A. V. Frank - Waldlichter
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„Ich hab’s! Der zweite Lebenssaft ist Wasser ... aus dem Meer entnommen. Blut und Wasser sind auch Gegensätze, gehören aber trotzdem irgendwie zusammen.“
Die beiden nickten zustimmend, Tran zögerlich, Ana überzeugt.
„Gut, dann müssen wir noch klären, wer Midjis ist. Jemand eine Idee?“
Allgemeines Kopfschütteln folgte, bis Ana jedoch bekannte: „Von Midjis habe ich keine Ahnung, aber Nykra habe ich schon einmal gehört. Ich hatte einen verrückten Traum.“
Tran und ich sahen uns bedeutungsvoll an. Wir schienen wirklich die drei auserwählten Träumerinnen zu sein.
„Ich stand in einem Wald und die Vögel riefen sich etwas über den Weltuntergang zu, dann stürzte mitten im Wald eine riesige Welle auf mich zu, überrollte mich, aber ich ertrank nicht, sondern fühlte mich im Wasser wohl, und da hörte ich den Namen Nykra. Was schaut ihr so? Ich bin nicht verrückt!“
Schnell warf ich ein: „Das sagt auch keiner. Es ist nur so, dass auch wir seltsame Träume und Erscheinungen hatten. Mir wurde gesagt, dass drei Träumer zusammenkommen müssten, um etwas zu retten. Und ich denke, wir sind diese drei. Ich habe außerdem von einer Toúta geträumt, die in Blut untergeht, wenn wir ihr nicht helfen. In dem Traum wurde mir gesagt, wenn das passierte, sei es meine Schuld, weil ich mich auf Vorurteile gestützt und nicht zugehört hätte. Und mir wurde auch ein Name genannt: Blawde.“ Ich brach ab, weil ich erneut den Raben vor meinen Füßen liegen sah und mir seltsamerweise die Augen brannten. Zum Glück sprach Tran weiter, erzählte von ihren Träumen und Erscheinungen und von dem Namen, der ihr genannt worden war: Billingra.
Doch all diese Namen halfen uns nicht weiter. Es war zwar interessant zu wissen, dass wir alle einen anderen vernommen hatten in unseren Träumen, die anscheinend vom Untergang einer Kultur oder etwas Ähnlichem handelten, aber was hatte das mit uns zu tun? Wieso sollten gerade wir sie retten?
Ana brach das Schweigen, indem sie sagte: „Lasst uns erst mal weiterschauen, was es in den Rätseln noch für Infos gibt. Da steht was von Leuten, die dem Regenbogen abgeschworen haben. Vielleicht sind das die Feinde unserer Toúta. Ich habe das ungute Gefühl, wir müssen erst diese Toúta finden, um Näheres zu erfahren. Aber wie sollen wir das machen?“
„Wahrscheinlich weisen diese Rätsel uns den Weg dorthin. Lasst uns mal schauen, was wir insgesamt haben. Wir müssen in ein abgefallenes Blatt von einem Baum, auch der Blutende genannt, Wasser und Blut füllen. Blut, das wir ‒ tja, womit eigentlich? ‒ von uns abzapfen. Darum haben wir uns noch überhaupt nicht gekümmert. Bruchstücke einer Seele sollen verletzen. Aber wie können wir dadurch anfangen zu bluten?“ Ich stockte und suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, dass sich das logischer anhörte.
Mit einem Mal kam Tran eine Idee. „Was ist, wenn es keine zwei Lebenssäfte sind, sondern etwas anderes? Was ist, wenn Tränen gemeint sind? Eine Seele, die in Trümmern liegt, kann einen so sehr verletzen, dass man anfängt zu weinen. Diese Wunde ist innerlich und schließt sich auch nicht so schnell.“
Irgendetwas an dieser Auslegung störte mich, aber ich konnte nicht sagen, was es war, schließlich hörte sie sich sehr logisch an. „Glaubst du das wirklich? Kommt es dir nicht seltsam vor? Ich habe dabei nämlich kein gutes Gefühl“, gab ich zu bedenken, einfach um sicherzugehen.
„Okay, dann zurück zu deiner Frage, wie kann eine Seele körperlich verletzen?“
„Nicht ein Bruchstück einer Seele, sondern etwas, das dafür steht. Und was dachten früher die Leute, was die Seele symbolisiert?“, mischte sich nun Ana ein. Wir wussten es nicht. „Ein Spiegel! Deshalb sollen Vampire auch kein Spiegelbild haben, weil sie keine Seele besitzen. Lest ihr keine Vampirbücher? Na ja, auf jeden Fall, wenn einer zerbricht, dann haben wir Bruchstücke einer Seele, deshalb soll man Spiegelscherben auch nicht sofort aufheben, dem Aberglauben zufolge.“ Triumphierend schaute sie uns an und allmählich begriffen wir.
„Natürlich, das ist es!“, rief ich aus und freute mich kurz wie ein kleines Kind. Ich konnte mich nur mit Mühe zurückhalten, um nicht in die Hände zu klatschen, und musste über mein kindisches Verhalten noch mehr lachen. Die anderen beiden sahen mich verwundert an und fragten sich sicherlich gerade, ob ich einen Schock oder Ähnliches erlitten hatte. Als ich mich beruhigt hatte, fuhr ich fort: „Gut, also Wasser aus dem Meer und Blut von uns, nachdem wir uns an einer Spiegelscherbe geschnitten haben, die beiden Flüssigkeiten werden in dem beschriebenen Blatt zusammengemischt und dann ... was passiert dann? Ansonsten wissen wir nur, dass es in einer Sommernacht und bei Vollmond passieren muss.“
„Zur Blutenden weiß ich noch etwas. Wir haben hier im Wald eine riesige Blutbuche, und zwar nur eine einzige. Dieser Baum ist ziemlich selten, also könnte es doch sein, dass es ein Blatt von dieser Buche sein muss“, erläuterte uns Tran.
Ich nickte zustimmend, als ich bemerkte, dass Ana krampfhaft etwas aufschrieb. Schließlich drehte sie den Zettel so herum, dass wir sehen konnten, was darauf stand.
Seid leise, es schleicht jemand um den Wohnwagen herum und scheint genau zuzuhören! Er hat eine schwarze Kapuze über dem Kopf und hat vorhin durch das Fenster gestarrt.
Wir sahen uns erschrocken an, nicht nur wegen Anas Nachricht, sondern auch, weil es soeben unvermittelt an der Tür geklopft hatte. Mit zitternder Stimme sagte Tran: „Herein“, während ich die Rätsel vom Tisch nahm und schnell in meine Tasche stopfte.
Die Tür schob sich langsam auf und eine verhüllte Gestalt erschien im Eingang. Wir sogen erschrocken die Luft ein und wichen ein Stück zurück. Der Eindringling war ziemlich groß, in einen bodenlangen schwarzen Umhang gehüllt und hatte die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er erinnerte mich irgendwie an eine Darstellung des Todes.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie von uns?“, fragte Ana angriffslustig, aber ich hörte den verunsicherten Unterton in ihrer Stimme.
Der Fremde verriegelte die Tür hinter sich und kam dann an den Tisch. Er zog sich den letzten Stuhl heran und setzte sich zu uns. Wir rückten ein Stück von ihm ab. Noch immer konnte ich kein Gesicht unter der Kapuze erkennen, obwohl ich ihm gegenübersaß und seinen Blick auf mir ruhen spürte. Dann begann er zu sprechen, seine angenehm tiefe Stimme drang in mich ein und beruhigte mich. Ich schielte zu den anderen und sah, dass auch sie sich unter seinen Worten entspannten.
„Ich bin bestrebt, euch zu helfen. Ihr habt das Rätsel teilweise gelöst, braucht momentan jedoch noch nicht mehr zu wissen, ihr könnt erst übermorgen tun, was in den Texten beschrieben wird. Dann ist zwar kein Vollmond mehr, denn der zeigt sich heute Nacht am Himmel, aber diejenigen, die dem Regenbogen entsagt haben, ziehen nun durch den Wald und würden euch töten. Ihr müsst unbedingt warten, vertraut mir.“
Ich sah ihn scharf an, mein Misstrauen kehrte zurück, und fragte: „Wie können wir Ihnen vertrauen, wenn wir nicht einmal wissen, wer Sie sind und aus welchem Grund Sie uns helfen wollen?“ Ich wusste nicht, ob ich es mir nur einbildete, aber ich glaubte, ihn leise lachen zu hören. Es war ein angenehmes, ruhiges Geräusch.
„Ich kann euch keine Antwort auf eure Fragen geben, es tut mir wirklich leid. Ihr müsst mir wohl oder übel, auch wenn es euch nicht gefällt, einen kleinen Vertrauensvorschuss gewähren. Aber was ich euch noch sagen sollte, bevor ich wieder gehen muss: Erzählt nie jemandem etwas von den Rätseln, von mir oder davon, wo ihr hingeht, verstanden? Es steht viel mehr auf dem Spiel, als ihr euch vorstellen könnt.“
Da sagte Tran mit frostiger Stimme: „Glauben Sie mir, wir wissen, was auf dem Spiel steht, dafür haben unsere Träume schon gesorgt.“
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