A. V. Frank - Waldlichter
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„Nicht so schlimm?“, beschwerte sich Ana. „Ich weiß zwar nicht, was bei dir steht, aber bei mir ist von Opfern und anderem abstrusen Zeug die Rede, und das nenne ich durchaus schlimm. Oh, ich weiß wirklich nicht, warum es euch etwas angehen sollte, aber leider habe ich das ungute Gefühl, dass es euch etwas angeht, schließlich habt ihr auch solche Briefe.“
„Opfer? Und wieso sollte es uns nichts angehen?“, fragten Tran und ich wie aus einem Munde.
„Ja, Opfer, muss ich erklären, was das ist? Ich meine, damit solltet ihr euch doch auskennen“, meinte sie in der Absicht, cool und unnahbar zu wirken, allerdings ohne Erfolg. Ihr Blick, der wohl überheblich aussehen sollte, wirkte eher Hilfe suchend und verwirrt. Als keine Antwort kam, fuhr sie fort: „Ich les ihn euch einfach vor, ja?“ Tran nickte.
„Lebenssaft von drei Opfern entnommen, mit Bruchstücken einer Seele Wunden zugefügt, die nicht leicht zu heilen sind, vermischt mit anderem Lebenssaft aus dem lebendigsten Ort unter Midjis’ Herrschaft bilden Gegensätze, die zunächst allzu klar scheinen, es aber nicht sind. Doch Nykra befiehlt sie alle zu sich, alle Lebenssäfte werden zur Nahrung der Toten, ausgenommen Säfte von jenen, die dem Regenbogen abgeschworen haben, und vor ihnen musst du, das Opfer des Kultes, dich in Acht nehmen.“
Wir starrten sie fassungslos an. Schließlich sagte ich mit etwas zittriger Stimme: „Okay, so seltsam ist meine Nachricht nicht, oder eher gesagt, so seltsam schon, aber nicht so grausig.“ Dann sah ich auf den Brief in meinen Händen hinab und begann, mit stockender Stimme vorzulesen: „Jener weltbekannte Komponist, der die Zeit angab, muss sein schönstes Werk spielen, wenn derjenige, der die Fluten anzustacheln weiß, seinen höchsten Punkt, sein vollstes Licht entfaltet hat. Ferner ist das, was uns alle umgibt und ausmacht, das sich in drei Formen zeigt, nicht immer leicht und Verluste soll man nicht rächen, sondern betrauern, Gefühle sollen nie die Oberhand gewinnen, sondern inspirieren, und Qualen nicht ausgestanden, sondern bekämpft werden. Du kennst viele Wege und Arten zu existieren, ohne zu fühlen, zu träumen, ohne zu schlafen, und zu sein, ohne zu wissen, wer du bist. Denke daran, nichts ist Zufall, und habe Vertrauen. Lasse den Raben krächzen.“
Als ich aufblickte, waren zwei äußerst verwirrte Blicke auf mich gerichtet. Bestürzt bemerkte ich, dass meine Finger zitterten, und damit sie etwas zu tun hatten, faltete ich das Blatt hastig zusammen. Ich sah Tran an und sagte: „Komm, lass auch du die Katze aus dem Sack.“
Sie nickte zustimmend und begann vorzulesen: „Toter Spender von Energie, du musst Leben und Geschichten, Gut und Schlecht, Wahrheit und Lüge offenbaren. Doch Totes allein kann nicht wieder lebendig sein, so musst du auf dem, was dich hielt, das du aber nie berührtest, auf dem, was dich mit Leben versorgte, dich aber nie wahrgenommen hat, liegen, höher als deine toten Brüder. Doch nicht beliebig kannst du sein, sondern nur der Erste, Vorbild für Geschwister und doch allem untertan. Und wenn deine Behüterin kommt, durch das Holz zum Blutenden, jene, welche aufwuchs im Glück, das jedoch nun so tot ist wie du, dann musst du bereit sein.“
Wir sahen uns sprachlos an und hatten keine Zweifel mehr, dass hier etwas nicht richtig lief. Dann sagte Tran mit noch immer belegter Stimme: „Lasst uns bei mir zu Hause drüber reden, da sind wir ungestörter.“ Ohne Protest folgten wir ihr.
In ihrem Wohnwagen setzten wir uns an den Tisch und legten die Rätsel darauf. Dann lasen wir sie uns noch ein paarmal durch. Schließlich sah mich Lysana abwartend an.
„Was schaust du so?“, fragte ich sie.
„Ich warte darauf, dass du uns die Lösung präsentierst. Du bist so ein Rätseltyp und ich kann mit den Teilen da“, sie sah abwertend auf die Blätter und rümpfte demonstrativ die Nase, „einfach nichts anfangen. Also?“
Ich zog die Augenbrauen hoch und sah sie ungläubig an. „Wie kommst du darauf, ich sei ein Rätseltyp? Ich verstehe von Rätseln generell sehr wenig.“ Dann wandte ich den Blick ab und begegnete dem von Transca. „Bist du gut im Rätselraten?“
„Nicht wirklich, aber ich kann es ja mal versuchen. Bleibt ihr bitte da und helft mir?“
„Natürlich, ich bleibe gerne, vielleicht schaffen wir es zu dritt.“
Unvermittelt stand Ana auf und sah zu uns herunter. Dieses Mal gelang ihr der überhebliche Blick. „Ich werde nicht hier rumsitzen und irgendwelche Rätsel lösen, sondern mir endlich mal einen Jungen suchen. Vielleicht ist ja dieser Jamie interessiert.“ Sie lächelte uns süffisant an und verließ den Wohnwagen.
Ich wollte schon aufspringen und ihr nachlaufen, ihr sagen, dass das hier wichtiger als irgendein Junge war, aber Tran hielt mich zurück, indem sie sagte: „Lass sie, sie wird ihren Fehler vermutlich schneller, als ihr lieb ist, erkennen und von selbst zurückkommen.“
„Sie bringt mich mit ihrem Verhalten einfach zur Weißglut.“
„Mich auch, aber wir können wohl nichts daran ändern.“
Nicht wirklich überzeugt setzte ich mich wieder an den Tisch und versuchte mich auf die Rätsel zu konzentrieren. Doch meine Gedanken schweiften wieder zu dem Überfall heute Mittag zurück und unvermittelt fragte ich Transca: „Was ist heute im Wald passiert? War es eine Riesenspinne?“ Ich beobachtete sie ganz genau, deshalb entging mir weder das Erstaunen noch das kurze Aufflackern eines Grinsens.
„Nein, ich zumindest habe da einen großen Wolf gesehen, der dann wieder abgehauen ist.“
„Ich auch, aber für mich hat es so ausgesehen ... na ja ... als ob Ana ihn vertrieben hätte.“
Nun musterte mich Tran ihrerseits genau. „Für mich auch, aber wie soll sie das bewerkstelligt haben? Wie soll sie einen ausgewachsenen, verhungerten Wolf von einer potenziellen Beute, nämlich uns, fernhalten? Und wieso können sich die anderen nicht daran erinnern?“
„Oder anders gefragt, wieso können gerade wir uns an die Wahrheit erinnern? War es überhaupt die Wahrheit, was sich vor unseren Augen abgespielt hat, oder haben die anderen die Realität gesehen?“
Kurz herrschte Schweigen, wir suchten beide nach Antworten, als Transca noch zwei Fragen einfielen. „Meinst du, Lysana erinnert sich an den Wolf? Und hängen diese Briefe mit dem Vorfall zusammen?“
„Ich habe keine Ahnung“, war alles, was mir dazu einfiel. Dann fügte ich mit einem Seufzer hinzu: „Lösen wir erst mal das schriftliche Problem vor uns, vielleicht können wir anschließend mehr sagen. Welches Stück sollen wir uns zuerst vornehmen?“
„Ich denke, meines ist am konkretesten formuliert. Also schön, von vorne ... Angesprochen ist ein toter Spender von Energie. Irgendwelche Ideen?“
„Nicht wirklich. Wir sollten erst einmal Informationen suchen über das Du. Es wird gehalten von etwas, aber nie berührt davon ... Geht das überhaupt?“ Ich stockte, bevor ich richtig angefangen hatte.
Tran zuckte ratlos mit den Schultern und machte weiter. „Und es wird mit Leben versorgt, kann also nicht selbst leben und wurde nicht wahrgenommen ... Wie soll das gehen? Wie kann jemand mit etwas versorgt werden, ohne wahrgenommen zu werden?“
„Vielleicht ein Dieb. Wenn man einen einlädt zum Beispiel und der dann etwas mitgehen lässt, dann wurde er versorgt, ohne dass diese Versorgung wahrgenommen wurde.“
„Denke ich nicht. Du vergisst, es muss außerdem ein Spender von Energie sein und von jemandem gehalten werden, ohne von diesem berührt zu werden.“
„Warte mal, da steht die Vergangenheitsform, also wird er jetzt nicht mehr mit Leben versorgt oder gehalten ...“ Plötzlich sprang Tran triumphierend auf und führte einen kurzen Freudentanz zu einem Lied, das im Hintergrund im Radio lief, auf.
Verwirrt sah ich ihr zu. „Verrätst du mir, was los ist? Du hast es gelöst? Dann sag es mir!“ Sie schaute mich an, strahlend und grinsend, und sagte: „Nein, habe ich nicht, aber das ist eines meiner Lieblingslieder und ich wusste nicht mehr, wie es heißt.“ Enttäuscht ließ ich den Kopf hängen, als ich sie lachen hörte. „Du bist so leicht in die Irre zu führen. Natürlich ist das eines meiner Lieblingslieder, aber ich weiß auch, wer mit du gemeint ist. Es ist ein totes Blatt! Wurzeln halten den Baum und der wiederum die Blätter, aber ein Blatt berührt die Wurzel im Normalfall nicht. Es betreibt Fotosynthese, die den Baum am Leben erhält, und der versorgt im Gegenzug die Blätter mit Wasser, nimmt aber nicht jedes richtig wahr. Fertig!“ Sie lachte und dieses Mal konnte ich einstimmen. Ihre Lösung stimmte perfekt mit den notierten Kriterien überein.
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