würde, noch strengere, schlimmere Regeln befolgen sollte, interessierte sie dabei nicht im Geringsten. Selbst wenn es wirklich so schlimm sein sollte, würde sie das Beste daraus machen. Sie hatte einen Sommer vor sich, in dem sie ihren Eltern komplett entronnen war.
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