1.Gesellschaft der Ichlinge
Nimmt der Egoismus zu?
Die Frage, ob der Egoismus heute stärker ist als früher, ist schwer zu beantworten. Es gibt ganz unterschiedliche Meinungen dazu. Ist das vielleicht bereits ein Beweis für eine Gesellschaft der Ichlinge? Jeder sieht von seiner Warte aus und bewertet auf seine subjektive Weise. Es gibt den gemeinsamen Konsens gar nicht mehr. Was für den einen bereits Egoismus ist, ist für den anderen lediglich berechtigte Selbstverwirklichung.
Ein oberflächlicher Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen bestätigen die Zunahme des Egokults: Man möchte stark sein und sich keine Blöße geben. Erfolg zählt. Imagemanagement, Karriereplanung und Attraktivität sind geläufige Begriffe für den, der vorankommen will. Soziale Netzwerke verführen zu einer übertriebenen Selbstdarstellung. Der Grundsatz zählt: „Mehr scheinen als sein.” Personalentwickler raten: „Sie müssen sich besser darstellen.” Bescheidenheit, Zurückhaltung, Nachgeben sind keine geläufigen Werte. Das Schlagwort von der Gesellschaft der Ichlinge macht die Runde – wobei niemand genau weiß, wer diesen Begriff geprägt hat und wie lange er schon kursiert. Aber offensichtlich muss etwas dran sein an diesem Begriff, sonst hätte er sich nicht auf vielfältige Weise erhalten.
Während Oscar Wild (1854 – 1900) noch sagte: „Sich selbst lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze”, ist heute die Beziehung zu sich selbst nicht mehr selbstverständlich ein dauerhafter Zustand von Nähe, Wertschätzung und Selbstannahme, sondern ein Stück harte Arbeit – alles andere als eine Romanze.
Es ist überhaupt ein Luxus der neueren Zeit (etwa ab dem Ende des 19. Jahrhunderts), dass sich eine große Breite der Bevölkerung ausführlicher mit sich selbst beschäftigen kann – und nicht nur ein paar bevorzugte Denker. Die Frage nach dem Ich stellte sich in den Jahrhunderten davor nicht. Da musste man zufrieden sein mit dem, wie und was man war, und mit sich zurechtkommen, ohne an seinem Ich feilen und sich selbst über das Normale hinaus verwirklichen zu können. Wer sich nicht so annehmen konnte, wie er war, hatte Pech gehabt.
Vielleicht ist heute die starke Beschäftigung mit sich selbst auch ein Zeichen, dass es uns insgesamt sehr gut geht? In der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow, dem Gründervater der Humanistischen Psychologie (1908 – 1970) steht Selbstverwirklichung (bis 1970) an oberster Stelle. Erst wenn alle anderen Bedürfnisse erfüllt sind, kann man sich um die Selbstverwirklichung kümmern. 1943 war Maslow der Ansicht, dass zu diesem Zeitpunkt erst 2% der Weltbevölkerung dieses Stadium erreicht hätten. Und heute? Kann man sich deshalb so intensiv um sein Ich kümmern, weil die anderen Bedürfnisse gestillt sind? Die anderen Bedürfnisse sind:
als Erstes die elementaren Bedürfnisse, die zum
Lebenserhalt nötig sind,
dann das Sicherheitsbedürfnis,
weiter die sozialen Bedürfnisse,
schließlich das Individualbedürfnis: Stärke, Erfolg,
Unabhängigkeit, Ansehen, Wertschätzung, Achtung und
Wichtigkeit
und erst dann ist die Selbstverwirklichungmöglich:
noch besser sein, sich entfalten, sein Potenzial
ausschöpfen, sich optimieren.
Dass die Bedürfnispyramide damit nicht zu Ende ist, zeigte sich, als 1970 „Transzendenz” als oberste Spitze eingeführt wurde. Damit ist auch die Selbstverwirklichung noch nicht das Letzte, sondern die sich selbst überschreitende Dimension, der Bezug auf etwas, was über oder hinter dem Menschen selbst liegt. Wird das die Zukunft sein? Werden wir irgendwann mit der Selbstverwirklichung fertig sein, um uns dann von uns selbst ab- und Gott zuzuwenden?
Aber wo stehen wir heute in unserer Entwicklung wirklich? Geht es tatsächlich um Selbstverwirklichung oder vielleicht doch mehr um die Entwicklung des Individualbedürfnisses? Sind es vielleicht sogar erst die sozialen Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen, die grundlegenden Fragen, wie wir unsere Beziehungen leben? Oder ist es „nur” das Sicherheitsbedürfnis, das befriedigt werden will? Meine Vermutung ist, dass das, was wir unter Selbstverwirklichung verstehen, nicht wirklich eine solche ist, sondern vor allem der Individualisierung und der persönlichen Absicherung dient.
Schauen wir die Entwicklungen der letzten Jahre an:
Bereits 1986dokumentiert der Soziologieprofessor Ulrich Beck (1944 – 2015) einen weitreichenden gesellschaftlichen Umbruch. Er spiegle sich wider in zunehmender Widersprüchlichkeit und der Einsamkeit des einzelnen Menschen, der in die Vereinzelung gerät. Der biografische Pluralismus führe zu einer Zunahme von Beziehungskonflikten. „Der so entstehende ‚Kosmos des eigenen Lebens’ wird auf das Zentrum des Ich, seine Verletzlichkeiten, Möglichkeiten, Stärken und Schwächen hin zugeschnitten und ausbalanciert.” 2
Die amerikanische Zukunftsforscherin Faith Popcorn erregte 1991großes Aufsehen mit ihrem Schlagwort vom „Cocooning”, die Menschen würden sich mehr und mehr in ihre Eigenwelt zurückziehen: „Das Kokon-Dasein bedeutet Isolierung und Vermeidung, Friede und Schutz, Geborgenheit und Kontrolle – eine Art überdimensionaler Nestbau.” 3Nur dort erfahre der Mensch Sicherheit und Geborgenheit. Aber um das zu gewinnen, müsse er sich absetzen von anderen, sich einigeln im Eigenen. Und nur so hielte er eine Welt aus, die brüchig geworden ist ob ihrer vielen Veränderungen.
Der Trend geht also in Richtung Privatleben, Absicherung, Rückzug ins eigene Ich.
1991zeichnet die Psychologin und Journalistin Claudia Szczesny-Friedmann das Bild einer kühlen Gesellschaft und spricht von Einsamkeit, sozialer Isolierung und Verlassenheitsgefühlen als weitverbreitetes Problem: „Die zunehmende Isolierung des einzelnen ist eine direkte Folge der fortschreitenden Vergesellschaftung des Menschen. Im Zuge jenes Integrationsprozesses, der die Menschen in immer größere und immer komplexere Formen des Zusammenlebens zwingt, verändert sich nämlich die Balance zwischen ‚Wir’ und ‚Ich’, zwischen der Gemeinschaft und dem Individuum: bei jedem Übergang von einer Stufe zur nächsten, etwa vom Stamm zum Staat, verlagert sich das Schwergewicht zunehmend von der Wir- zur Ich-Identität, bis sich die Menschen im Extremfall als ‚wir-lose Iche’ empfinden.” 4
1996stellt der Journalist Heiko Ernst fest: „Nahezu alle Beobachtungen und Bestandsaufnahmen konvergieren in einem Punkt: die Evolution des Individuums hat ein Stadium erreicht, in dem der einzelne wie nie zuvor auf sich selbst gestellt ist.” Ein Individualisierungsschub habe höchst zwiespältige Ergebnisse mit sich gebracht: „Zum einen eine Vervielfältigung von Freiheiten, Optionen und Lebensmöglichkeiten, zum anderen neue Zwänge und Unsicherheiten, die dem einzelnen ein immenses Maß an Seelenarbeit, an gewaltigen Anpassungsleistungen abverlangt … Der Mensch muss sich nun immer wieder neu selbst bestimmen.” 5
1997spricht der Pfarrer und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer in einer Predigt von der Freiheit des Dienens: „Wir nehmen uns die Freiheit für unseren Dienst, und wir können es, weil andere das Ihre – auch für uns! – getan haben und tun. Es wird eine unverzichtbare Aufgabe von uns Christen sein, in einer Durchsetzungskultur, die sich als Freiheit der Stärkeren darstellt, die Kultur des Dienens – aus Freiheit! – zu entfalten.” 6 1998bringt der Politikwissenschaftler K. Peter Fritzsche den Begriff „Stressgesellschaft” ins Spiel mit der Feststellung, dass die starken gesellschaftlichen Veränderungen Stress erzeugen: „Stress ist nicht nur das Ergebnis von einem Zuviel an Belastungen, sondern immer auch von einem Zuwenig an Fähigkeiten und Möglichkeiten, diese Belastungen zu bewältigen ... Zum Stress der unbekannten Freiheiten gesellt sich der Stress des Abbaus von Freiheit ermöglichenden und stützenden sozialen Sicherheiten.” 7Aus der Überforderung erwachsen Überreaktionen und entwickeln sich problematische Entlastungshandlungen. Die Gesellschaft müsse lernen, mit der Freiheit umzugehen, und das bedeute, Toleranzkompetenz zu entwickeln: „Toleranz muss man sich leisten können – und leisten kann sie sich nur derjenige, der sich seiner selbst sicher ist.” Dazu gehöre aber „Multiperspektivität”, die Fähigkeit, sich in die Perspektiven anderer hineinzudenken und hineinzufühlen.
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