A. V. Frank - Waldlichter
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Kurz wunderte sie sich über den Namen Draugrande, den sie nie zuvor gehört hatte, dann fragte sie: „Und wie?“
„Ich werde ab heute jeden Abend vorbeikommen, allein schon, damit ich dich wiedersehen kann.“
„Nein, das geht nicht!“, rief ihr Mund ohne ihr Zutun. „Ich meine, ich nehme an, der Weg ist für dich viel zu weit, und Billingra hat mir gesagt, bis wir uns wiedersähen, würde noch eine Weile vergehen. Wir würden beide gebraucht werden, aber nicht zusammen“, gab sie die Worte wieder.
Ihm stiegen beinahe die Tränen in die Augen und er schüttelte unglücklich den Kopf. „Wenn es denn so sein soll.“ Entschlossen stand er auf und zog seine Schuhe an. Auch sie erhob sich, sie umarmten sich fest, küssten sich, wobei sie beide weinten, er drehte sich um und verschwand schließlich für längere Zeit aus ihrem Leben.
*
Kapitel 6
In meinem Traum war ich in demselben Wald wie immer. Doch diesmal erkannte ich, dass es der Wald war, durch den ich erst vor ein paar Stunden wirklich gegangen war.
Überall wurde Musik gespielt und ausgelassen getanzt, die menschenähnlichen Gestalten konnte ich jedoch nicht klar erkennen, wusste nur, dass es eben keine Menschen waren. Sie bewegten sich zu schnell und grazil. Es wurde überall gefeiert und lachende Gestalten sprangen und tobten um mich herum. Über dem Ganzen lag ein leicht violetter Schimmer.
Zwei Gestalten kamen auf mich zu, doch auch sie blieben verschwommen. Sie sagten mir, ich solle nicht zögern, meiner Intuition zu vertrauen, es wäre äußerst wichtig.
Plötzlich wandelte sich das Violett zu Rot, schwarze Gestalten stürmten die Runde der Feiernden und ich hörte das Schreien und Stöhnen der Angegriffenen.
Dann stieg ein riesiger Rabe zu mir herab und schaute mich aus klugen Augen an. Ich schien in meinem Kopf seine Stimme zu hören, die mir sagte, dies sei meine Schuld, ganz allein meine Schuld, weil ich mich auf Vorurteile gestützt und nicht zugehört hätte. Der Rabe blutete auf einmal aus dem Hals und sein Kopf fiel mir vor die Füße, anscheinend ohne einen Grund von seinem Körper getrennt. Er krächzte noch einmal und ich glaubte, den Namen Blawde zu hören. Dann überspülte mich eine riesige Trauer wegen dieses Verlusts und ich wachte auf.
Schluchzend lag ich auf dem Bett und wusste nicht, wieso ich weinte. Schleunigst befahl ich mir, damit aufzuhören, und irgendwann gehorchte mir mein Körper. Ich taumelte ins Bad und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. „Mal wieder selbst schuld“, dachte ich mir, „du hast dir ja schließlich vorgenommen, etwas Nützliches zu träumen.“ Nur leider war das nicht wirklich nützlich gewesen. Ich hatte von feiernden Leuten geträumt, die angegriffen wurden, und von einem Raben und zwei Leuten, die mir entweder gesagt hatten, ich solle auf meine Intuition vertrauen, oder mich für den Angriff verantwortlich machten.
Verrücktes Land! Kaum war man hier, geriet alles aus den Fugen.
Ich griff nach den Handtüchern, durchnässte sie mit eiskaltem Wasser und klatschte jeder meiner schlafenden Mitbewohnerinnen eines ins Gesicht. Als diese blinzelnd aufwachten, verkündete ich: „Aufstehen, ihr Schlaftabletten, wir haben Dienstagmorgen und es ist“, ich schaute schnell auf meinen Wecker, „schon neun Uhr durch.“
Sie rappelten sich langsam auf und die morgendliche Routine begann. Bald waren wir fertig, blieben aber auf unseren Betten hocken, weil wir keine Lust hatten, irgendetwas zu unternehmen. Als ich einmal aus dem Fenster schaute, einfach so, ohne bestimmten Grund, erblickte ich einen Raben, der mich sehr genau musterte. Sofort flog er davon und ließ mich erschüttert zurück. Konnte ich wirklich jemals für so etwas Schreckliches wie den Überfall in meinem Traum verantwortlich sein?
***
Ana wachte von dem kalten, nassen Handtuch in ihrem Gesicht auf und schaute Vici grummelnd an, die sich gerade ins Bad verzog. Wieso hatte sie sich hier schon so perfekt eingelebt, wo sie sich noch immer wie eine Außenseiterin fühlte?
Glücklicherweise hatte sie diese Nacht nichts geträumt und fühlte sich komplett erholt. Voll Bewunderung bemerkte sie, dass sie gestern keinen Schluck getrunken hatte, was schon seit mehreren Wochen nicht mehr der Fall gewesen war. Dieser Trick mit den Handtüchern half wirklich.
Sie schob ihre Brille auf die Nase und setzte sich auf. Auch die anderen richteten sich auf, redeten leise miteinander und ignorierten sie ziemlich. Da ihr offensichtlich freiwillig keine Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde, musste sie wohl irgendwie auffallen. Sie grübelte bereits über einen coolen Spruch à la „Ich bin die Königin, wo bleiben meine Diener?“ nach, als sie ganz leise eine Stimme in ihrem Kopf flüstern hörte.
„Wenn du das jetzt machst, werden sie dich in Zukunft nur noch mehr ignorieren, und das kleine Fünkchen Ansehen, das du dir bisher erworben hast, wird ersterben wie eine Kerze im Wind. Sei geduldig.“ Dann herrschte wieder Stille in ihrem Kopf und sie blieb verdutzt sitzen.
Drehte sie allmählich in diesem Dreck und der Landluft durch? Womöglich.
Da kam Vici aus dem Bad, erklärte, sie wolle für alle in die Bäckerei gehen, und fragte, wem sie was mitbringen solle. Sie nahm einen kleinen Notizblock zur Hand und schrieb sich alles auf. Ana wollte ein belegtes Brötchen – Sandwich mit Thunfisch – und war sehr erleichtert, dass man sie nicht einfach übergangen hatte. Noch vor zwei Tagen hätte derjenige, der das auch nur in Betracht gezogen hätte, eine Woche lang nicht mehr das Wort cool in den Mund nehmen können. Aber hier stand sie ohne Freunde, ohne ihr Ansehen und ihren Titel ziemlich machtlos da.
Ihre Eltern konnten was erleben, wenn sie zurückkam. Auch wenn sie sich Freiheit gewünscht hatte, ein Urlaub auf Mallorca wäre eher nach ihrem Geschmack gewesen.
Da bemerkte sie, dass Lisa sie angesprochen hatte. „Kann ich mal dein Glätteisen benutzen?“, fragte sie und deutete auf ihren Koffer, in dem es lag.
„Klar, mach ruhig“, hörte Ana sich sagen und war darüber genauso verwirrt und erstaunt wie Lisa.
Seit wann war sie denn nett? Seit wann erlaubte sie anderen, ihre Sachen anzurühren? „Verdammt, hab ich mich schon verändert? So geht das aber echt nicht.“
Also ergänzte sie noch in bissigem Ton: „Ich hoffe, ich bekomme es ganz zurück. Du hast so etwas ja hoffentlich schon mal benutzt. Obwohl ...“ Sie schaute auf Lisas straßenköterblonde Haare, die wirr von ihrem Kopf abstanden. Die Miene der Verspotteten verhärtete sich, und ohne irgendetwas zu sagen, drehte sie sich um. Ana grinste spöttisch. Nun war sie wieder in ihrem Element.
Als sie im Bad war, bekam sie nicht mit, wie über sie getuschelt wurde, aber als sie herauskam, sagte Victoria, die vom Bäcker zurückgekehrt war, gerade: „Merkt ihr denn nicht, dass sie nur so tut?“ Da entdeckte sie die Geschmähte und fügte noch schnell hinzu: „Was ihr mir auch für Geschichten über Lilly erzählt, ich glaube sie nicht.“ Sie übergab Lysana ihr Frühstück und setzte sich auf ihr Bett. Das Gespräch über Lilly ‒ angeblich ‒ war offensichtlich vorüber.
Sie schwiegen allesamt und starrten aus den vielen Fenstern. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, Lysana überlegte sich Gemeinheiten für den Tag, Victoria grübelte über den Raben und ihren Traum nach, Caroline himmelte in Gedanken einen Jamie aus Haus eins an, Melissa und Lisa saßen eng umschlungen da und schienen in Gedanken mit dem jeweils anderen beschäftigt zu sein. Als es unvermittelt an der Tür klopfte, zuckten alle erschrocken zusammen.
Ana rief: „Es ist offen!“, und die Tür wurde langsam aufgedrückt.
Transca marschierte herein und setzte sich müde auf das Bett von Caroline. Daraufhin begann das übliche Geschwatze, doch ein Teil der Unterhaltung ließ Ana aufhorchen. Tran fragte Vici, ob sie schlecht geträumt habe, und diese nickte mit dem Kopf. Daraufhin rutschte Tran zu ihr hinüber und sie tuschelten im Flüsterton miteinander, während sich die anderen über ihre Freunde unterhielten und Melissa und Lisa erfolglos versuchten, sie dazu zu überreden, den Jungs abzuschwören.
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