durch sein Astloch blinzelt
und träumend hofft, von der
Axt verschont zu bleiben.
Betrachte mich nicht als
Blume, von unmündiger
Hand ihrer Wurzeln beraubt,
um in der Vase zu welken.
Suche mich in der hitzigen
Wüste, tauche in den
Kristallsand der Zeit, warte
auf das Erwachen der Sterne.
Könnte ich Herzen regnen
lassen und in die Seelen
Liebe säen, würde ich meine
Hände in Feuer tauchen.
Mit jedem Augenaufschlag
gebäre ich Worte in roter Tinte,
die in der Dunkelheit wachsend
den neuen Morgen erblicken.
Dein Lächeln, ein Versprechen aus
grünen Steinen, gebettet im Flussmund
mit Pappellippen, poliert von emsigen
Quellenzungen.
Deine Hände, wilden Mohn liebkosend
und Steppennarben tröstend, entlocken
den Wüsten Seufzer nach einer schattigen
Umarmung.
Dein Leib, Herberge prachtvoller Gärten,
in denen Rosen neben Palmen tanzen und
Nachtigallen im Einklang mit den Zikaden
ihren Gesang dem Jasmin schenken.
Safran blüht auf Deinem Busen, die Nacht
hängt ihre Diamanten über schweigsame
Gemäuer, spiegelt einstige Schönheit in
stillen Teichen wider.
Deine Poesie, Jahrtausende alt, gemurmelt
auf den Lippen der Zeit, Dichter im Lehm der
Vergänglichkeit gefangen und Menschsein
in einem Ziegel verewigt.
Vorbei die Ära freier Spatzen! Die Freiheit trägt
ein Büßerkleid, Mörderhände werfen Steine
auf Dein Herz und zeichnen Gottes Namen
mit Peitschen auf nackte Haut.
In Deinen Gassen grölt Hass seine grausigen
Lieder und hängt die Gegenwart an zukunftslose
Galgen. Flüsternde Worte werden in Mauern
geritzt und in die Wunde unserer Herzen.
Bedecke Dich nicht mit dem Tschador der Trauer,
Iran, meine Schöne! Unsere Tränen verwahren
wir, bis die Sanduhren von Freiheit singen
und das Blut der Tauben trocknet.
2014
Spatzen tschilpten in den Zweigen
in der uralten Platane
vor dem Fenster meines Zimmers,
das als Kind ich noch erahne.
Manchmal füllten stille Straßen
Hass- und Widerstandsgesänge,
und ich lauschte voller Ängste
auf die ungewohnten Klänge.
Da ertönt aus dichtem Laube
ein erfrischend Platzkonzert,
und die Angst weicht stiller Freude
und mein Herz wird unbeschwert.
Kleiner Spatz, ich lieb Dich sehr,
bist ein drolliger Gesell,
in der ganzen Welt zu Haus,
mit dem Schnäblein frech und schnell.
Bist mir Zeichen für den Frieden,
nicht der Taube Untertan,
ständig Deinen Spatzenfreunden
solidarisch zugetan.
Niemals werden Diktatoren
Dir Dein Schnäbelein verbinden
und Du wirst im freien Fluge
Dich den Feinden stets entwinden.
Darum bleibst Du mein Symbol
gegen Willkür und Gewalt,
auch für Freiheit und für Würde.
Ich seh Dich als Lichtgestalt.
2009, in Erinnerung des Iranischen Frühlings
Die Gärten meiner Kindheit
Die Gärten meiner Kindheit
haben ihren Zauber verloren.
Wilde Rosen wurden von Suren
gesteinigt und die Zungen der
Nachtigallen von frömmelnden
Greisen herausgerissen.
Die Gärten meiner Kindheit
welken auf Wüstensand.
Hass frisst die Wurzeln der Eisenbäume,
Granatäpfel weinen rote Tränen und
unter dem Tschador der Gewalt
verhaucht Jasmins Duft.
Die Gärten meiner Kindheit
warten Traum-verlassen,
hoffend auf den Trost der Taube,
harrend auf die Antwort des Windes.
Die Gärten meiner Kindheit leben
unvergessen in meinem Herzen.
Die Stille dieses Morgens
durchtränkt leise Wehmut, deren
Antlitz sich in der Brandung verliert.
Auf dem Grund des Meeres wartet
der Himmel mit Sternen bestückt,
während sich die Trauervögel in
Wolkennestern meines Herzens
verbergen.
Manchmal ist mein Schweigen laut
und durchbricht die Stille
trüber Gedankenflüsse.
Ach, Einsamkeit! Vertraute Feindin!
Umarme mich nicht, damit ich
Asche werde in der Urne
des Vergessens –
atme meine Träume, lass mich
erwachen mit dem Wind.
Siehst Du die trunkenen
Pferde über die Steppe ziehen?
Atme den Duft wilden Thymians
und spüre die Rosen auf meiner Haut.
Ich lasse Dich gehen, dorthin
wo der Norden durch zerklüftete
Berggipfel faucht – der Rachsüchtige,
dem nur du gehörst.
Ich schreite durch das Bild der Welt,
verschweige dem Wind Deinen Namen,
in der Hoffnung, dass der Simorgh 1 1 Mythischer Riesenvogel, Schutzvogel mit übernatürlichen Kräften
uns eines
Tages von unserem Leiden erlöst.
1986 Iran – während des Iran-Irak-Krieges
1 in der Hoffnung, dass der Simorgh 1 1 Mythischer Riesenvogel, Schutzvogel mit übernatürlichen Kräften uns eines Tages von unserem Leiden erlöst. 1986 Iran – während des Iran-Irak-Krieges 1 Mythischer Riesenvogel, Schutzvogel mit übernatürlichen Kräften
Mythischer Riesenvogel, Schutzvogel mit übernatürlichen Kräften
Ich bin das Kind
der rastlosen Winde,
suche nach Wurzeln,
die ich nicht finde:
Im Osten
bin ich eine Moschee
im Westen
ein stiller und tiefer See,
im Süden
ein Lied, berühre das Herz
im Norden
ein Eisblock, verberge den Schmerz.
Überall in der Welt zu Hause zu sein,
heißt selten geborgen und häufig allein.
So wurde ich zum Kind der vier Winde,
weil ich meine Heimat nirgendwo finde.
September 1992
Über den Wolken von Teheran
verlieren sich meine Träume, im
Prisma verwirrender Gedanken
brechen Erinnerungen, werden
zu Mosaiken im Kaleidoskop
meines Lebens.
Keine Farbe vermag mich
zu trösten. Darum schenke ich
meine Tränen dem Namak 2 2 Salzsee zwischen Teheran und Ghom
, der sie
mit einem Lächeln verschlingt.
Sein Salz brennt sich tief in
die Wunde meines Herzens.
Gib mir meine Süße zurück, mein
fremder Freund, meine Heiterkeit,
die nun in einer Tasse schwarzen Tees
ertrinkt in Zimt und Koriander.
2011 – nach einem letzten Besuch im Iran
2 meine Tränen dem Namak 2 2 Salzsee zwischen Teheran und Ghom , der sie mit einem Lächeln verschlingt. Sein Salz brennt sich tief in die Wunde meines Herzens. Gib mir meine Süße zurück, mein fremder Freund, meine Heiterkeit, die nun in einer Tasse schwarzen Tees ertrinkt in Zimt und Koriander. 2011 – nach einem letzten Besuch im Iran 2 Salzsee zwischen Teheran und Ghom
Salzsee zwischen Teheran und Ghom
In Schiraz blüht ein Rosengarten,
ein Schweigen liegt auf Hafez’ Grab
und doch beredt – hier will ich warten,
auf ihn, den ich im Herzen hab.
Die Rosen duften an der Pforte,
durch die ein stiller Weg mich führt,
ihr Lächeln streift an jenem Orte
mein Sein, das tief von Dank berührt.
Ach, könnte ich lösen das Erdenrätsel,
die Weltperle drehen, sie neu gestalten
die Liebe zu leben, den Weinkelch erheben
zum Lichte, den blutroten Trank nur halten!
Ich leere den Kelch auf Hafez’ Namen,
rot perlt der Weintrank im Kristall
für alle Liebenden, die kamen.
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