Leopold nickte. »Von euch hat das vorher keiner gemacht? Ihr die Taschen hinaufgetragen?«, wollte er wissen.
»Nein«, stellte Oliver sofort klar. »Du siehst, was bei so etwas herauskommen kann. Fairerweise muss man sagen, dass er der Erste war, den sie darum gebeten hat. Er ist sofort darauf eingestiegen. Da haben wir uns nicht mehr eingemischt.«
»Was war das denn für eine, die Winkler?«, wagte sich Leopold ein Stück weiter vor. »War sie auf junge Männer aus?«
»Schwer zu sagen«, gab sich Oliver bedeckt. »Den Männern hat sie gut gefallen, weil sie auf sich geschaut hat. Dem David vermutlich auch. Aber andererseits wirkte sie hier im Kaffeehaus sehr zurückgezogen. Immer allein an einem Tisch. Dabei war sie einmal eine sehr beliebte Schauspielerin. Na ja, sie hatte einen schlechten Fuß. Vielleicht hat das mitgespielt.«
»Ich kenne David und halte ihn für keinen Mörder«, machte Leopold deutlich. »Deshalb frage ich mich, ob Frau Winkler Kontakte hier im Schopenhauer geknüpft oder jemanden getroffen hat.«
»Nicht, dass es mir aufgefallen wäre«, gab Oliver Auskunft. »Obwohl, etwas war schon komisch. Sie ist meistens sehr abrupt aufgebrochen, hat ihr Achtel Rotwein hastig ausgetrunken und ungeduldig nach der Rechnung verlangt. Wie wenn sich plötzlich etwas ergeben hätte.« Dann stieß er Leopold mit dem Ellenbogen an, um ihn daran zu erinnern, dass er eigentlich zum Arbeiten und nicht zum Plaudern da war. Zielstrebig bewegte sich Leopold deshalb auf einen Mann zu, der soeben zur Tür hereingeschneit war. Er vermeinte ihn erst unlängst gesehen zu haben. Aber wo?
Sofort fiel es ihm wieder ein. Es war auf einem der Fotos gewesen, die ihm Richard Juricek gegeben hatte. Das war Gottfried Winkler, Katjas geschiedener Ehemann.
Sein Gesicht war von einer großen Sonnenbrille halb verdeckt, obwohl Leopold nicht vermutete, dass er sie trug, um trauernde, verweinte Augen zu verbergen. Die schwarzen, strähnigen Haare hatte er glatt zurückgekämmt, auf den Schultern seines Sakkos zeigten sich mehrere Schuppen. »Ein Bier – kalt!«, ordnete er an.
»Wie kalt?«
»Sehr kalt!«
Wiederum eine Bestellung ohne Komplikationen. Vielleicht würde die Arbeit im Schopenhauer doch nicht so mühsam werden, wie Leopold befürchtet hatte. Er beeilte sich, Gottfried Winkler sein Bier zu bringen. »Mein herzliches Beileid«, raunte er ihm zu, während er das Tablett abstellte.
»Was soll diese Bemerkung?«, reagierte Winkler unwirsch.
»Sie entschuldigen schon, aber ich habe Sie gleich erkannt, und das hat mich an das traurige Schicksal Ihrer Ex-Gattin erinnert«, eröffnete Leopold ihm. »Sie hat ja da vorn gewohnt, nur wenige Schritte vom Kaffeehaus entfernt. So ein furchtbares Ende! Das hat Sie sicher auch sehr mitgenommen, obwohl Sie sich von ihr getrennt haben.«
Winkler merkte, dass es nicht gut aussah, wenn er sich weiterhin so schroff zeigte. »Natürlich«, lenkte er ein. »Eine schreckliche Sache! Ich habe es nie für eine gute Idee gehalten, dass sie jedem dahergelaufenen Menschen ihren Schmuck gezeigt hat. Einmal musste das ja böse enden. Aber dass man sie gleich umbringt …«
»Können Sie sich auch ein anderes Motiv außer dem Schmuck vorstellen?«
Winkler wetzte unruhig auf seinem Sessel herum. »Hören Sie, ich will jetzt in Ruhe mein Bier trinken«, gab er Leopold zu verstehen. »Ich schätze Ihre Anteilnahme, aber deswegen muss ich Ihnen nicht Rede und Antwort stehen.«
»Sie würden mir außerordentlich helfen, wenn Ihnen etwas einfallen würde«, ließ Leopold nicht locker. »Der arme Kerl, den sie verhaftet haben, ist nicht nur ein Kollege, sondern auch ein Freund von mir. Ich kenne ihn gut. Der tut so etwas nicht. Er bringt es nie im Leben fertig.«
»Haben Sie eine Ahnung, was die Menschen alles fertigbringen, wenn’s um die Marie geht«, meinte Winkler abschätzig.
»Trotzdem frage ich mich, ob es nicht auch einen anderen Grund gegeben haben könnte, Ihre Frau – verzeihen Sie, Ex-Frau – umzubringen.«
»Hunderte«, grinste Winkler Leopold schäbig ins Gesicht. »Ich selbst habe mich mehrmals mit dem Gedanken getragen, sie zu töten, habe Pläne gewälzt, den perfekten Mord betreffend. Schließlich habe ich mich doch lieber scheiden lassen. Das war unkomplizierter.«
»Welche Rolle hat denn ihre Verletzung …?«
Leopold getraute sich jedoch nicht, diesen Satz zu vollenden, so sehr zeigte ihm Winklers durchdringender Blick, für wie deplatziert er die Frage hielt. Oliver deutete ihm in wilden Zeichen an, er solle den Gast in Ruhe lassen. »Das gehört sich nicht, so aufdringlich zu sein«, eröffnete er Leopold, als sie unter sich waren.
»Da gehen die Meinungen auseinander. Das ist doch der Mann von der Winkler«, raunte der ihm zu. »Den muss ich schon ein bisschen ausfratscheln. Schließlich geht es um Davids Unschuld.«
»So kommst du aber bei dem nicht weiter«, beteuerte Oliver. »Er trägt die Nase ganz schön oben. Für den sind wir Servicepersonal, sonst nichts. Vergräm ihn nicht! Angeblich hat er sich bei uns wegen einer Kleinigkeit jahrelang nicht blicken lassen. Dann hatte er ein paar Engagements an der Volksoper, seither kommt er wieder. Hoffentlich macht er uns dort nicht schlecht.«
Ungern ließ Leopold Gottfried Winkler daraufhin in Ruhe. Er beobachtete ihn nur während seiner Arbeit aus den Augenwinkeln, wie er sein Bier trank und dazwischen immer wieder auf die Uhr schaute.
Dann hörte er ein Geräusch, das er bereits kannte: das Geräusch einer mit Inbrunst falsch gesummten Melodie. Burckhardt war da. Er bestellte einen kleinen Mokka, zahlte gleich und blieb, nachdem er zu summen aufgehört hatte, schweigsam. Eigentlich mussten er und Winkler sich doch kennen, ging es Leopold durch den Kopf. Dennoch nahmen sie, in entsprechendem Abstand zueinander sitzend, keine Notiz voneinander.
Kaum versuchte Leopold, ein Gespräch mit Burckhardt anzuknüpfen, trank dieser seinen Kaffee aus, stand auf und ging zur Tür hinaus. Nun hatte es auch Winkler eilig. »Zahlen!«, rief er Leopold herbei.
»Bitte sehr, bitte gleich!« Dienstbeflissen setzte sich Leopold in Bewegung. Trinkgeld erhielt er freilich keines. Wie zur Revanche blieb er vor Winkler stehen und klimperte mit den Münzen in seiner Hand.
»Ist noch was?«, schnauzte Winkler ihn an.
»Leider sind Sie so einsilbig«, setzte ihm Leopold auseinander. »Deshalb bin ich’s jetzt auch. Aber ich kenne mich ein bisschen in der Theaterszene aus. Die ›Grillparzer-Geschichte‹ ist wieder aktuell, habe ich gehört.«
Winkler lief rot im Gesicht an. Er fing sich gleich wieder, aber eine Verunsicherung war deutlich zu erkennen. »Was wollen Sie?«, fragte er.
»Beehren Sie uns bald wieder«, legte ihm Leopold ans Herz. »Vielleicht haben wir dann mehr Zeit für ein Plauscherl.«
Winkler fixierte ihn noch einmal böse und war dann auch schon aus dem Lokal draußen. Leopold gratulierte sich im Stillen. Er hatte einen Köder ausgelegt, und der erste Fisch hatte bereits angebissen.
*
Am frühen Abend schaute Seniorchef Moritz Bäcker für gewöhnlich auf einen Sprung im Schopenhauer vorbei. Die Auswahl an alten Stammgästen, die er bereits selbst betreut hatte, war meist groß, sodass er keine Schwierigkeiten hatte, einen Gesprächspartner für einen Plausch zu finden. Diesmal blieb er jedoch im Thekenbereich stehen, um mit Leopold ein paar Worte zu wechseln.
Der alte Bäcker trat immer noch würdevoll auf. Die leicht gewellten Haare, von denen er eine Locke verführerisch in die Stirn fallen ließ, hatten dieselbe Fülle wie eh und je, sie waren nur grau geworden. Das Gesicht wirkte trotz der paar Fältchen mehr genauso frisch wie vor 20 Jahren. Wenn er es wollte, konnte er bei Frauen auch heute noch erfolgreich sein. Leopold verstand, warum Frau Heller in Erinnerungen an ihn schwelgte.
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