Hier auf meiner Liege in diesem wunderschönen Garten auf Amrum liege ich nun, immer noch bewegungsunfähig, eingemummelt in eine Decke, die mittlerweile schon Ätzspuren aufweist von diesem elenden Möwenschiss. Die Klarheit in mir tut aber wieder gut, nachdem ich die letzten zwei Tage wie in einem Wahn verbracht habe. Meine Ängste werden mir klar, die Ängste vor dem Leben, die Ängste, irgendwann mittellos unter einer Brücke zu liegen und zu erfrieren. Und zu verhungern.
Vor allem wurde mir aber dies klar, wie sehr meine Ängste mich am Leben hinderten. Wie sie mich mit ihrem Gewicht niederdrückten, mit ihren Krallen mir Wunden zufügten und vorgaben, mir die Wunden zu lecken, aber statt dessen auch noch gefühllos Essig hineinschütteten, bis ich total erschöpft und verzweifelt von selbst am Boden liegen blieb. Versuchte ich mich zu erheben, fehlte nicht mehr viel, um mich wieder ganz und gar auf den Boden zu werfen. Irgendwann blieb ich einfach liegen.
Aber auf Amrum sprach meine Seele zu meinem Geist: „Steh endlich auf. Lass dich nicht immer von Ungerechtigkeit und Egoismus anderer Menschen gängeln, drängen, verletzen, foltern, demütigen, vergewaltigen. Auch nicht von deinen Ängsten. Steh endlich auf, erhebe dich. Schau den Ängsten in die Augen und bleib stehen. Bleib einfach nur stehen. Lass dich vom Sturm des Lebens bewegen, aber lass dich nicht mehr brechen. Denn der Weg führt aus dem Licht in die Dunkelheit und wieder in das Licht. Und die Zeit der Dunkelheit ist jetzt vorbei. Erkenne das Leben in dir selbst und folge dem Licht. Steh endlich auf!“
Ja, das war es. Ich muss für mich endlich Partei ergreifen. Ich muss das „Fieberchen“ in den Fieber verwandeln. Ich muss für mich einstehen und endlich wieder aufstehen. Ja, das ist es, das magische Wort: aufstehen!
Von meinen schwierigen Erfahrungen in den Zeiten meiner Abhängigkeiten und den Kämpfen mit meinen Ängsten und Gefühlen, die ich vor diesem seltsamen Erlebnis auf Amrum hatte, möchte ich allen interessierten Seelen auf den folgenden Seiten erzählen.
Der biographische erste Teil
Am Anfang war die Angst
Des Menschen Seele gleicht dem Wasser. Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es, und wieder nieder zur Erde muss es, ewig wechselnd. (Johann Wolfgang von Goethe)
Es war einmal irgendwo im unendlichen Universum am Rande eines Spiralarmes irgendeiner Galaxie. Dort zwischen Billionen von Sternen und Planeten schimmerte es wunderschön blau. Zoom. Planet Erde. Europa. Deutschland. Hessen. Darmstadt. Städtisches Krankenhaus. 15. März 1969. 19.05 Uhr. Martin Fieber war geboren.
Meine Mutter muss froh gewesen sein, nachdem ich endlich das Licht dieser Welt erblickt hatte. Tagelang lag sie in irgendeinem anonymen Kellerraum, vergessen und fast verloren, und wartete auf die Erlösung ihres großen Schmerzes. Aber ich wollte und wollte nicht kommen. Eine ganze Woche war ich überfällig. Ich hatte wohl Angst. Ich hatte Angst vor meinem Schicksal, vor dem, was mich in dieser Welt alles erwartete. Ich weiß aus meinem innersten Wesen heraus, dass ich schon ungefähr fünfzehn Jahre früher hätte inkarnieren sollen. Die Angst hielt mich davon ab. An diesem Samstagabend aber war es schließlich soweit. Meine Seele musste doch in ihren 52 Zentimeter großen Körper hinein, sie musste fast verzweifeln. Panik. Ich glaube, ich wollte irgendwie nicht geboren werden.
Jetzt bin ich 128 Zentimeter größer, über dreißig Jahre älter und um viele Ängste leichter.
Ich wollte Milch und bekam die Flasche,
ich wollte Eltern und bekam Spielzeug,
ich wollte reden und bekam ein Buch,
ich wollte lernen und bekam Zeugnisse,
ich wollte denken und bekam Wissen,
ich wollte einen Überblick und bekam Einblick,
ich wollte frei sein und bekam Disziplin,
ich wollte Liebe und bekam Moral,
ich wollte einen Beruf und bekam einen Job,
ich wollte Glück und bekam Geld,
ich wollte Freiheit und bekam ein Auto,
ich wollte einen Sinn und bekam eine Karriere,
ich wollte Hoffnung und bekam Angst,
ich wollte ändern und erhielt Mitleid,
ich wollte leben ...
(Gedicht eines Abiturienten)
Bis zu meinem 25. Lebensjahr führte ich ein ‚normales’ irdisches Leben. Ich bekam eine Schultüte, war leidenschaftlich Kapitän in meiner Fußballmannschaft, spielte leidenschaftslos Klavier, sammelte Altpapier in meiner Nachbarschaft, hatte meistens einen Dreierschnitt in der Schule, diente nach dem Abitur in einem kalten, verregneten Dorf in Oberhessen meinem Geburtsland, trat aus der Kirche aus, machte eine Industriekaufmannslehre in meiner Geburtsstadt. Und hätte ich nicht vor ungefähr sechs Jahren gekündigt, würde ich dort auf meine Pensionierung warten. Meine Seele wäre längst verödet auf der Strecke geblieben. Aber zum Glück fügte es das göttliche Geschick, dass meine Öde im Leben in Form von Reiki mein Leben verschönerte.
Aber bevor ich von meinem neuen Leben erzähle, möchte ich kurz ein Ereignis aus meiner Kindheit schildern, das mich prägte und wahrscheinlich so passieren musste, damit ich die Erfahrungen lernen kann, die ich mir vor meiner Geburt ausgesucht hatte.
Dieses Erlebnis hatte ich ganz aus meinem Bewusstsein verdrängt. Damals war ich drei Jahre alt. Ein Junge aus meiner Nachbarschaft kam auf mich zu und stieß mich ohne Grund vor die Brust. Ich fiel auf den Hinterkopf und fing von diesem Moment an zu stottern. Nur ganz wenige Worte bekam ich danach ohne Stottern heraus. Dies hatte zur Folge, dass ich mich in meiner Zurückgezogenheit noch mehr in mich zurückzog. Mein vermeintlicher Minderwert sprengte alle Grenzen und ich wurde feige, ich wurde unterwürfig. Somit hatte ich noch mehr Angst, obwohl ich schon mit diesen Gefühlen auf der Erde angekommen war. Ich hatte noch mehr Angst vor Menschen. Die Angst hatte nun vollends mein Leben fest im Griff. Angst, grundlos von anderen Menschen umgestoßen und verletzt zu werden. Das Stottern verschwand zwei Jahrzehnte später. Die Angst aber blieb. Und meine Seele blieb damals auf dem Boden liegen. Sie hatte Angst, wieder aufzustehen.
Meine schon immer vorhandene Lebensunfähigkeit war wieder aufgebrochen. Ich zog mich wie ein Autist in meine eigene Welt zurück und wollte nie wieder herauskommen. Nie wieder wollte ich meine sichere, aber lebensfeindliche Welt verlassen. Ich fühlte mich wertlos, allein, dumm und ganz klein. Ich war feige, unterwürfig und vegetierte vor mich hin. Und doch wusste ich, dass tief in mir etwas Wunderschönes versteckt liegt. Wo ist es, und welchen Sinn meines Lebens gab mir Gott mit auf diese Erdenreise? Und genau das machte mich noch trauriger, weil ich nicht an dieses Schöne herankam. Ich hatte Angst zu leben, Angst mich zu freuen und Angst, alles falsch zu machen. Ich probierte nichts Neues aus, denn somit konnte auch wenig daneben gehen. So verbrachte ich meine Jugendzeit in meinem selbstgebastelten Gefängnis. Mein Gott, wie viel meines Lebens habe ich verängstigt verschlafen? Es schien mir, als ob meine Seele immer noch auf diesen kalten Pflastersteinen lag, wo mich der Nachbarsjunge umgestoßen hatte.
Die schönste und tiefste Rührung, die wir empfinden können, ist das Erfahren des Mystischen. Sie ist der Säer aller wahren Wissenschaft. Wem diese Rührung fremd ist, wer sich nicht länger wundern, nicht länger in verwirrter Ehrfurcht dastehen kann, ist so gut wie tot. (Albert Einstein)
Mit 25 fing mein eigentliches Leben an. Mein Tor in die neue Welt war Reiki. Eine Methode des Handauflegens. An diesem Wochenende, an dem ich Reiki erlernte, hatte ich zum ersten Mal kurz Kontakt zu diesem wunderschönen Etwas in mir. Ein Licht durchflutete mich und mir wurde bewusst: Gott existiert. Ich bin hier auf der Erde, weil ich es so wollte.
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