A. V. Frank - Waldlichter
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Ihre Worte trafen ihn tief, da er wusste, dass sie die Wahrheit sprach. Wollte er jemals wie sein kleiner Bruder sein? Nein, ganz sicher nicht. Er erforschte seine Gefühle für sie näher und erkannte, dass es wirklich bloß Geschwisterliebe war, wie sie gesagt hatte, und die Eifersucht eher der Drang war, sie zu beschützen. Sie vor einem Jungen zu beschützen, der sie ihm wegnehmen konnte. Er hatte komplett überreagiert.
Wie konnte er sich dermaßen irren? Er konnte nicht verstehen, dass er so die Kontrolle verloren hatte. Sie war doch seine Tran, seine kleine Schwester, die er seiner echten kleinen Schwester vorzog.
Als er realisierte, dass sie ihm nun nie wieder trauen würde, ihn nie wieder an sich heranlassen würde, sank er in die Knie. Was hatte er da angerichtet? Ein schweres Gewicht drückte auf seine Schultern, eine riesige Schuld. Unwillkürlich brach er in Tränen aus. Es waren Tränen der Scham und sie brannten auf seinen Wangen. Nie hatte er das gewollt. Ihr Vertrauen war ihm doch das Wichtigste auf der Welt. Schon immer!
Irgendwann versiegten die Tränen und er richtete sich auf. Er schämte sich auch für sein Weinen, aber er hatte es nicht zurückhalten können. Langsam ging er zum Feuer zurück und hörte schon bald das fröhliche Lachen der Clique. Als er in den Lichtkreis trat, sah er Tran. Sie saß auf der Decke und lachte mit den anderen, als sei nichts geschehen. Dieser Anblick gab ihm Kraft und er trat dichter an das Feuer heran.
Tran bemerkte, wie er von hinten ankam, und machte ihm Platz auf der Decke. Wie selbstverständlich setzte er sich hin und legte ihr den Arm um die Schultern. Für die anderen sah es sicher aus wie immer, aber sie spürte, dass er ihre Schulter kaum berührte und total verkrampft war.
Da lehnte sich von der anderen Seite Lysana, die mit Victoria den Platz getauscht hatte, an Tran, schloss die Augen und schlief ein. Sie schien ziemlich erschöpft zu sein, wenn sie sogar hier einfach einschlafen konnte, aber auch Marina gähnte bereits ununterbrochen. Also stand Kath nach kurzer Zeit auf, trat den kläglichen Rest des Feuers aus und weckte Ana. Die Gesellschaft rekelte sich und packte ihre Sachen zusammen.
Tran war froh um das Ende des Abends. Sie konnte es nicht ertragen, so nahe bei Eric zu sitzen. So gingen sie alle zusammen zurück und verabschiedeten sich voneinander, bevor sie sich in ihre Betten verzogen.
*
Kapitel 4
Ein Sonnenstrahl kitzelte mich im Gesicht und ich schlug schläfrig meine Augen auf. Verwirrt blinzelte ich, denn einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich mich befand. Doch dann fiel mir wieder ein, dass ich das Erbe meiner Schwester endlich angetreten hatte. Ich war in Irland. Und das Projekt von Pan beinhaltete nur, die Umwelt hier zu untersuchen und eventuelle bisher unbekannte Verstöße oder Abnormalitäten aufzudecken, das hieß, ich hatte genügend Zeit, das zu tun, wovon ich schon immer geträumt hatte.
Meine Zimmergenossinnen schliefen noch seelenruhig, wie ich undeutlich wahrnahm, als ich mich in unserem Zimmer umschaute.
Ana bewegte sich unruhig im Schlaf. Ich konnte nicht verstehen, warum sie so über das Zimmer geschimpft hatte. Aber sie hatte schon im Bus nur gezetert und gemault. Kopfschüttelnd drehte ich mich auf die Seite und schloss die Augen. In dieser süßen, überschaubaren Kleinstadt war das Leben so ungewohnt ruhig und persönlich. Das war tröstlich für mich und ich genoss es in vollen Zügen. Auch gestern Abend am Lagerfeuer war es mir gewesen, als ob wir uns alle schon Ewigkeiten kannten, es war wie eine Heimkehr. Allerdings war ich sehr neugierig, was das Leben von Tran betraf, die anscheinend die letzte einheimische Jugendliche dieses Dorfes zu sein schien. Sie näher kennenzulernen schien interessant zu werden.
Meine Neugierde war kaum zu stillen – etwas, was mich innerhalb von Pan schnell nach oben gebracht hatte. Bei dem Gedanken an die Organisation, Elisabeth und John verfinsterte sich meine Laune und ich knirschte mit den Zähnen.
Da hörte ich Caro flüstern: „Ist schon jemand von euch wach?“
Ich richtete mich auf und raunte ihr zu: „Ja, weißt du, wie spät es ist?“
Ich hörte sie auf ihrem Bett herumkriechen. „Mist, es ist schon Viertel vor zehn und um halb elf wollten wir uns doch vor St. Patrick’s treffen!“
Ich konnte nur farbige Schemen ausmachen, weswegen ich nach meiner Brille tastete. Als ich sie endlich gefunden und aufgesetzt hatte, sah ich, dass Caro mich anstarrte. „St. Patrick’s? Ist das die Kirche? Was schaust du so?“, fragte ich schnell, während ich aufstand und mich streckte.
„Ja, ist es. Hast du mich vorhin überhaupt gesehen?“, antwortete sie.
Ich versuchte, freundlich zu bleiben, doch meine Stimme hatte einen bissigen Unterton. „Ich habe dich undeutlich erkannt, bin aber noch nicht blind, falls das deine nächste Frage sein sollte.“ Betreten schaute sie zur Seite.
Als ich mich an die Uhrzeit erinnerte ‒ mein Gehirn streikte wohl noch etwas ‒, nahm ich mich zusammen und rief laut: „Mädels, aufwachen, es ist helllichter Tag und wir sind in einer Dreiviertelstunde mit den anderen verabredet.“ Ich warf meine Kissen auf diejenigen, die das Pech hatten, in meiner Nähe zu liegen. Mit den Hausregeln nahm es hier offensichtlich keiner so ernst, denn es war gestern Abend sicherlich schon nach zwei Uhr gewesen, als wir hier ankamen, obwohl doch um zwölf Bettruhe war. Das befriedigte mich genauso sehr wie die fluchenden, verschlafenen Mädels, die mich böse anfunkelten. Doch dann warfen sie alle zusammen die Kissen zurück zu mir, drehten sich um und machten die Augen wieder zu.
Caro, die bisher geschwiegen hatte, prustete los und sagte: „Ich weiß ja nicht, wie das mit Ana ist, aber den Rest bekommst du nur auf eine Weise wach.“ Sie grinste verschwörerisch, ging ins Badezimmer und kam mit tropfnassen, kleinen Handtüchern zurück, die sie jedem Mädchen ins Gesicht klatschte. Dann warf sie mir eines zu und verkündete: „Ich geh als Erste duschen.“ Damit verschwand sie im Bad.
Aber die Handtücher zeigten Wirkung. Alle Anwesenden rappelten sich unter viel Stöhnen und Fluchen auf, sahen auf die Uhr und riefen dann: „Vici, wir haben bloß noch eine halbe Stunde Zeit, wieso hast du uns nicht eher geweckt?“
Ich versuchte erst gar nicht, etwas zu erklären, sondern verschwand sofort im Bad, als Caro rauskam. Dort atmete ich einmal auf, bevor ich in die Dusche stieg. Das Wasser machte mich endgültig wach. Nachdem ich mich komplett gereinigt und geschminkt hatte, ließ ich Ana ins Bad.
Nach und nach wurden aus zerknitterten, verschlafenen Jugendlichen müde, aber gestylte junge Frauen. Um halb elf kam Lisa, die als Letzte das Bad benutzt hatte, heraus und wir eilten zu der Kirche. Fünf Minuten später waren wir angekommen, doch es war niemand zu sehen. Nach kurzer Zeit jedoch watschelten zwei erschöpfte Gestalten auf uns zu. Es waren Philipp und Eric. Ein paar weitere Minuten vergingen, bis auch eine zerknautschte Transca, die etwas von „Verschlafen“ murmelte, zu uns trat. Wir schwatzten leise, aber es wollte kein richtiger Schwung in uns kommen, also beschlossen die Jungs, wir sollten zu Kath gehen und sie aus den Federn schmeißen. Ihr Haus, in dem sie alleine lebte, lag nahe dem Zaun, der das Dorf umgab.
Wir klopften an die Tür, klingelten und riefen ihren Namen, ohne eine Antwort zu bekommen. Als wir gerade beschlossen hatten, dass Melissa, die die schmalste und zierlichste von uns war, durch ein kleines, geöffnetes Fenster klettern sollte, das im Erdgeschoss lag, bog Kath um die Ecke. Sie war völlig verschwitzt und trug einen Trainingsanzug.
„Was macht ihr denn alle hier?“ Verständnislos sah sie uns an, doch dann wurden ihre Augen groß. „Oh Mist, stimmt ja, wir wollten uns treffen, tut mir leid! Ich war im Wald trainieren, wartet einen Moment, ich geh duschen und zieh mir was Ordentliches an, dann komme ich.“
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