In meinem Leben könnte ich noch viele andere Beispiele dafür finden, wie ich emotional befangen war und rein rationale Argumente mich nicht zur Einsicht brachten. Ich denke da an den Umzug von meiner geliebten Wahlheimat Linz in die Stadt Wels oder meine neu entdeckte Leidenschaft für die Sprünge auf dem Wakeboard, nachdem ich über viele Jahre ausschließlich die Geschwindigkeiten auf dem Monoski bevorzugt hatte. Ich lebe gerne in Oberösterreich, doch mittlerweile auch häufig zwischendurch in Düsseldorf, und beim Wassersport nutze ich inzwischen die unterschiedlichsten Bretter. Doch ich konnte die vorherigen festen Überzeugungen erst dann ändern, als ich schon länger nicht mehr in Linz lebte und eine Weile auf den Monoski verzichtet hatte. Wir benötigen also immer etwas Distanz, um unsere emotionalen Ansichten grundlegend zu ändern. Keine dieser Einsichten habe ich bis heute bereut, aber sie brauchten Zeit, um zu reifen.
Eine Frage der Kommunikation
Ja, wir sind alle gefangen in unseren Überzeugungen, Glaubenssätzen und Weltanschauungen. Die folgenden Fragen stellen unsere Ansichten auf den Prüfstand.
•Was sind die »flachen Erden« in Ihrem Leben?
•In welchen Situationen schaltet sich Ihr gedanklicher »Wächter« ein und lässt keine rationalen Argumente mehr zu?
•Welchen Glaubenssatz beschützen Sie mit aller Kraft, weil davon abzusehen vielleicht Ihr Weltbild ins Wanken bringen könnte?
•Wann haben Sie zum letzten Mal Ihre Meinung erst infolge einer gewissen zeitlichen oder räumlichen Distanz geändert?
•Und ganz wichtig: Was würde passieren, wenn Sie sich mit einer anderen Meinung bewusst und rational auseinandersetzen und Ihren Aufpasser auf Urlaub schicken? Würden Sie als Persönlichkeit wachsen?
*Viele werden auch deswegen zu Hause unterrichtet, weil Flat-Earth-Befürworter ein kreationistisches Weltbild haben und dieses nicht im offiziellen Lehrplan steht.
2.
Die eigene Bubble – der Einfluss unserer kommunikativen Umfelder
Unsere eigene Bubble erzeugen wir selbst, indem wir stets nach Bestätigung suchen und mit Andersdenkenden einfach nicht über das fragliche Thema diskutieren.
Menschen haben große Sehnsucht nach der Bestätigung ihrer Ansichten, Glaubenssätze und Ideologien, das liegt sozusagen in ihrer Natur. Wir lesen die Tageszeitung, die unsere Meinung spiegelt, und fühlen uns bei den Freunden besonders wohl, die unsere Ansichten teilen. Hinter diesem Verhaltensmuster steckt der »Confirmation Bias«, auf Deutsch: der Bestätigungsfehler. Diese kognitive Verzerrung wurde von dem Psychologen Peter Wason in den 1960er-Jahren entdeckt. Sie birgt das Risiko, dass wir die für unsere Meinungsbildung wichtigen Informationen einfach ausblenden. Damit umgehen wir (unbewusst) die Gefahr, feststellen zu müssen, dass wir uns möglicherweise geirrt haben. Und wer will das schon?
Wason führte das sogenannte »2-4-6-Experiment« durch; er fragte, welche Zahlen in dieser Zahlenreihe aus der Logik heraus folgen müssten. Auf welche Zahlen würden Sie tippen? Wenn Sie jetzt die Zahlen 8-10-12 im Kopf haben, könnten Sie richtigliegen. Aber ist dem wirklich so? Vergleicht man dieses Experiment mit einer Meinungsbildung, könnte man diese hier abschließen. Ist die Meinung erst einmal gefestigt, möchten wir keine andere Alternative mehr hören. Wir tauschen uns daher über das jeweilige Thema nur noch mit Menschen aus, die das genauso sehen wie wir. Dass in unserem Beispiel auch 7-8-9 eine mögliche Antwort sein könnte, kommt uns gar nicht in den Sinn. Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass Menschen, die diese Antwort wählen, einem Irrtum unterliegen. Dabei könnte die Reihenfolge 7-8-9 ebenso korrekt sein, genauso wie 10-16-26. Denn die simple Logik hinter der Zahlenreihe lautet: Jede nachfolgende Zahl ist größer als die vorhergehende.
Eine Meinung, die ich mir über einen längeren Zeitraum durch das sorgfältige Abwägen von Pro- und Kontra-Argumenten gebildet habe, fühlt sich aus meiner Sicht wesentlich besser und »richtiger« an als eine bloß instinktiv gewonnene Meinung, von der ich weiß, dass sie keiner Diskussion mit Andersdenkenden standhalten könnte. Letzteres führt zwangsläufig zum Selbstbetrug und zu unschönen Killerargumenten – zum Beispiel, dass alle AfD- oder FPÖ-Wähler Nazis sind, dass die Mainstream-Medien allesamt zur »Lügenpresse« gehören, dass Angela Merkel eine Diktatorin ist oder dass alle, die sich um das Wohl anderer kümmern, »böse« Gutmenschen sind. Und so weiter …
Geschichte einer Spaltung: Mit Ihnen rede ich nicht!
In Deutschland ereignet sich an etwa jedem dritten Tag eine dramatische Beziehungstat, bei der ein Mann seine Partnerin ermordet. 2 So auch am 27. Dezember 2017 im rheinland-pfälzischen Kandel. Der Täter: ein Flüchtling, dessen Asylantrag abgelehnt worden war. Er konnte sich jedoch weiterhin in Deutschland aufhalten, da er angab, minderjährig zu sein. Die Tat wurde von den meisten Medien und Parteien in ein Licht gerückt, das mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun hatte. Statt die Motive der Beziehungstat zu klären, entstand eine generelle Diskussion über Flüchtlinge und deren Gewaltbereitschaft. Manche Medien berichteten übrigens gar nicht über das Ereignis. Es sei nicht ihre Aufgabe, jede der ungefähr 150 tödlich endenden Beziehungstaten zu kommentieren, war ihre Antwort auf diesbezügliche Kritik. Rechte Parteien wiederum instrumentalisierten die Tat für ihre politischen Zwecke und riefen zu Demonstrationen auf. Die ersten wurden von der AfD und der NPD organisiert. In der Folge entwickelte sich nach und nach eine rechtsextreme Szene in Kandel. Die Bürger wehrten sich gegen diese »Übernahme« ihrer Stadt durch die rechtsextreme Bewegung und gründeten das Bündnis »Wir sind Kandel«. Noch eineinhalb Jahre später gerieten die Kontrahenten regelmäßig aneinander. Kandel war somit zum Inbegriff der gesellschaftlichen Spaltung in Deutschland geworden. Den Demonstranten geht es dabei schon lange nicht mehr um die Beziehungstat, sondern einzig und allein um ihre politische Agenda. Die Demonstranten aus der rechten Ecke wollen die »Diktatorin« Merkel loswerden. Der Reporter Aimen Abdulaziz-Said vom YouTube-Kanal »STRG_F« (Funk) versuchte bei der Demonstration des rechten »Frauenbündnis Kandel« mehr über die Motive der Demonstranten zu erfahren. Doch keiner der angesprochenen Teilnehmer war zu einem Interview bereit. Während einer der Gefragten den NDR als »Dreckssender« beschimpfte, brüllt ein anderer im Hintergrund: »Lügenpresse, Lügenpresse, Lügenpresse«. 3 Spaltung pur!
»Lügenpresse« wurde in Deutschland übrigens zum Unwort des Jahres 2014 gewählt – ein Wort, das bereits der Propagandaminister der NSDAP Joseph Goebbels in den 1930er- und 1940er-Jahren verwendete, um die freien Medien pauschal zu diffamieren. 4Ich bin der Meinung, dass wir alle Wörter dieser Art, zu denen auch »Volksverräter«, »Abendland«, »Bevölkerungsaustausch« und »Widerstand« gehören, dringend aus unserem Vokabular streichen sollten. Auf die Gründe dafür gehe ich im zweiten Teil dieses Buches, das dem Thema Brückenbau gewidmet ist, noch genauer ein. In diesem Kapitel sehen wir uns an, wie sich gedankliche Verbindungen wie »Merkel = Diktatorin« und »freie Presse = Lügenpresse« so stark in manchen Teilen der Bevölkerung festigen konnten. Wieso nehmen so viele Menschen pure Propaganda für bare Münze, ohne diese kritisch zu hinterfragen?
Unzufrieden und gefangen in der Bubble
Was wir hier sehen, ist das Resultat großer Unzufriedenheit. Diese Menschen fühlen sich als Verlierer der Globalisierung und haben sich jener Meinung angeschlossen,
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