A. V. Frank - Waldlichter
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Er neigte den Kopf in ihre Richtung, sagte aber nichts mehr, sondern stand bloß stumm auf und ging zur Tür. Bevor er in die einbrechende Nacht davonhuschte, ermahnte er uns noch einmal: „Denkt daran, niemals jemandem auch nur ein einziges Wort zu sagen!“ Dann war er verschwunden und ließ uns restlos verwirrt zurück.
*
Kapitel 8
Nachdem der Fremde verschwunden war, blieben wir noch eine Weile regungslos sitzen, nicht in der Lage, uns zu rühren. Schließlich brachte ich heraus: „Hattet ihr gerade dieselbe Wahnvorstellung wie ich?“
„Ich auf jeden Fall“, ließ sich Lysana vernehmen, die auf ihrem Stuhl zusammengesunken war.
„Ja, ich habe dasselbe gesehen wie ihr, aber ob es sich dabei um eine Illusion handelte? Mich interessiert vor allem, ob wir ihm vertrauen können. Was meint ihr? Können wir?“ Ich war erstaunt, wie normal sich Tran anhörte, schließlich hatten wir gerade eine Begegnung mit einem ‒ tja, einem was eigentlich? ‒ hinter uns.
„Ich vertraue ihm. Ich weiß wirklich nicht wieso, aber ich komme nicht dagegen an, ihm einfach zu glauben. Also haben wir noch zwei Tage, bevor wir die Anweisungen des Rätsels befolgen können. Auch wenn ich nicht weiß, was uns das bringen soll“, erklärte ich. Natürlich war mir klar, dass der Fremde keine Wahnvorstellung gewesen war, aber ich wünschte es mir, denn ich hatte das ungute Gefühl, dass er uns einen Abschied prophezeit hatte.
Leise murmelte auch Ana etwas Zustimmendes, und so war es beschlossen. Wir würden dem Fremden glauben und nicht an Vollmond, wie es eigentlich vorgesehen war, sondern zwei Tage später in den Wald gehen, um dort ein Ritual zu vollziehen, von dem wir nicht wussten, was es bringen sollte.
Da fragte Tran etwas, das meine Befürchtungen zusammenfasste: „Machen wir das Richtige? Und was, wenn nicht? Was bringt uns das überhaupt?“
„Natürlich machen wir das Richtige! Und ich nehme an, dieses Ritual, oder was es ist, wird uns zeigen, wie wir die Toúta finden und retten können.“ Diese überhebliche Antwort kam von Ana und ich wusste noch nicht, ob ich ihr zustimmen konnte. „Na gut. Ich finde, wir sollten unsere Tage bis dahin sinnvoll nutzen. Also gehe ich jetzt in den Pub und genieße das Leben.“ Ana stand auf und rauschte zur Tür hinaus. Jedoch kam sie noch einmal kurz zurück und meinte zu uns: „Ach, übrigens, ich weiß selbst nicht, wie ich den Wolf heute Mittag vertrieben habe.“ Erneut drehte sie sich um und war in der Nacht verschwunden.
„Sie hat dasselbe gesehen wie wir, würde ich sagen“, stellte ich leicht sarkastisch fest und fügte hinzu: „Seltsam, dass ich das sagen muss, aber ich denke, sie hat recht. Also gehe ich auch in den Pub, vielleicht spielen sie dort ja gute Musik.“ Nach diesen Worten trat ich in die Dunkelheit, während ich Trans Blick in meinem Rücken spürte. Es war derart beklemmend im Wohnwagen gewesen, seit dieser Fremde verschwunden war, dass ich sehr erleichtert war, ihm entronnen zu sein. Nun atmete ich tief durch und schlenderte zurück zur Stadt. Vielleicht sollte ich wirklich in den Pub gehen, aber nach dem gestrigen Abend fühlte ich mich dort nicht mehr sonderlich wohl.
Als ich meine Gedanken schweifen ließ, trat etwas in den Vordergrund, das mich den gesamten Tag gedrängt hatte, es zu beachten. Dieser Morgen, an dem Ana so seltsam dagesessen und nach draußen gestarrt hatte, hatte mich an etwas erinnert, aber nun endlich konnte ich jenes Etwas benennen. Ich hatte geträumt, es war zwar derselbe Albtraum wie immer gewesen, aber dieses Mal hatte ich keine Stimme gehört und auch keinen Baum gefunden.
Stattdessen stand ich auf einmal an einer Klippe und dort, die Haare vom Wind verweht, saß meine Schwester, die auf die See hinausstarrte. Plötzlich schien sie eine Stimme zu hören und stand auf. Sie trug ein bodenlanges Leinenkleid, das im Mondschein dunkel wirkte, doch ich wusste, dass es sonnenblumengelb war. Das war immer ihre Lieblingsfarbe gewesen. Aus dem Wald, der hinter mir begann, trat eine männliche Gestalt und die beiden sprachen in einer mir unverständlichen Sprache miteinander. Obwohl ich sie nicht verstand, erschloss sich mir der Sinn der Worte. Er habe nach ihr gerufen, sie gesucht, woraufhin sie erklärte, sie habe nachdenken müssen und wäre deshalb hergekommen. Er forderte sie auf, die richtige Entscheidung zu treffen, es klang hart. Ich beobachtete, wie sie erst nach unten schaute und dann direkt in seine Augen. Sie meinte, sie habe die richtige Entscheidung getroffen, auch wenn es ihren Tod bedeutete. Ich sah, wie er auf sie zutrat und sie in seine Arme schloss.
Sie lehnte sich an ihn und flüsterte auf Englisch: „Ich weiß, du wirst für sie da sein, sollte sie jemals kommen. Hilf ihr, rette sie, aber erzähle ihr nichts von mir.“
Er antwortete ebenfalls auf Englisch und seine Stimme war verzerrt von Trauer: „Das war nicht die richtige Entscheidung, die ich meinte. Du wirfst dein Leben hin für einen Frieden, der nicht halten wird. Und du lässt mich allein, kurz nachdem ich dich endlich gefunden habe. Aber du weißt, dass ich dir den Gefallen tun werde, ich würde alles für dich tun. Immer.“
Dann küssten sie sich, nur ganz flüchtig, aber in meinem Hals bildete sich ein Kloß, weil die beiden so traurig wirkten. Und ich sah am Waldrand eine weitere Frau sitzen, auf deren Wangen Tränen schimmerten und die leise den Mond anheulte. Sie stieß ein Wolfsgeheul aus, das sehr authentisch wirkte.
An jene Frau, die so unglücklich über das Leid der Liebenden ‒ meine Schwester und ein geheimnisvoller Fremder ‒ zu sein schien, hatte mich Ana erinnert. Doch obwohl der Traum nicht in meinem Bewusstsein präsent gewesen war, wie hatte ich Ana damit in Verbindung bringen können? Sie hatte genauso traurig aus dem Fenster geschaut und leise geheult ...
Ich schüttelte den Kopf und bemerkte benommen, dass ich auf dem Boden kniete. Schnell richtete ich mich auf und klopfte mir die kleinen Steinchen von der Hose. Zum Glück war ich noch weit genug von der Stadt entfernt, damit mich keiner bemerkte. Ich rollte mit den Augen, schob die Überlegungen sowie den Traum selbst ganz weit von mir und beeilte mich, in den Pub zu kommen.
Der nächste Tag verging wie im Flug. Wirklich bewusst nahm ich nichts davon wahr, die Stunden erschienen mir verloren und verschwendet, da ich wusste, dass Dringenderes auf uns wartete, aber wieder einmal vermochte ich jenes nicht recht zu definieren.
Das Einzige, was mir im Gedächtnis blieb, war, dass Caro morgens wütend ihren Spiegel zerschlug und ich einen Splitter davon einsteckte. Wieso sie ausgerastet war, wusste ich nicht, sie wollte keine Antwort darauf geben, sondern fluchte einfach nur weiterhin.
Ich sah Tran mit Eric reden, sie schienen sich zu versöhnen und mir fiel ein, dass ich sie noch nicht nach ihm gefragt hatte. Außerdem bemerkte ich, dass Kath Lysana den ganzen Tag auf den Fersen blieb, doch ich hatte keine Gelegenheit, Ana allein zu erwischen und danach zu fragen. Dies waren die einzigen Ereignisse, die mir von unserem letzten Tag in Grettersane noch in Erinnerung geblieben waren.
Ich konnte es mir nicht erklären, aber das Gefühl des Abschieds wurde ich einfach nicht los. Ich war wieder einmal als Erste wach und packte ein paar Sachen in meinen Rucksack. Ein kleines Notizbuch, das ich von Vetana hatte und immer mit mir nahm, etwas Kleidung, eine Bürste und den Kulturbeutel. Meine Notfallkontaktlinsen. Mehr nicht. Ich hoffte immer noch, dass diese Vorsichtsmaßnahme unbegründet und es zudem nicht nötig war, Proviant einzustecken. Nachdem ich allerdings die anderen zum Frühstück geweckt hatte, gab ich dem Drang nach und steckte etwas Brot und ein paar Konserven in den Rucksack.
Die anderen waren inzwischen ausgeflogen und ich stand allein in unserem Apartment. Sie waren mir alle irgendwie ans Herz gewachsen, selbst in dieser kurzen Zeit, und ich konnte mir nicht vorstellen, sie zu verlassen. Doch vielleicht musste ich das gar nicht. Vielleicht irrte ich mich total und heute Nacht würde ich hierher zurückkehren. Doch wahrscheinlich war es wohl nicht. Und einen Moment lang überkam mich ein Anflug von Trotz. Ich war hier in Irland, um nach meiner Schwester zu suchen und um Spaß zu haben. Warum sollte ich mit einer Provinzmaus und einer Großstadttussi den Rat eines geheimnisvollen Fremden und die Weisungen von genauso geheimnisvollen Briefen befolgen? Wieso nur ließ ich mich auf diesen Wahnsinn ein?
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