A. V. Frank - Waldlichter
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Ich murmelte leise: „Sorry, aber da muss ich drangehen“, und verschwand im Wald, um ungestört zu sein. Dann nahm ich ab und sagte: „Mum? Dad? Was gibt’s, es ist echt nicht passend!“
Gedämpft hörte ich die Stimme meiner Mutter aus dem Hörer. „Hallo Victoria. Ich freue mich auch riesig, mal wieder etwas von dir zu hören, und ja, mir geht es gut, danke der Nachfrage! Was es gibt? Ich mache mir Sorgen um meine Tochter und wollte mal mit ihr sprechen. Hast du denn nun nicht mal mehr Zeit für deine Eltern? Wo du schon den armen John abserviert hast, kaum dass du in Irland warst. Ich wusste von Anfang an, dass dieses verfluchte Land dir nicht guttut.“
Beinahe wäre mir das Handy aus der Hand gefallen, so geschockt war ich über den armen John. Meine Eltern hatten beide von Anfang an gesagt, dass sie nicht mit unserer Beziehung einverstanden wären. Wieso hatte sich das jetzt, wo es keine Beziehung mehr gab, geändert? Außerdem hatte ich gute Gründe für diesen Schritt gehabt, man erinnere sich bloß an diese eindeutig weibliche Stimme aus dem Hintergrund.
„Wieso steht ihr jetzt hinter John? Hat er euch erzählt, dass er eine Neue hat? Und natürlich habe ich Zeit für euch, nur eben nicht jetzt.“
„John hat keine Neue, es war eine Freundin, die ihn nur besucht hat, und dann bist du gleich verrückt geworden und hast das als Vorwand benutzt, um mit ihm Schluss zu machen. Das ist die Geschichte, wie John sie mir erzählt hat, und wir hatten noch nie etwas gegen ihn. Er war komplett fertig, der Arme. Ich wusste nicht, dass du so kalt und ungerecht sein kannst. Außerdem müssen wir nicht lange miteinander reden, deine Freizeit wird schon nicht unter diesem Gespräch leiden.“
Nun wurde ich richtig sauer und antwortete mit bissiger Stimme: „Stimmt, meine Freiheit nicht, aber meine Laune! Und dass ihr nichts gegen meinen Ex habt, habe ich gerade zum ersten Mal gehört.“
„Das haben wir doch immer betont, dass wir froh über eure Beziehung sind. Und wir standen ihr auch nie im Wege. Du behauptest ständig Sachen, die uns so böse dastehen lassen. Du hast dich so verändert!“
Fassungslos lauschte ich den Worten meiner Mutter. War das ihr Ernst? Ich erinnerte mich nur zu gut daran, dass sie mir und meiner Beziehung immer im Weg gestanden hatten, egal, ob es um einen Aufenthalt bei dem anderen, einen Kinobesuch oder Ähnliches ging. Wie konnte sie nur die zahlreichen Streitereien, die Johns wegen geführt worden waren, so einfach verleugnen?
„Weißt du was? Hör mit dem Drogenkonsum auf, was auch immer du dir spritzt, und such dir ein anderes Objekt, das du kontrollieren kannst. Wir reden miteinander, wenn ich zurückkomme. Falls ich zurückkomme.“ Stinksauer legte ich einfach auf und schaltete das blöde Teil aus. Seit ich hier war, hatte es mir nur schlechte Neuigkeiten überbracht.
Dann ging ich betont fröhlich zu den anderen zurück, antwortete nicht auf ihre Fragen und fand mich in einem angeregten Gespräch mit Kath über Bücher wieder. Doch dieses wurde jäh unterbrochen, als Marina laut aufschrie und zurückstolperte. Sie war an den Waldrand gegangen, um sich mal etwas umzuschauen, und war nun kalkweiß im Gesicht. Wir sprangen hastig auf und stürzten auf sie zu, als auch wir entdeckten, was sie so erschreckt hatte. Ein großer grauer Wolf, der allerdings ziemlich verhungert und zerrissen wirkte, schlich leise aus dem Wald.
Normalerweise sollte er nicht hier sein. Normalerweise dürfte sich kein Wolf so nahe an uns herantrauen. Normalerweise sollte er nun Stopp machen und flüchten, denn auch die meisten anderen unserer Gruppe hatten angefangen zu schreien. Normalerweise sollte es hier gar keine Wölfe geben, zumindest laut Tran, die sich hier eigentlich sehr gut auskannte.
Aber es war nichts Natürliches daran, wie er sich immer näher an uns heranschlich, wie er die Zähne zeigte und knurrte, und auch nicht daran, wie Ana vortrat, ihm den Weg verstellte und zurückknurrte. Ein animalisches Geräusch kam über ihre Lippen, woraufhin der Wolf prompt seinen Schwanz einzog, sich umdrehte und wieder im Wald verschwand. Mit einem leisen Aufseufzen wurde Marina ohnmächtig, wir konnten sie gerade noch so auffangen.
Ich war vor allem verwirrt. Ich hatte eigentlich keine riesige Angst gehabt, sondern mir eher Fragen gestellt, wieso der Wolf hierhergekommen war, wieso Ana das gemacht hatte, wobei ich nicht mal beschreiben konnte, was das gewesen war, und wieso der Wolf anschließend verschwunden war.
Die anderen standen eine Weile nur da und starrten in die Ferne. Dann schienen sie aus ihrer Trance zurückzukehren und begannen, Marina zu schütteln. Als diese schließlich aufwachte, wurde es für mich noch verwirrender. Denn sie wurde gefragt, warum sie so geschrien hätte, was sie in dem Wald gesehen habe, das sie derart in Panik versetzt hätte, und ihre Antwort lautete, sie sei vor einer Spinne erschrocken und könne sich nicht mehr daran erinnern, was danach passiert wäre.
Nun war ich restlos verwirrt, denn ich konnte noch immer den Wolf vor mir sehen, wie er auf uns zukam. Konnte sehen, wie Ana uns rettete. Doch die anderen schienen keinen Wolf gesehen zu haben, sondern eine große Spinne, und an mehr konnten sie sich nicht erinnern. Nur Ana sah ich ebenfalls die Stirn runzeln.
Nach diesem Ereignis brachen wir auf und hasteten zurück nach Grettersane, allesamt zwar anscheinend aus verschiedenen Gründen geschockt, aber darin einig, so schnell wie möglich von der ach so wundervoll friedlichen Lichtung wegkommen zu wollen.
Endlich wieder in Grettersane angekommen, empfing uns Lilly. „Da seid ihr ja! Was ist denn passiert? Ihr seht ja schlimm aus.“
Kath rang zwar noch nach Atem, übernahm aber den Bericht unseres kleinen Abenteuers. Als sie geendet hatte, musste Lilly offensichtlich ein Lachen unterdrücken. Aber der Spott war in ihrer Stimme zu hören, als sie nachfragte: „Marina hat also eine große Spinne gesehen, geschrien und dann seid ihr alle in wilder Hast geflohen? Vor einer Spinne? Wie alt seid ihr denn?“
Die anderen wurden rot, ich allerdings fragte ungerührt zurück: „Wieso hast du uns gesucht? Gibt es irgendetwas Wichtiges?“
Sie schaute mich an, schien einen Moment zu zögern und zu überlegen, ob sie das Thema Spinne schon ruhen lassen sollte, und antwortete dann: „Ja, ich habe hier Nachrichten für ... Moment ... ah, für Lysana, Tran und dich, Victoria.“ Wir runzelten verwirrt die Stirn und nahmen die kleinen Zettel, die aus feinem, aber fremdartig wirkendem Papier bestanden, entgegen. Sie winkte uns zu, grinste noch einmal und war dann hinter der nächsten Hausecke verschwunden.
Marina verabschiedete sich mit der Erklärung, dass sie sich erholen müsse, und ging in Richtung der Ferienwohnsiedlung davon. Caroline lief ihr hinterher, sie wollte ihre Schwester nicht allein lassen. Kath und Philipp verzogen sich in ihre Wohnung, Melissa und Lisa stritten sich und entfernten sich dabei immer mehr von uns. Schließlich blieben nur noch Ana, Tran, Eric und ich übrig. Wir Mädchen sahen uns gegenseitig an und falteten dann die Zettel auf. Dort stand in enger, schwer zu lesender Schrift etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Verstohlen musterte ich die anderen beiden und sah, dass auch sie sehr erschrocken wirkten.
Eric fragte uns: „Was ist los? Was steht auf den Zetteln? Warum seid ihr so blass?“ Er schien ernsthaft besorgt.
Ich fand meine Stimme wieder und beruhigte ihn: „Es ist nichts Wichtiges. Brauchst dir keine Sorgen zu machen, wirklich. Ich weiß zwar nicht, was bei euch steht, aber so schlimm kann es ja nicht sein.“ Ich sah die Mädchen an, die offenbar wieder klarer wurden und nickten. Eric schien mir zwar nicht zu glauben, fragte aber nicht weiter nach. Er verabschiedete sich nach etwa fünf Minuten ohne Erklärung und ließ uns drei zurück.
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