A. V. Frank - Waldlichter

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Im Westen Irlands werden drei Mädchen von geheimnisvollen Wesen in eine neue Welt voller Magie und Herausforderungen gezogen. Dabei lernen sie eine neue Kultur und Sprache kennen und müssen sich im Kampf gegen die monströsen Duorc behaupten.Doch ein Verräter hat sich unter sie gemischt und die Auseinandersetzungen im eigenen Lager werden größer. Werden die Mädchen es trotzdem schaffen zusammenzuhalten, um diese alte Kultur vor dem Untergang zu bewahren?

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„Seit wann müssen wir euch Rechenschaft über unsere Aktivitäten ablegen? Geh uns aus dem Weg, wir haben es eilig!“ Ich spürte, wie Ana mir auf den Fuß trat. Ich verstand die Warnung, wollte aber ihr „Sei lieb!“ nicht beachten. Ich hatte einfach keine Lust mehr, länger die liebe, nette und arme Victoria sein. Ich wollte ernst genommen werden. Doch Lisa kam meiner Aufforderung noch immer nicht nach. Sie sah mich nur weiterhin abwartend an.

Von hinten warf Melissa ein: „Es geht uns etwas an, wenn diese Aktivitäten geheim sind und bei Nacht stattfinden. Also?“

Da fuhr auch Ana aus der Haut ‒ endlich ‒ und sagte angriffslustig: „Was denkt ihr euch eigentlich? Glaubt ihr, wir gehen rüber zu den Jungs, machen uns mit ihnen einen Spaß und ihr bekommt den Ärger? Meint ihr, wir überfallen gleich eine Bank oder stellen eine Bombe scharf? Das tun wir nicht! Wir wollen uns nur mit Tran unterhalten, ohne dass ihr um uns herumsteht wie Schafe um einen Schäfer. Und jetzt lasst uns endlich raus, ihr seid ätzend!“

Plötzlich belustigt dachte ich, dass Ana mit ihrer Bombe gar nicht so unrecht hatte und dass sie sicherlich einen Rhetorikkurs in der Schule besucht hatte. Aber als Lisa endlich zur Seite trat, war ich in Gedanken schon wieder bei dem Ritual, das uns erwartete. „Nur ein Scherz, nur ein Scherz ...“

Wir hetzten durch das verlassene Grettersane hinein in den Wald und stießen beinahe mit Transca zusammen, die hinter einem Baum hervortrat. „Ihr trampelt wie eine Horde Wildschweine“, war ihre Begrüßung, dann wandte sie sich wortlos um, schaltete ihre Taschenlampe ein und ging voran.

Die Bäume schienen sich im Dunkeln zu uns herunterzubeugen, näher zu rücken und uns komplett von der Außenwelt abzuschirmen. Die zuckenden Lichter unserer Taschenlampen warfen unheimliche Schatten an die Stämme, es wirkte, als ob sich dort überall seltsam verzerrte Kreaturen befanden, die sich an die Äste klammerten und auf uns herabstarrten. Ich bekam unwillkürlich eine Gänsehaut, als ich daran dachte, wie schutzlos wir waren, also verdrängte ich die Gedanken daran. Ana flüsterte: „Wie weit ist es noch, Tran? Wenn das so weitergeht, werde ich noch stolpern und mich dreckig machen. Wo steht denn diese blöde Blutbuche?“

Tran raunte ihr zu: „Das dauert noch etwas, wir müssen erst den Fluss überqueren und uns nördlich halten. Danach müssen wir den Weg verlassen und noch eine Weile nach Westen gehen, bis wir bei der Lichtung ankommen, auf der die Buche steht.“

Verwundert schaute ich zu Boden und bemerkte erstaunt, dass wir tatsächlich auf einem festgetretenen Weg voranmarschierten. Das war mir bisher überhaupt nicht aufgefallen.

„Wohin führt der Weg?“, fragte ich, um mich von den Schatten über meinem Kopf abzulenken.

„Er macht hinter der Brücke eine scharfe Kurve nach Norden und hinter dem Gebirge führt er wieder nach Westen. Es ist so etwas wie ein Rundweg, wird aber nur selten genutzt. An vielen Stellen ist er inzwischen sogar zugewuchert.“

Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Wovon denn zugewuchert? Hier gibt es doch kaum Gestrüpp.“

„Das mag zwar für diesen Teil des Waldes stimmen, aber je weiter wir nach Südwesten vordringen, desto mehr Dickicht und Feuchtigkeit gibt es. Am südlichen Ende des Hains gibt es sogar ein Moor. Deswegen ist die Buche auch etwas Besonderes, denn normalerweise wächst diese Baumart nur an besser bewässerten Stellen. Doch unsere Blutbuche steht zwischen Birken, Eichen und Linden. Das ist eine ungewöhnliche Zusammensetzung. Aber in diesem Wald ist vieles seltsam.“

„Aber wieso ist der Wald nicht gut bewässert? Wenn ich dich vorhin richtig verstanden habe, fließt hier doch ein Bach. Müsste er den Boden nicht feuchter machen?“, wandte Ana ein.

„Normalerweise schon, aber er tränkt den Boden nur in einem Umkreis von etwa fünf Metern ab dem Ufer. Dort stehen Trauerweiden und Eschen, die es ansonsten nur im Süden gibt.“

So unterhielten wir uns über den ungewöhnlichen Baumbestand und achteten nicht weiter auf die uns umgebenden Schatten. Bald darauf kamen wir an den Fluss, hörten sein leises Murmeln. Auf der Brücke blieben wir einen Moment stehen und lehnten uns vorsichtig an das Geländer. Es sah zwar nicht so aus, war aber erstaunlich stabil. Der Bach unter uns erfüllte mich irgendwie mit einem komischen Gefühl, das ich nicht genau benennen konnte. Freude, Stolz, Ruhe, Vertrauen, all das stürmte auf mich ein und ich wollte diesen Ort nie wieder verlassen.

Ana neben mir murmelte leise: „Wie das Wasser so leise dahinströmt und auf seiner langen Reise so viele Geschichten und Eindrücke sammelt, da möchte ich mich am liebsten mit ihm forttreiben lassen und nie wieder zurückkommen.“

Ich hörte, wie Tran leise brummte, es sollte wohl ein Geräusch der Zustimmung sein, und sah sie an. Sie starrte hinauf in die Sterne oder vielleicht betrachtete sie auch die Blätter der Bäume, die sich im sanften Wind wiegten.

Ich stieß einen Seufzer aus und sagte: „Wir haben noch zehn Minuten, bis wir anfangen müssen. Kommt, wir gehen weiter.“

Tran führte uns von dem Weg fort in den Wald und man konnte tatsächlich erkennen, wo sich die Fünf-Meter-Ufergrenze befand, denn die Erscheinung des Waldes änderte sich sofort. Zuvor hatte es dichtes Gestrüpp gegeben und wir hatten uns unter den vielen Weidenzweigen hindurchducken müssen, wollten wir nicht von ihnen getroffen werden. Aber jetzt standen wir vor einem Waldgebiet, in dem es kaum Unterholz gab und hohe weiße Stämme das Erscheinungsbild beherrschten.

„Kommt, es ist nicht mehr weit. Außerdem müssen wir uns beeilen, sonst kommen wir zu spät“, rief uns Tran zu, die schon vorausgegangen war.

Ich lief ihr hinterher, zögerte aber nach ein paar Schritten, denn Ana hatte sich nicht gerührt. Sie sah über ihre Schulter zum Fluss hin und ich meinte, einen sehnsüchtigen Blick auf ihrem Gesicht bemerkt zu haben. Dann wandte sie sich jedoch mit einem Ruck zu uns um und folgte uns. Auch ich lief nun weiter. Allmählich verflüchtigte sich mein Verdacht, einem Scherz aufgesessen zu sein.

Als wir schließlich auf einer Lichtung herauskamen, alle etwas außer Atem vom Rennen, hielten Ana und ich erstaunt die Luft an. Wir standen vor einer riesigen Buche mit weit ausladenden Ästen und einem solch majestätischen Aussehen, dass man vor Erstaunen innehalten musste. Ich hatte mich noch nicht wieder gefasst, als Tran schon anfing, den Boden nach einem frisch abgefallenen Blatt abzusuchen.

Ana gesellte sich zu ihr, als sie jedoch merkte, dass ich nicht mithalf, sagte sie: „Hilfst du uns oder starrst du den Baum noch länger an? Uns bleibt keine Zeit zum Bestaunen!“ Sie drehte sich wieder um und suchte weiter.

Ich riss mich mit Mühe von dem Baum los und begann ebenfalls, den Boden mit meinen Blicken abzutasten. Wir gingen wieder und wieder um den Baum herum, doch nirgends war ein Blatt zu finden.

Wir standen im Kreis und beratschlagten, was wir jetzt tun konnten, als Ana auf einmal einen überraschten Ton ausstieß. „Seht, da!“

Sie zeigte nach oben, wir folgten ihrem Blick und beobachteten, wie langsam ein Blatt herabgesegelt kam und genau in unserer Mitte landete. Verwundert starrten wir es an, dann hob ich es auf und legte es auf die Wurzel, die wir zuvor ausgesucht hatten. Sie stand ziemlich weit aus dem Boden hervor und hatte nach oben hin eine abgeflachte Stelle. Das Blatt war sogar gebogen, sodass es eine perfekte Schale bildete. Ich holte mein Handy heraus und der Sommernachtstraum erschallte. Ein Windstoß ließ die Blätter rascheln und Ana musste unser Blatt festhalten, sonst wäre es weggeflogen.

Tran drängte: „Gleich ist es Mitternacht, beeilt euch!“

Ich nahm die Scherbe aus dem Seitenfach meines Rucksacks, als mir etwas einfiel: „Das Wasser! Wir haben kein Meerwasser. Was machen wir jetzt?“ Ana sah mich schockiert an, auch sie hatte es komplett vergessen.

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