Auch charakterlich. Und deswegen nickte Lucy jetzt auch freundlich.
»Hach«, machte Mayer. »Als ich in eurem Alter war, da gab es noch Geburtstagsfeiern … Alkohol, Wein, Weib und Gesang und Tanz.«
»Weib?«, formulierten meine Lippen ohne mein Zutun leise. Und natürlich hörte sie mich.
»Herzlichen Glückwunsch, Frau Nachbarin!«, krächzte die Hexe und spähte so angestrengt zu mir, dass ich mich genötigt sah, um die Tür zu spähen.
»Geht es Ihnen nicht gut?«, erkundigte sie sich und versuchte ihrerseits in meine Wohnung zu blicken. »Ich kann gar keine Party erkennen.«
»Ich wollte keine machen – und habe eigentlich auch niemanden eingeladen.« Streng musterte ich meine Freundinnen, die wie auf Kommando ihre Mitbringsel hoch hielten. Zum Glück hatten sie sich nicht auf ein Geschenk und irgendwas zu backen beschränkt, sondern auch an Sekt gedacht.
»Wir wollen backen«, verkündete Lucy laut genug, damit es auch das restliche Haus hören konnte. Selbst die Nachbarn, die nicht an ihren Türen auf interessante Events im Treppenhaus lauerten.
»Backen? Na hoffentlich keinen Traumprinzen!«, krähte Mayer ebenso laut zurück. Anscheinend hatte sie mit verschiedenen Lautstärken doch keine echten Probleme.
»Wieso?«, erkundigte ich mich mit gerunzelter Stirn. Also wenn schon backen, war ein Prinz doch nun wirklich keine schlechte Wahl. Deutlich besser als ein Muffin.
»Kindchen, Sie brauchen vieles, aber doch keinen Traumprinzen!« Damit verschwand Mayer in ihrer Wohnung. So schnell, dass ich mich ernsthaft fragte, ob sie sich bei ihrer Geschwindigkeit der Magie bedient hatte und eine echte Hexe sein konnte.
Erst mit einiger Verspätung schlugen ihre Worte in meinem Verstand auf und dröselten sich dort auseinander. Ihrem Sinn entsprechend. Ich schnappte nach Luft. »Was soll denn das heißen, keinen Traumprinz? Ich will aber einen!«
»Ja, einen, der dich ficken kann! – Wenn du geil bist, wirst du zur Diva!«, meinte Lucy trocken und erntete dieses Mal die empörten Blicke.
»Wir verdienen einander«, lachte ich und umarmte meine Lieblingsfreundin. Auch, wenn das bedeutete, meine nackten Titten an sie zu pressen und Sekt und Geschenk zu gefährden.
»Und schön, dass ihr hier seid!«, verkündete ich und schmiss mich in einem Anflug von Anschmiegsamkeit auch den beiden anderen an den Hals.
»Auch wenn wir uns dafür selbst einladen mussten«, meinte Anja und versuchte mir trotz Geschenk auf den Rücken zu klopfen, als spürte sie, dass ich zwischen Lust, Freude und Verzweiflung schwankte. Schließlich hatte ich mich an meinem letzten Geburtstag in einer wilden Sause verlobt, da wäre ein wenig Trauer von meiner Seite aus ja durchaus angebracht.
Die Phase hatte ich übersprungen. Wegen eines Arschlochs würde ich weder heulen, noch melancholisch werden. Höchstens wütend. Zumindest war das der Plan. Also meiner.
»Und Sekt mitbringen mussten«, ergänzte Rike und hielt eine Tüte hoch. » Viel Sekt!«, betonte sie unter meinem fragenden Blick und warf ihre roten Locken schwungvoll nach hinten.
»Mädels, ich liebe euch!«, entfuhr mir, weil mir in dem Moment klar wurde, dass die drei die besten Freundinnen waren, die Frau sich nur wünschen konnte. Ich kicherte. Vielleicht sollten wir in einer Daily Soup mitspielen: Die vier von der Tankstelle. Lucy als Vorstadt-Schneewittchen, Rike als feurige Hexe, Antja mit ihren raspelkurzen braunen Haaren und ich mit den obligatorischen langen, blonden Locken und den nackten Titten. Apropos … möglichst würdevoll verknotete ich mein Hemd so, dass es als gewollt bauchfrei durchgehen konnte. Immerhin war ich Bauch-frei, also keine Gefahr für den guten Geschmack – und meine Brüste waren auch wieder ganz jugendfrei bedeckt.
»Trotz des Backens?«, neckte Lucy, die mein Strahlen fehlinterpretierte.
»Vielleicht können wir nackt backen, uns mit Mehl einsauen und erste lesbische Erfahrungen machen«, schlug ich hoffnungsvoll vor und tat so, als beäuge ich neugierig die Körper und primären Geschlechtsorgane meiner Freundinnen, um ihre sexuellen Fähigkeiten auszuloten.
»Kein Grund, dich ohne Schwanz zu vergnügen, Baby!« Grinsend schob mich Lucy weiter Richtung Küche. »Wir backen dir einen.«
»Einen was?«, fragte ich, in dem verzweifelten Versuch, gleichzeitig das Gleichgewicht zu wahren, mich gegen das Backen zu sträuben und Lucys Worten geistig zu folgen.
»Dabei hat sie noch nicht mal Sekt getrunken«, kicherte Anja, kramte aber schon in meinem Schrank nach den passenden Gläsern. »Natürlich ganz hinten«, motzte sie, nutzte aber gleich die Gelegenheit, die Rührschüssel raus zu räumen.
»Ihr meint das Ernst?« Anscheinend war ich genau da angekommen, wo Lucy mich haben wollte, denn der Druck in meinem Rücken verschwand genauso wie ihre Hände.
»Jep«, meinte Anja, aber ihre Zustimmung wurde vom »Plopp« der Sektflasche fast übertönt.
»Shit!«, fluchte Rike und schaffte es gerade noch rechtzeitig, ihre Lippen um den Flaschenhals zu legen und das sprudelnde Nass zu trinken.
»Super, der Mixer ist auch da!« Anja klang begeistert über das, was ich bisher nur als Chaos gewertet hatte. Küchenchaos.
»Die Schnapsgläser auch?!«, verlangte Rike, die sich wieder vom Sekt gelöst hatte, und zauberte eine weitere Flasche aus ihrem Beutel. »Lakritzlikör.«
»Likör.« Lucy verdrehte die Augen. »Ist reiner Wodka, aber mit Lakritze.«
»Und Absinth haben wir auch.« Rike schien unter die Schnapshexen gegangen zu sein, denn abermals wurde eine Flasche hervorgezaubert und noch eine. »Und Blutwurz.«
Ich runzelte die Stirn, weil der Beutel kleiner war, als die Flaschen vermuten ließen, was mich wieder auf »Magie« brachte. Ein Wort, das für Rike wie geschaffen schien. Obwohl sie wirklich eine ganz bezaubernde Hexe war.
»Ihr seid ekelhaft!«, behauptete ich trotzdem.
»Nein, noch nicht – schaffen wir aber heute Abend noch«, meinte Anja, die schon ein wenig verwuschelt wirkte. Wie Annie Lennox nach einem Hurrican , dachte ich verwirrt und nahm leicht überfordert den Sekt, den sie mir entgegen hielt und Sekunden später auch den Blutwurz von Rike.
»Warte«, befahl Rike. »Feuerzeug!«
»Ich rauche nicht«, informierte ich. Auch wenn mir inzwischen der Kopf qualmte.
Ihre gerunzelte Stirn veranlasste mich, in der Schublade zu kramen und zu meiner eigenen Überraschung besaß ich vier Feuerzeuge. Eines davon funktionierte sogar. Ein Geburtstagswunder.
Ich reichte es meiner Freundin und sah zu, wie sie mein Getränk anzündete. »Und jetzt nicht das Falsche trinken«, riet sie und prostete mir mit Flöte zu. Ich kippte den Sekt auf ex, sah zu, wie die anderen es mir gleich taten, löschte gleichzeitig mit ihnen den kleinen Brand und trank auch den heißen Schnaps.
»Wow.« Ich hustete. »Wie viel Umdrehungen hat denn das Zeug?«
»Genug.« Rike lachte. Sie arbeitete nebenbei in meiner Lieblingsbar und saß dort direkt an der Alkohol-Quelle. Ab und zu mixten sie und ihr Chef Mario sogar selbst Kreationen wie Himbeergeist (sie nannten ihn Himbeerbooh und auf der Flasche befand sich ein himbeerfarbener Geist, dessen Fröhlichkeit mich jedes Mal davon abhielt, das »Booh« zu trinken) oder eben Lakritzschnaps (keine Ahnung, wie sie den nannten, nach dem zweiten war ich immer zu betrunken, um nachzufragen).
»Und jetzt Absinth!«, verlangte Lucy.
»Ihr seid …« Ich verstummte und überlegte, welches Adjektiv oder welche Beschreibung angebracht war, um die drei Verrückten in meiner Wohnung zu beschreiben.
»Die besten Freundinnen, die man sich wünschen kann?«, riet Anja. Ich nickte sicherheitshalber, da sie irgendwo in meinem Küchenchaos das Nudelholz gefunden hatte und immer noch in der Hand hielt.
Immerhin war es nicht nötig, mich damit zu einem weiteren neuen und absolut unbekannten Getränk zu nötigen.
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