A. V. Frank - Waldlichter
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Als ich meine Brille aufsetzte, musterte sie mich mit düsterem Blick. Ich unterdrückte mit Mühe ein Augenrollen, schließlich hatte ich ihren Ärger über mein atemberaubendes Gesangserlebnis bereits gestern gespürt. Dabei konnte ich mir selbst nicht erklären, was mit mir los war. Also sagte ich nur Guten Morgen und ging duschen.
Als ich aus dem Bad zurückkam, schliefen außer Ana immer noch alle und so beschloss ich, sie genauso zu ignorieren, wie sie es mit mir tat, und schrieb meinen Eltern eine kurze SMS, in der ich Bescheid sagte, dass es mir gut ginge und es toll wäre. Das war das Mindeste, was ich tun konnte, auch wenn es mich wurmte, dass ich als Achtzehnjährige meinen Eltern Rückmeldung geben musste. Nun ja, jetzt war es erledigt und ich erwartete auch keine Antwort, also pfefferte ich mein Handy in meinen Koffer, der geöffnet unter meinem Bett hervorlugte.
Dann betrachtete ich aus den Augenwinkeln Ana, die erneut zum Fenster hinaussah. Sie wirkte gedankenversunken und traurig. Etwas in mir wollte sich immer noch erinnern, doch der Rest wusste nicht einmal, wieso ihn das interessieren sollte. Inzwischen war es zehn, wie ich feststellte, als ich auf die Uhr an der Wand sah. Unruhig wippte ich mit dem Fuß und ließ meinen Blick unstet im Raum umherschweifen. Die Ordnung, die Eric am Tag zuvor hergestellt hatte, hatte bereits wieder gelitten.
Ich hatte extreme Langeweile, wollte die anderen aber nicht wecken. Doch schon bald hielt ich es nicht mehr aus, nahm mir mein Buch heraus und las. Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es vierzehn Minuten nach elf. Ana hatte anscheinend alles gesehen, was es draußen zu betrachten gab, und las ebenfalls. Doch mir fiel auf, dass sie selbst dabei andauernd aus dem Fenster blickte und nachdenklich die Stirn runzelte.
„Wahrscheinlich hat sie sich gestern mit irgendeinem Typen verabredet und ist nun beunruhigt, weil er nicht kommt“, dachte ich verächtlich.
Nachdem ich weitere hundert Seiten gelesen hatte, begann sie plötzlich, leise Laute auszustoßen. Ich sah sie verärgert an, doch sie hatte ihren Blick schon wieder auf das Fenster gerichtet und schien dabei irgendetwas zu flüstern.
„Siehst du gerade das erste Mal einen Vogel fliegen oder was ist da draußen so interessant?“, fragte ich sie genervt. Ich konnte nicht richtig hören, was sie da von sich gab, aber es ging mir gewaltig auf den Geist.
Erschrocken fuhr sie zusammen und starrte mich dann mit zornfunkelnden Augen an. „Nur weil ich aus der Großstadt komme, heißt das nicht, dass ich noch nie fliegende Vögel gesehen habe, klar? Und was hast du eigentlich gegen mich, dass du mich immer sofort anmachen musst?“
Ich las weiter, ohne ihr eine Antwort zu geben, aus dem einfachen Grund, weil ich keine wusste. Natürlich brachte sie mich mit ihrem Benehmen ständig auf die Palme, aber ansonsten ignorierte ich solche Gehirnamputierten doch auch. Wieso sie nicht? Ich wusste es nicht. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, sie würde irgendwen damit beleidigen, wenn sie sich so benahm, aber das war so unsinnig, dass ich das nicht als Grund nennen konnte. Vielleicht hätte ich sie fragen sollen, was sie da machte, aber jetzt war es wohl zu spät. Also musste ich ertragen, dass sie ganz leise Töne ausstieß, die ich nach kurzer Zeit Tierlauten zuordnete, und konnte nichts dagegen tun.
Mit einem Mal hörte ich von draußen ganz leise ein Wolfsheulen und starrte besorgt aus dem Fenster. Ich hatte nicht gewusst, dass es hier in der Nähe Wölfe gab. Und dann passierte etwas, was mich noch viel mehr erschreckte. Ana starrte noch immer bewegungslos aus dem Fenster, schien nun mit den Gedanken an einem komplett anderen Ort zu sein und heulte ebenfalls, als ob sie dem Wolf antworten würde.
Plötzlich erklang ein lautes Heulen ganz in der Nähe und alle Schlafenden schraken auf. Ich war derweil zum Fenster gerannt und hatte nach draußen gestarrt, aber niemand, weder Wolf noch Mensch war zu sehen. Als ich mich zu Ana umdrehte, spielte ein Lächeln um ihre Lippen. Im restlichen Zimmer herrschte Aufruhr, alle rannten und redeten wild durcheinander.
Da hörten wir jemanden an die Tür klopfen und ich öffnete. Draußen stand Lilly, die mich beruhigend anlächelte. „Ich wollte bloß Bescheid sagen, dass hier kein echter Wolf herumstreunt, es war wohl nur ein Witzbold, der den Wecker spielen wollte.“
„Das hat auf alle Fälle geklappt“, sagte ich noch, bevor Lilly mir den Rücken zuwandte und zum nächsten Haus eilte. Ich schloss die Tür und rief dann den anderen zu: „War nur ein Scherz, kein Wolf hier!“
Da hörte ich erleichtertes Aufseufzen und setzte mich wieder auf die kleine Couch, die im Vorraum stand. Dort wartete ich, bis meine Mitbewohnerinnen kamen, nun endlich vollständig wach, und wir gingen gemeinsam nach draußen. Caroline und Marina gingen zu Haus eins und riefen Eric und Philipp heraus. Dann bewegten wir uns zum Ortskern, um Tran und Kath abzuholen, doch die beiden kamen uns schon atemlos auf halbem Wege entgegen.
Kath fragte sogleich: „Ist alles in Ordnung, ist der Wolf wieder weg? War es überhaupt ein Wolf? Wir haben nur das Heulen gehört und sind gleich hergekommen.“
Philipp lachte, trat nach vorne und nahm sie in den Arm. „Keine Sorge, es war kein echter Wolf und es gibt bloß einen Toten.“
Wir brachen in Gelächter aus, als Kath ihn mit großen Augen ansah. Caro klärte Tran gerade flüsternd über die Wahrheit auf, doch Kath fragte jetzt in so ernstem Ton, dass uns beinahe die Lachtränen kamen: „Was? Wer ist tot? Und wieso ist das zum Lachen?“
Da hielt es Melissa anscheinend nicht mehr aus und rief: „Der verarscht dich doch nur, kein Wolf, keine Toten, so sieht’s aus.“
Zuerst schien sie ihr nicht zu glauben, aber dann begann sie, Philipp auf den Arm und auf die Brust zu schlagen und zu lachen. Er entfernte sich grinsend aus der Reichweite ihrer Arme und entschuldigte sich bei ihr.
Als wir alle uns beruhigt hatten, überlegten wir, was wir mit dem Tag anfangen sollten. Es war ziemlich sonnig und mit knapper Mehrheit beschlossen wir, in den Wald zu gehen und dort nach etwas Bewegung zu picknicken.
Eine Stunde später befanden wir uns unter den Kronen unzähliger Bäume. Tran führte uns, zeigte uns ihre Lieblingsstellen, erzählte uns ein paar Geschichten, die nur noch für Ana und mich wirklich interessant waren. Wenn den anderen dabei langweilig wurde, griff Kath ein und erzählte ein paar Witze. Laut schwatzend und lachend liefen wir also durch den Wald, trampelten ohne Nachsicht über Blumen und Pflanzen. Und wieder einmal verfolgten uns unbemerkt Schemen in den Bäumen.
Als die Sonne im Zenit stand, suchten wir uns einen schönen Platz zum Picknicken und wurden auch bald fündig. Wir waren immer weiter nach Norden und damit auf die Berge zugegangen. Tran hatte zwar darauf bestanden, dass wir wieder umkehrten und uns sonst irgendwo hinsetzen sollten, aber Kath hatte ihren Protest einfach abgetan und ziemlich bald eine kleine Lichtung gefunden, die perfekt zum Picknicken war. Mir jedoch fiel auf, dass sich Tran unbehaglich umsah und des Öfteren auf eine bestimmte Stelle am Waldrand starrte. Sie blieb die folgende Stunde, die wir dort verbrachten, angespannt und schien ernsthaft wütend auf Katherina zu sein. Aber auch ich fühlte mich nicht sonderlich wohl auf dieser Lichtung. Sie schien viel zu perfekt und friedlich zu sein. Normalerweise hatte ich nichts gegen Frieden, aber dieser Ort war mir einfach nicht geheuer.
Noch etwas anderes fiel mir auf, als wir hier zusammensaßen, nicht nur die zunehmende Spannung zwischen Kath und Tran, sondern auch der eindeutige Vertrauensverlust zwischen Eric und Tran. Und auch Melissa und Lisa hatten schon einmal glücklicher ausgesehen, dabei kannte ich sie noch keine ganze Woche. Caro und Marina schienen immer noch die Alten zu sein, also setzte ich mich zu ihnen und nahm an ihrer Unterhaltung teil. Bis mit einem Mal mein Handy klingelte. Fassungslos starrte ich auf das Display. Das waren doch wirklich meine Eltern!
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