A. V. Frank - Waldlichter
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Also warteten wir und fragten uns in der Zwischenzeit, was wir überhaupt unternehmen wollten. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf. Die eine wollte nach Roundstone, eine kleine Stadt in der Nähe, fahren, die andere durch den Wald an den Strand gehen. Kath, Lisa, Melissa und Philipp fuhren shoppen, Caro, Marina, Ana ‒ was mich sehr erstaunte ‒, Eric, Tran und ich gingen zum Strand. Dort konnte ich dann auch mit meiner Arbeit für Pan anfangen.
Also kehrte unsere Truppe zu den Wohnungen zurück und sammelte Bikinis, Handtücher und Sonnencreme ein, man konnte schließlich nie wissen, wie das Wetter noch werden würde. Eine halbe Stunde später kämpften wir uns durch das dichte Gestrüpp am Rand und betraten den Wald, den ich auf der Stelle mochte. Er war von Trampelpfaden durchzogen, es standen nirgends Bänke oder sonstige Dinge, die nicht in den Wald gehörten, er war komplett naturbelassen und verwildert. Überall sangen die Vögel und es knackte im Unterholz. Hier würde ich bestimmt keine Story für Pan finden, was mich jedoch nicht störte. Was mir besonders gefiel war, dass es in diesem Wald erstaunlich wenige Dornenranken gab, die man sonst in jedem Laub- oder Mischwald antraf.
Als ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die anderen lenkte, merkte ich, dass Caro und ich die Einzigen waren, die wirklich entspannt wirkten. Marina eilte voran, sie wollte endlich zum Strand kommen, Eric beobachtete Tran argwöhnisch und nervös, die ihrerseits den Wald mit den Augen durchforstete und eine unverhohlene Sehnsucht in ihrem Blick trug, die ich nicht zuordnen konnte. Ana hingegen schaute mit verstörter Miene in die Bäume hinauf und zuckte bei jedem Vogelruf kaum merklich zusammen.
Ich ging zu ihr hinüber und fragte leise: „Was hast du denn? Stimmt etwas nicht?“
Sie zuckte erschrocken zusammen, sagte dann aber mit lauter, klarer Stimme: „Was soll mit mir sein? Lass mich in Ruhe, in Ordnung?“ Dann warf sie das Haar in den Nacken und marschierte weiter.
„Du musst aufpassen, dass dir kein Wildhase über den Weg läuft, du würdest vor Schreck tot umfallen, wenn du schon vor den Vögeln solche Angst hast!“, rief ich ihr hämisch hinterher. Es war nur eine Vermutung, dass es die Vögel waren, die sie ängstigten, aber ich sah, dass sie zusammenzuckte, als sie meine Worte vernahm.
Sie wirbelte herum und schaute mich kampflustig an. „Wenigstens brauch ich keinen Blindenstock, um die Vögel zu sehen, du blinde Irre!“
Das saß, aber ich hatte gesehen, wie sie auf ihrem Nachttisch heute Morgen nach ihrer Brille getastet hatte, die sie immer trug, bis sie die Kontaktlinsen einsetzte.
„Die blinde Irre schämt sich aber nicht zuzugeben, dass sie eine Brille braucht, im Gegensatz zu solch oberflächlichen, falschen Zicken wie dir, die Linsen benutzen und dann über andere herziehen.“
Wir waren beide laut geworden. Doch jetzt trat Tran zwischen uns und es wunderte mich, dass sie nicht durchbohrt wurde von den feindseligen Blicken, die sich von vorne und hinten auf sie richteten. „Hört jetzt auf, alle beide! Es ist schrecklich, auf eine Brille oder Linsen angewiesen zu sein. Ich verstehe nicht, wieso ihr überhaupt angefangen habt zu streiten. Also benehmt euch gefälligst wie anständige Leute und hört auf, euch an die Kehle zu gehen, egal, ob tatsächlich oder nur mit Worten, in Ordnung? Ihr seid wie kleine Kinder!“ Auch sie konnte böse schauen und funkelte uns jetzt beide abwechselnd an.
Sie hatte recht, das war mir durchaus klar, aber Ana trieb mich mit ihrer nervigen Bösartigkeit und Überheblichkeit in den Wahnsinn. Trotzdem schämte ich mich für mein Verhalten, einen guten Eindruck bekamen die anderen so nicht von mir.
„Du hast recht. Ich wollte bloß nett zu ihr sein, aber wenn sie das immer falsch versteht ...“, gab ich klein bei und schritt ohne ein weiteres Wort voran. Als ich an Ana vorbeiging, sah ich, wie sie nickte.
Bald herrschte wieder die gewohnte Stimmung und nach etwa zwanzig Minuten kamen wir am Strand an. Der salzige Wind spielte mit meinem Haar und ich schloss genießerisch die Augen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich nur Meer, Sonne und Möwen. Es schien mir, als ob einer dieser Vögel auf uns zuflog und uns, als er sich auf einen Felsen gesetzt hatte, beobachtete. Wahrscheinlich ging mal wieder meine Fantasie mit mir durch. Ich verdrehte genervt die Augen. Das war so typisch für mich!
Die anderen hatten ihre Handtücher bereits ausgebreitet und sich daraufgelegt. Sie unterhielten sich über Bikinimoden und ihre persönlichen Vorlieben. Das interessierte mich nicht sonderlich und so döste ich etwas vor mich hin, nachdem auch ich mich auf mein blaues Handtuch gelegt hatte. Erschrocken zuckte ich zusammen, als mein Handy anfing, Angels von Robbie Williams zu spielen. Dieser Song signalisierte mir, dass John anrief. Schnell kramte ich das Telefon heraus und ging dran. „Hey John, wie geht’s dir?“, fragte ich, nachdem er sich mit einem „Hey Vici“ gemeldet hatte.
„Ganz gut, und dir? Wie ist es in Irland? Interessant für Pan?“, nuschelte er.
„Mir geht’s super. Ich liege gerade am Strand und entspanne. Und es ist toll hier, allerdings ist für Pan wohl nichts zu holen, so wenig Umweltverschmutzung habe ich erst sehr selten gesehen. Was machst du so?“
„Na ja, halt trotzdem die Augen offen, vielleicht stößt du ja doch noch auf eine gute Story. Ich mache eigentlich nichts, hatte aber Sehnsucht nach dir.“
Ich lächelte traurig. „Ich vermisse dich auch. Mit dir wäre ...“ Weiter kam ich nicht, denn aus dem Handy tönte in diesem Augenblick unmissverständlich die Stimme einer Frau, die ich nur allzu gut kannte und die sich in diesem Moment endgültig meinen Hass zuzog.
„Johnny, kommst du bald wieder zu mir ins Bett? Sonst wird mir so kalt, dass ich was überziehen muss“, schnurrte Elisabeth und gab ein schmatzendes Kussgeräusch von sich.
Fassungslos betrachtete ich das Handy, das auf einmal Tonnen zu wiegen schien. Was sollte das? Erst mein Rauswurf aus dem Vorstand, dann die Verpflichtung, diese Reise zu unternehmen und jetzt Elisabeth in seinem Bett? Ich fasste es nicht! Aber das würde er doch nicht machen, das konnte er nicht machen! Oder? Konnte ich es mir wirklich vorstellen, dass er mich mit Elisabeth betrog?
Mein Gesicht war wahrscheinlich ein einziges Fragezeichen. Aber dann erinnerte ich mich an den Streit wegen Pan und mir kam der schreckliche Verdacht, dass er mich schon seit Langem nur noch benutzt hatte, bis er einen würdigen Ersatz gefunden hatte.
Dann hörte ich wieder seine Stimme, zwar gedämpft, aber klar verständlich, und mir fuhr ein schmerzhafter Stich durchs Herz. „Ich komme gleich, Zuckerschnecke, ich muss nur schnell was klären.“
Es war gut, dass ich schon lag, denn ansonsten wäre ich jetzt umgekippt. „John, kannst du mir mal bitte erklären, was da los ist? Elisabeth? Geht’s noch? So viel zum Thema, dass mein Platz während meiner Abwesenheit unbesetzt bleibt!“
Ich hörte, wie er leise fluchte, und dann deutlicher sagte: „Äh, das ist ein Missverständnis, wir müssen nur ein paar Sachen durchsprechen, aber mehr läuft da nicht. Und wieso sollte dein Platz von ihr eingenommen werden?“
Ich hörte die Lüge klar und deutlich und spürte gleichzeitig, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Dass es bald enden würde, hatte ich gewusst, es lief schon seit Monaten nicht mehr richtig zwischen uns, aber dass das Ende so eine Demütigung beinhalten könnte, hätte ich nie vermutet.
„John, was soll das? Bitte, sei wenigstens ehrlich. Wenn du jetzt was mit Elisabeth hast, dann sag es einfach. Wenn du mich nicht länger im Vorstand von Pan haben möchtest, dann gib es zu. So hat das doch keinen Sinn mehr.“ Meine Stimme war ruhig und mein Kopf wie leer gefegt. Undeutlich nahm ich wahr, dass die anderen mich beobachteten und verstummt waren.
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