„So, so!“, murmelte Frau Appeldorn und kratzte sich am Kopf. „Die Susanne bist du also. Die Susanne!“ Frau Appeldorn starrte Lena für einige Sekunden lange an.
„Das ist der böse Blick!“, ging es dem Mädchen durch den Kopf. Lena hatte das unheimliche Gefühl, dass Frau Appeldorn ihre Gedanken lesen konnte und sie durchschaut hatte.
„Susanne, würde es dir etwas ausmachen, mir aus dem Keller eine Apfelsine zu holen?“
Lena zuckte zusammen. Auch das noch! Jetzt musste sie in den Hexenkeller, aus dem sie wahrscheinlich nie mehr lebend herauskommen würde. Aber sie hatte keine andere Wahl.
Lena nickte und Frau Appeldorn öffnete langsam und mit lautem Quietschen eine scheinbar uralte Tür. Eine winzige Glühbirne baumelte vereinsamt an einem lockeren Kabel von der Decke. Die ehemals weißen Stufen der scheinbar endlosen Kellertreppe waren mit grünem Moos überzogen und auf der zweiten Stufe saß ein Feuersalamander, der Lena mit großen Augen ansah.
„Die Apfelsinen liegen hinten im Keller in einer großen Kiste!“, rief Frau Appeldorn Lena hinterher. Doch Lena hörte die Anweisung kaum noch. Vorsichtig stieg sie über den Salamander hinweg und hielt sich an dem klapprigen Treppengeländer fest. Fast wäre sie ausgerutscht, denn die Stufen waren sehr glatt.
Es war eisig kalt in dem Gemäuer, Spinnenweben hingen an den Wänden und irgendwo knarrte etwas. Ein Sargdeckel? War außer ihr noch jemand in dieser Gruft? „Wo ist bloß die Apfelsinenkiste?“, fragte sich Lena verzweifelt. Sie fühlte sich inzwischen wie in einem Horrorfilm.
Plötzlich klingelte das Telefon schrill und eindringlich.
„Ich komme schon! Ich komme ja schon!“, rief Frau Appeldorn ärgerlich und schlurfte, so schnell sie ihre alten Füße trugen, ins Wohnzimmer.
Da schmiss sich Lena mit aller Wucht gegen die schwere Kellertür. Unerwartet gab diese nach und Lena landete im Hausflur. Sie atmete erleichtert auf und hörte, wie Frau Appeldorn „Hallo, wer zum Teufel ist das?“ in den Hörer krächzte. Doch plötzlich wurde ihre Stimme ganz weich und sanft. „Oh, das ist aber schön!“
Schließlich war das Telefongespräch zu Ende. Frau Appeldorn hatte Tränen in den Augen und sagte: „Meine Enkelin Nicole kommt morgen für eine Woche zu Besuch. Sie ist so alt wie du!“ Lena wunderte sich, wie nett die Alte plötzlich war und Frau Appeldorn fragte dann ganz unvermittelt: „Kannst du mir helfen, das Bett für Nicole zu beziehen?“
Lena nickte stumm und folgte der Frau in das Schlafzimmer. Hier standen keine Särge, sondern ganz normale Betten.
Frau Appeldorn erzählte überglücklich von ihrer Enkelin, die sie schon ewig nicht mehr gesehen hatte.
Auch Lena fing an zu lächeln. „Frau Appeldorn, Sie sind ja plötzlich so anders!“, stellte sie fest.
Frau Appeldorn setzte sich auf die Bettkante, um zu verschnaufen. Sie nahm das Kopftuch ab, weil ihr durch das Bettenbeziehen ganz heiß geworden war. Ihre grauen langen Haare fielen ihr in sanften Wellen auf die Schultern. „Wenn du möchtest, kannst du morgen gern vorbeikommen und mit Nicole spielen. Sie würde sich sehr freuen!“, schlug die alte Frau vor.
Lena nickte. „Klar, ich komme!“, sagte sie und zögerte dann kurz, bevor sie hinzufügte: „Es gibt da aber noch etwas, das ich Ihnen beichten muss ...“
Frau Appeldorn war neugierig geworden. „Was ist es, Kindchen?“, fragte sie sanft.
„Ich heiße gar eigentlich nicht Susanne! Ich bin Lena!“, brachte das Mädchen hervor und wurde im ganzen Gesicht puterrot.
„Ich muss dir auch etwas beichten“, sagte Frau Appeldorn mit einem Lächeln auf den Lippen.
Lena sah sie fragend und ein wenig verunsichert an. Was kam jetzt noch?
„Ich habe gar keine Apfelsinenkiste im Keller“, gestand Frau Appeldorn schmunzelnd.
Plötzlich mussten sie beide lachen. Frau Appeldorn und Lena. Sie lachten, bis ihnen die Tränen in die Augen stiegen und sie Bauchschmerzen bekamen. Dann gingen sie zurück ins Wohnzimmer und teilten sich einen Apfel.
Dörte Müller (*1967) schreibt Kurzgeschichten, die bereits in zahlreichen Anthologien veröffentlicht worden sind. Sie unterrichtet Deutsch und Kunst in den Niederlanden und hat zwei Kinder. Am liebsten verbringt sie ihre Ferien mit ihrer Familie irgendwo am Meer.
*
Ein Apfelkern, man glaubt es kaum,
ist eines Gärtners größter Traum.
Warum? Das wollt ihr sicher wissen,
sodass wir es hier erzählen müssen.
Der Kern ist klein und braun und rund,
bitter schmeckt er in deinem Mund.
Doch du sollst ihn ja nicht essen,
eher seine Größe messen.
Du wirst sehen, er ist sehr klein,
doch manchmal trügt eben der Schein.
Nimmst du ihn raus aus seinem Häuschen,
macht er auf deiner Hand ein Päuschen.
Sieh ihn dir genauer an,
dann siehst du, wie er glänzen kann.
Steck ihn in die Erde rein
und bedeck ihn leicht und fein.
Wie der Gärtner hätt’s getan,
und schon fängt das Wunder an.
Wasser braucht der kleine Wicht,
und natürlich Sonnenlicht.
Schau von Tag zu Tag vorbei,
noch siehst du keine Zauberei.
Nur das Wasser nicht vergessen,
das ist für deinen Freund das Essen.
Hast du ihn länger dann in Obhut,
zeigt er dir, wie gut’s ihm tut,
ein zartes Grün wird er dann recken,
aber bitte nicht erschrecken.
Denn das Grün ist noch sehr fein
und auch wirklich winzig klein.
Hier beginnt des Gärtners Traum,
denn nun wächst ein Apfelbaum.
Wasser bringen kannst auch du,
und wenn die Sonne scheint dazu,
wird er größer und auch stark.
So wie es auch der Gärtner mag.
Ganz langsam nun und immer weiter,
wird er dann auch breiter.
Wächst und gedeiht, ganz ohne Hast,
bildet er nun Ast für Ast.
Von Tag zu Tag du kannst es sehen,
wird er in die Höhe gehen.
So wächst der Baum von Jahr zu Jahr,
so wie auch du, das weißt du ja.
Der kleine Wicht wird nun recht groß
und bald schon geht die Blüte los.
Des Gärtners Traum, er ist ganz nah,
vielleicht auch schon in diesem Jahr.
Er braucht auch weiter Sonnenschein,
doch trinken kann er nun allein.
Der Regen wird’s schon richten,
bald werden sich die Blüten lichten.
Kurz bevor der Sommer geht,
dein Bäumchen nun voll Früchte steht.
Verstehst du nun des Gärtners Traum
vom prall gefüllten Apfelbaum?
Ich glaube schon, denn du weißt ja,
wie winzig und wie klein er war.
„Klettre ruhig auf deinen Baum,
und probier vom Apfeltraum.“
Julia Schultheis ist 33 Jahre alt, verheiratet und hat eine fünf Jahre alte Tochter. Wenn sie nicht gerade mit dieser beschäftigt ist, verbringt sie ihre Freizeit mit Lesen und Schreiben. Momentan wohnt sie in Lich und arbeitet als MTA im Röhnklinikum Gießen. Eine Kurzgeschichte hat sie bereits in der Weihnachtsanthologie von Papierfresserchens MTM-Verlag veröffentlicht.
*
Es war einmal ein großer, alter, knorriger Apfelbaum. Er stand am Hang mit Blick auf eine Bucht. Der bewaldete und zum Teil sehr steile, zerklüftete Hang führte direkt ans Wasser. Vorne verengten sich die Felsen, dahinter, so weit das Auge reichte, der Ozean. Oben auf der grünen Ebene, einzeln der Baum. Daneben eine alte Holzbank. Steinalt war sie, schon viele Menschen hatten hier gesessen, den Sonnenuntergang und ganz selten den Sonnenaufgang genossen.
Ich besuchte ihn oft. Er war einer jener magischen Bäume. Sein Herzstück war Martin, ein knallroter Apfel, behütet im Inneren des Baumes. Er machte ihn lebendig, ihn denkend und fühlend wie einen Menschen. Martin kam nur noch selten heraus. Bei mir machte er eine Ausnahme. Er erzählte mir nämlich immer gern Geschichten und tollte dabei wie verrückt auf dem Baum herum. Wie ein übermütiger kleiner Hund mit dünnen Armen und Beinen und den tiefschwarzen Augen.
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