Ben Ezra kratzte sich am Arm. »Einer der Männer, mit denen er gekämpft hat, ist tot. Der andere liegt im Koma. Der, den er getötet hat, war in unseren Unterlagen, von Demonstrationen im Westjordanland. Den anderen haben wir noch nicht identifiziert. Wenn er aufwacht – falls er aufwacht – werden wir ihn ermutigen, einige Fragen zu beantworten.«
»Mmmm.«
Ben Ezra fuhr fort. »Wir haben zwei Messer in der Gasse gefunden.« Er deutete durch das Glas. »Der da war unbewaffnet. Bis auf dieses kleine Taschenmesser. Es war in seiner Tasche.«
»Nicht schlecht, gegen zwei mit Messern. Wir sind uns sicher, dass er ist, wer er zu sein behauptet?«
»Bestätigt.«
»Der Präsident hält in zwei Tagen seine Rede. Warum einen Geheimagenten unter seinem eigenen Namen schicken und ihn als Teil der Gefolgschaft des Präsidenten ausgeben?«
»Vielleicht sollten wir ihn fragen.«
»Tun wir das.«
Carter blickte auf, als zwei Männer den Raum betraten. Der erste war ungefähr fünfundvierzig und trug einen zerknitterten dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd ohne Krawatte und schwarze Schuhe. Er hatte schwarze, lockige Haare mit grauen Strähnen. Knapp eins-achtzig und etwa 75 Kilo. Seine Augen waren dunkelbraun, eindringlich und blutunterlaufen. Er sah müde aus. Stress hatte auf seinen Wangen und der Stirn Furchen hinterlassen. Er trug einen Ehering und hielt eine Mappe in der linken Hand.
Er zeigte Nick einen Dienstausweis, auf dem das blaue Logo von Shin Bet deutlich zu erkennen war. Shin Bets Motto bedeutete übersetzt so viel wie: Der unsichtbare Schild . In dem inoffiziellen Kriegsgebiet, das ganz Israel abdeckte, war Shin Bet die Frontlinie.
Neben ihm stand ein hochrangiger Polizist mit silbernen Abzeichen an den Schultern. Ein weiterer uniformierter Polizist betrat den Raum, schloss die Tür und blieb daneben stehen.
Der Mann verstaute seinen Ausweis wieder in seiner Jackentasche. »Mein Name ist Ari Herzog.«
»Nick Carter.«
Nick erhob sich, streckte seine Hand aus und versuchte dabei, sich den Schmerz in seinem Bein nicht anmerken zu lassen. Herzog sah überrascht aus. Er zögerte, schüttelte dann die angebotene Hand. Sein Händedruck war fest.
»Das ist Kommandant Ben Ezra. Wir würden uns gern mit Ihnen unterhalten.« Er deutete auf den Stuhl.
Sie setzten sich. Der Polizist und Ben Ezra blieben stehen.
Carter blickte auf die Mappe unter Herzogs Arm. Der einzige Weg hier raus war Kooperation. Er entschied sich für die direkte Variante. »Sie haben mich inzwischen überprüft«, sagte er. »Was wollen Sie wissen?«
Herzog und Ben Ezra sahen sich an. Herzog räusperte sich.
»Vieles, Mr. Carter. Angefangen damit, was Sie vorhin in der Fußgängerzone getan haben.«
»Ich war dabei, eine Tasse Kaffee zu trinken.«
»Genau zu dem Zeitpunkt und an dem Ort eines Terroranschlags.«
»Falsche Zeit, falscher Ort. Aber ja, eine Tasse Kaffee trinken. Glauben Sie, der Angriff hatte etwas mit mir zu tun?«
»Nicht unbedingt.« Herzog schaute auf die Mappe. »Sie wurden als Teil einer Vorab-Einheit vor dem Besuch Ihres Präsidenten hierher geschickt?«
»Ja.«
»Zu welchem Zweck? Sie gehören nicht zum Secret Service.«
»Mein Boss glaubt, es könnte einen zeitlich auf die Rede von Rice abgestimmten Terroranschlag geben. Wir haben eine Quelle in der Altstadt. Ich wurde geschickt, um zu versuchen, spezifische Fakten ausfindig zu machen, die unsere Informationen bestätigen. Darum bin ich hier.«
»Bewaffnet.«
»War ich, bis Ihre Leute meine Waffe beschlagnahmt haben. Wenn ich sie heute gehabt hätte, würde hier jetzt anstelle von mir vielleicht Ihr Terrorist sitzen.«
»Oder auch nicht. Einer der Männer, mit denen Sie gekämpft haben, ist tot, der andere ist schwer verwundet. Er liegt im Koma.«
Nick zuckte mit der Schulter. »Ich hatte nicht besonders viele Optionen.«
»Wie sollten Sie an die Fakten gelangen, um, wie Sie es ausdrücken, Ihre Informationen zu bestätigen?«
»Ich hätte mich mit Ihrer Organisation in Verbindung gesetzt, nachdem ich mich etwas umgesehen hätte. So hatte ich mir unsere Besprechung allerdings nicht vorgestellt.« Er deutete auf den Raum, in dem sie saßen.
»Was hatten Sie als Nächstes vor?«
»Unsere Quelle treffen.«
»Wann sollte dieses Treffen stattfinden?«
»Es ist heute um neun. Ich hatte gehofft, gestern, aber kein Glück. Meine Anweisungen waren, sollte ich etwas Handfestes finden, es an Ihre Leute zu übergeben.«
»Mmm.« Herzog war unverbindlich. »Sind Sie bereit, diese Quelle mit uns zu teilen?«
Carter dachte darüber nach. Er hatte noch nie einen Kontakt preisgegeben. Aber Israel war ein Verbündeter, und worauf es ankam, war der Erfolg der Mission.
»Ja. Aber ich glaube, es ist besser, wenn er nicht weiß, dass Sie involviert sind.«
»Sie schlagen also vor, dass wir zusammenarbeiten?«
»Wir haben ein gemeinsames Interesse. Der heutige Angriff könnte Teil eines größeren Terror-Szenarios sein. Ich würde wetten, Sie mussten bereits Kräfte abziehen, die für den Besuch von Rice eingeteilt waren. Schicken Sie mich da wieder raus und ich kann helfen.«
Herzog sah ihn lange an. Er wandte sich an Ben Ezra.
»Was meinst du?«
Der Polizist atmete tief aus. Kratzte sich unter dem Arm.
»Deine Entscheidung, Ari. Wir sind momentan tatsächlich stark belastet. Wenn du ihm vertraust, vielleicht kann er helfen. Aber wir müssen ihn an der kurzen Leine halten.«
»Mmm. Mr. Carter, sollten wir das tun, dann müssen Sie sich meiner operativen Aufsicht unterstellen. Keine Cowboy-Nummer, okay?«
»Einverstanden. Eine Sache allerdings.«
»Ja?«
»Ich hätte gern meine Waffe zurück.«
»Denken Sie, dass Sie die brauchen?«
»Wenn Sie mir trauen, gibt es keinen Grund, sie nicht zurückzugeben. Ich würde es als Zeichen sehen, dass Sie mir glauben – und um den Glauben geht es doch hier in Israel, oder?«
Herzog lächelte. »In Ordnung, Mr. Carter.«
Ben Ezra sah nicht besonders glücklich damit aus.
»Bitte. Nick.«
»Nick. Verraten Sie mir den Namen Ihres Kontaktes?«
Jetzt war es an ihm, Vertrauen zu beweisen.
»Arslanian, Arshak Arslanian. Er hat ein Geschäft im Armenischen Viertel.« Er gab Herzog die Adresse.
Herzog zog eine Karte aus seiner Jacke, schrieb etwas auf die Rückseite. »Meine Nummer. Ich schlage vor, Sie kehren in Ihr Hotel zurück und schlafen noch ein wenig. Ein Auto sammelt Sie um 0700 ein. Dann beginnen wir unsere gemeinsamen Bemühungen, angefangen mit Ihrem Kontakt.«
»Verstanden.«
Es fühlte sich gut an, nach dem stundenlangen Sitzen endlich aufzustehen. Die Nähte schmerzten. Vor dem Verhörraum reichte Herzog ihm seine Sachen und seine Pistole. Nick schnallte sie um und spürte eine gewisse Erleichterung. Er war mit Blut aus der Fußgängerzone bespritzt, sein Kopf schmerzte und er brauchte eine Dusche und etwa zehn Stunden Schlaf, die er nicht bekommen würde.
Ein Polizeiauto brachte ihn zurück zum Hotel.
In Jerusalem war es Mittwoch, nach zwei am Morgen. In Washington war es sieben am Abend. Nick rief Harker an. Er berichtete ihr vom Angriff auf die Fußgängerzone, von seiner neuen Allianz mit Shin Bet.
»Einen Moment bitte.«
Carter hörte sie im Hintergrund husten. Er rieb sich den Hinterkopf, wo er auf den Boden geschlagen war. Er hatte höllische Kopfschmerzen und ihm war schwindelig. Vermutlich eine leichte Gehirnerschütterung. Schlaf musste reichen.
Nach einer kurzen Pause war Harker wieder da. »Ich habe jetzt eine Akte über Herzog vor mir auf dem Schirm.«
»Wie weit soll ich mich auf ihn einlassen?«
»Er ist durchaus ernstzunehmen. Man bekommt bei Shin Bet nicht Jerusalem zugeteilt ohne eine großartige Erfolgsbilanz. Zweimal im Feld verwundet, Belobigungen seiner Vorgesetzten, eine Medaille vom Premierminister. Es wäre gut, ihn auf unserer Seite zu haben.«
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