Als wir uns beruhigt hatten, sagte ich: „Dann mal weiter. Dieses Blatt muss also auf einer Wurzel liegen, höher als die anderen abgefallenen Blätter. Allerdings ist jetzt Sommer und da gibt es nur halb oder ganz zersetzte Blätter.“
„Ja, aber es muss das erste Blatt sein, das herunterfällt, denn danach folgen seine Geschwister. Es passt, denn dieses Blatt könnte man rein theoretisch wirklich als Anführer der Blätter ansehen, obwohl es eigentlich allem untergeordnet ist.“
„Stimmt. Aber was das mit der Behüterin soll ... Ein Baum kann nirgends hinkommen und ansonsten wüsste ich nicht, wer als Blattbehüterin dienen könnte.“
Auch Transca schüttelte den Kopf und blickte nachdenklich auf das Rätsel. „Wir müssen noch rausbekommen, was mit Leben, Geschichten, Gut, Böse, Wahrheit und Lüge gemeint sein soll. Und wie kann ein Blatt etwas offenbaren? Und wie wieder lebendig werden, wenn es auf einer Wurzel liegt?“
Wir saßen noch einige Minuten grübelnd da, bevor ich frustriert den Kopf schüttelte und sagte: „Lass uns mit meinem Rätsel weitermachen. Das ist das längste, vielleicht bekommen wir dadurch auch die meisten Informationen. Also, an wen ist es gerichtet?“
„Ich denke, am Anfang an keinen und am Ende an dich, oder? Kommt dir das plausibel vor?“
„Nicht wirklich, aber mir ist gerade etwas eingefallen. Als ich im Wald war, habe ich auch so ein Rätsel aufbekommen und darin war von einer Nacht, die Mendelssohn-Bartholdy vertont hat, die Rede. Ich denke, er ist mit dem Komponisten gemeint. Das Lied hab ich gegoogelt, es ist ein Sommernachtstraum.“
„Also musst du das Lied abspielen, wenn was ist? Da steht etwas von einem, der sein vollstes Licht entfalten und seinen höchsten Punkt erreichen soll, der die Fluten anstacheln kann. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.“
„Für mich kann das nur der Mond sein, ich nehme an, der Vollmond. Der kann das Meer ja regelrecht antreiben. Und vollstes Licht hört sich für mich ebenfalls danach an. Und geht es nicht in Büchern auch immer um den Vollmond?“
„Stimmt, das hört sich stimmig an. Also weiter.“ Transca wirkte aufgekratzt wie ein kleines Kind, was mich unwillkürlich zum Schmunzeln brachte.
„Wie willst du weitermachen, von dem Rest verstehe ich rein gar nichts mehr.“
„Stimmt auch wieder. Sollen wir uns an Lysanas Rätsel machen oder damit warten, bis sie wiederkommt?“
Unerwartet ertönte da am Eingang des Wohnwagens ihre Stimme: „Nun braucht ihr nicht länger zu warten, ich bin wieder da.“ Wir drehten uns auf unseren Stühlen um und sahen tatsächlich Ana in der Tür stehen. Sie kam herein und ließ sich auf den dritten Stuhl fallen. „Was habt ihr bisher rausbekommen?“, erkundigte sie sich und mir war ihre Stimme eine Spur zu geschäftig, als ob das Ganze nur eine unangenehme Pflicht für sie sei.
„Wieso hast du dich dazu entschlossen, zurückzukommen?“, antwortete ich mit einer Gegenfrage.
Sie verdrehte genervt die Augen. „Nur weil ich blond bin, heißt das nicht, dass ich blöd bin.“
Ich konnte mir nicht verkneifen zu murmeln: „Das ist ja mal was ganz Neues!“
Sie warf mir einen bitterbösen Blick zu, fuhr aber ansonsten ungerührt fort: „Mir ist durchaus klar, dass ich dazugehöre und irgendwie mithelfen muss. Und ich dachte mir, dass ihr mit meinem Rätsel bis zum Ende warten würdet, also hab ich mich vorher einfach noch eine Weile entspannt. Wieso sollte ich auch die ganze Zeit dabeisitzen? Ich frage noch einmal, was habt ihr bisher rausgefunden?“
Ich rollte unglücklich mit den Augen, denn ich hasste Leute mit so einer egoistischen Einstellung. Während ich mich also noch über Ana aufregte, fasste Tran für sie unsere Vermutungen zusammen und berichtete, wie wir draufgekommen waren. Ana nickte anerkennend und stimmte uns zu. Dann nahmen wir uns ihr Rätsel vor.
„Also mit dem Du am Ende bin ich gemeint, da bin ich mir ziemlich sicher“, begann Ana.
„Wieso wirst du als Opfer des Kultes bezeichnet? Weißt du irgendetwas von einem Kult, der einmal in deiner Nähe seine Religion ausgeübt hat?“
„Nein, ich bin in einer perfekt katholischen Umgebung aufgewachsen, da gab es keine seltsamen Kulte.“
Also war dies offenbar eine der Aussagen, mit denen wir nichts anfangen konnten. Ich wandte mich gedanklich jenen beschriebenen Lebenssäften zu und erinnerte mich daran, dass irgendein griechischer oder römischer Philosoph und Arzt propagierte, wir bestünden aus vier verschiedenen Körpersäften. Vielleicht war davon ja die Rede. Soweit ich wusste, handelte es sich seiner Ansicht nach – wie hieß er denn noch mal? ‒ um weiße und schwarze Galle, Eiter und Blut. Oder waren es doch andere gewesen? Verärgert über mein schlechtes Gehirn runzelte ich die Stirn. Da bemerkte ich, dass die anderen das Thema gewechselt hatten, und ich hörte ihnen genauer zu.
Gerade sagte Tran: „Wenn man es so sieht, dann könntest du recht haben. Ja, ich denke, das würde passen, aber es bedeutet wahrscheinlich auch, dass wir die anderen Opfer sind, die erwähnt werden. Und mich würde wirklich mal interessieren, was wir opfern sollen.“
Verwirrt fragte ich dazwischen: „Moment mal, ich kann euch nicht folgen momentan, was ist das denn jetzt für ein Kult oder wovon redet ihr bitte?“ Ich sah, wie Ana verächtlich den Mund verzog, und konnte beinahe hören, wie sie dachte: „Na, wer ist jetzt blond?“
Bevor ich sie jedoch für ihre Gedanken anschnauzen konnte, sagte Tran: „Ana ist auf die Idee gekommen, dass damit der Kult gemeint sein könnte, der anscheinend hier in der Gegend am Werk ist, also, dass sie eines der Opfer ist, die im ersten Satz erwähnt werden. Dann wären wir wahrscheinlich die anderen beiden Opfer und ich hab mich gefragt ...“
„... was wir opfern müssen, so viel hab ich mitbekommen. Ja, ich denke, das könnte wirklich stimmen. Und ich hab mir was zu diesen Lebenssäften überlegt. Es gab doch mal diesen griechischen oder römischen Arzt und Philosophen, keine Ahnung, wie er hieß, der diese Theorie mit den Körpersäften hatte, weiße und schwarze Galle, Schleim oder Eiter und Blut. Vielleicht sind die ja damit gemeint.“ Die anderen starrten mich verständnislos an. Sie schienen keine Ahnung zu haben, wovon ich redete. „Habt ihr das nicht in der Schule gemacht?“, fragte ich sie unsicher.
Da brauste Transca auf, ich hatte offensichtlich einen empfindlichen Nerv getroffen. „Wie könnte ich so etwas hier auf der Schule lernen? Wir haben nur wichtige, wirklich wichtige Sachen beigebracht bekommen und nicht, was irgendein antiker Arzt mal gesagt hat. Wofür braucht man denn so ein Wissen? Und ich bezweifle, dass das damit gemeint ist, schließlich ist hier nur von zwei Lebenssäften die Rede.“
Verdutzt starrte ich sie an. Solche Gefühlsausbrüche war ich überhaupt nicht von ihr gewohnt. Hilfe suchend schaute ich zu Ana, die Tran genauso verwundert musterte.
Dann fing sie meinen Blick auf und beeilte sich zu sagen: „Mir kommt das entfernt bekannt vor, aber wieso sollte ich in der Schule aufpassen? Wie du schon gesagt hast, lernt man dort kaum was Nützliches. Aber die Idee, dass vielleicht zwei dieser Lebenssäfte gemeint sein könnten, hat schon was. Und wenn man das mit den Gegensätzen bedenkt, die keine sind, fällt mir sofort die weiße und schwarze Galle auf. Schließlich scheinen Weiß und Schwarz immer Gegensätze zu sein, sind es jedoch gar nicht.“
„Aber dann erklär mir doch bitte, wie man Galle aus dem größten Ort mit Leben entnehmen kann. Und wie willst du uns, also den Opfern, Galle abzapfen? Da finde ich es wahrscheinlicher, dass Blut gemeint ist. Es hat schon immer mehr Bedeutung gehabt als irgendwelche seltsame Galle.“ Damit hatte Tran natürlich recht. Aber wenn sie Blut sagte, wie wäre es dann mit ...
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