Denn eines sollten wir nicht vergessen: Jeder Konsument von Informationen wird irgendwann zum Kommentator dieser Informationen und ist damit zugleich Redakteur seines eigenen Medienzirkels und Netzwerks. Zu »liken« und bestimmte Nachrichten und Artikel zu teilen, ist ebenfalls ein wichtiger Akt der Kommunikation – und erfordert ein hohes Maß an Verantwortung eines jeden einzelnen Kommunikationsteilnehmers. Nur über den verantwortungsvollen Konsum von Medien finden wir den Weg in eine lebenswerte Zukunft, ganz egal, von welcher politischen Position aus wir agieren. Wir müssen unsere Positionen und Ansichten ständig überprüfen und weiterdenken, bis zur nächsten oder gar übernächsten Generation. Wer bei seinem Handeln ausschließlich den Maßstab des kurzfristigen Profits anlegt, verschenkt die Zukunft.
Dazu gehört auch ein gewisses Maß an Selbstreflexion. Wir alle sollten uns immer wieder fragen: »Bin ich noch in der Lage, den Standpunkt eines anderen zu beurteilen, ohne mich emotionalen Zwängen und Vorurteilen hinzugeben? Kann ich wirklich sachlich bleiben, wenn Objektivität gefordert ist?«
Natürlich werden wir uns niemals alle hundertprozentig einig sein, es wird immer Diskussionsbedarf geben. Selbst zwei Individuen, die auf dem gleichen Punkt auf der gedachten Links-/Rechts-Achse stehen, werden nicht überall einer Meinung sein. Jeder Mensch hat seine eigenen Glaubenssätze, seine persönlichen Erfahrungen und gemeisterten Herausforderungen, aus denen sich die eigene Ideologie entwickelt hat. Eine wohlhabende Frau berücksichtigt andere Dinge als eine arme Frau, wenn sie im Wahllokal ihr Kreuzchen macht. Ein Vater entscheidet vermutlich anders als ein Mann ohne Kinder. Ein Teenager wählt anders als ein Großvater. Und das ist gut so! Denn nur so entwickelt sich unsere Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit weiter.
Doch das Problem ist kein individuelles: Auch Unternehmen und Lobbyisten nutzen fragwürdige Kommunikationsstrategien, führen uns hinters Licht und tragen zur Spaltung von Meinungen, Ansichten und letztlich der Allgemeinheit bei. Dabei haben sie eine noch viel größere Verantwortung gegenüber unserer Gesellschaft als jeder Einzelne. Wir alle sollten Unternehmen stetig daran erinnern, keine Profite aus verantwortungslosem Handeln zu ziehen, und sie auffordern, für die Konsequenzen ihres Handelns einzustehen. Manche Unternehmen handeln erst dann verantwortungsvoll, wenn ihre Kunden, Mitarbeiter und Stakeholder das massiv einfordern. Auch Sie, liebe Leserin und lieber Leser, sind möglicherweise Stakeholder eines Unternehmens. Möchten Sie nicht auch dazu beitragen, dass Unternehmen etwas anderes als billige Marketingslogans hinausposaunen? Möchten Sie nicht selbst Verantwortung übernehmen, indem Sie die Kommunikationswege, ja vielleicht sogar etwaige Manipulationen dieser Firmen durchschauen und aktiv eingreifen?
Wir alle sollten uns als verantwortungsvolle Journalisten verstehen, als Berichterstatter aus unserer eigenen Welt. Und zu den wichtigsten Qualifikationen eines guten Journalisten gehört die Fähigkeit, echte oder: wahrhaftige Berichterstattung von aufgeblähter, teilweise auch unrichtiger Meinungsmache zu unterscheiden. Erst wenn wir erkennen, wie oft wir verantwortungsloser, manipulativer und verzerrender Kommunikation ausgesetzt sind, sind wir in der Lage, uns dagegen zu wehren. Diese Erkenntnis steht und fällt mit dem Vermögen eines Menschen, achtsam und bewusst zu kommunizieren.
Ich rufe jeden Einzelnen dazu auf, durch verantwortungsvolle Kommunikation eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Standpunkten und Ansichten herzustellen. Mein Ziel? Dass Hass und Verachtung zwischen verschiedenen – nicht nur politischen – Gruppierungen weniger werden. Das kann nur gelingen, wenn immer mehr Menschen jene trügerischen Botschaften entlarven können, mit denen wir so oft konfrontiert werden. Vertreter diametral entgegengesetzter Ideologien sollten zumindest versuchen, die Standpunkte der anderen zu verstehen, und in eine Diskussion auf Augenhöhe eintreten. Schlussendlich möchte ich dazu beitragen, ideologische Brücken zu bauen und die Gesellschaft, so gut es geht, zu einen. Wenn es mir gelingt, mit diesem Buch zu einem solcherart neuen Denken und Handeln anzuregen, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Ihr Patrick Nini
PS: Um der besseren Lesbarkeit willen verwende ich in meinen Beispielen und Anreden meistens nur eines der Geschlechter. Doch natürlich spreche ich Frauen, Männer und Diverse gleichermaßen an.
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Teil I
GESPALTEN
1.
Ideologien und innerste Überzeugungen – wie wir bewerten
Wenn wir dem Unbewussten ausgeliefert sind, sind wir hilflos und nicht in der Lage, zu reflektieren.
Hatten Sie es in politischen oder gesellschaftlichen Diskussionen schon einmal mit Menschen zu tun, die unbelehrbar wirkten? Wenn jemand Ihre Meinung nicht nur nicht annehmen, sondern gleich gar nicht hören will, kann das an unterschiedlichen Ideologien und Überzeugungen liegen. Es fühlt sich dann so an, als hätten die anderen eine Wand aufgebaut, an der alle unsere Argumente abprallen. Manchmal halten Menschen an Ideologien fest, die aus unserer Sicht gestrig und/oder sehr dogmatisch wirken. Die dazugehörigen Überzeugungen scheinen unverrückbar und stehen nicht zur Diskussion. Sie wirken, bildlich gesprochen, wie ein Graben, den man auch durch eine entsprechende Wortwahl nie überschreiten kann. Es gibt heute viele dieser Gräben, deren ausgeprägteste Form wir in der politischen Debatte sehen. Kommunikation scheitert oft an den einfachsten Fragen: Was ist das Beste für mich und die Gesellschaft? Wie sollten wir aktuell und künftig zusammenleben? Wohin bewegen wir uns als Planet Erde und wie entwickeln wir uns als Gesellschaft? Und vor allem: Ist es überhaupt noch möglich, die vielen weit auseinanderliegenden Standpunkte zu einen?
Geschichte einer Spaltung: Ist die Erde flach?
Samuel Rowbotham (1816 – 1884) war Erfinder und schrieb 1849 ein Manifest, das auf der Bibel aufbaut. In diesem Manifest » beweist « bzw. behauptet er, dass die Erde keine Kugel, sondern flach ist. Als Beweis gilt das Bedford Level Experiment, das Rowbotham am Bedford-Fluss in England durchgeführt hat. An einer Stelle verläuft der Fluss in einer Ebene komplett gerade und ermöglicht dadurch einen durchgehenden Blick über 9,7 Kilometer. Rowbotham installierte ein Teleskop etwa 20 Zentimeter über der Wasserlinie. Von diesem Punkt aus schickte er ein Boot mit zwei Metern Mastlänge flussabwärts. Wäre die Erde eine Kugel, so hätte Rowbotham seiner Logik nach den Mast am Ende der Strecke nicht mehr sehen dürfen. Er sah ihn aber und fand damit die Bestätigung seiner Theorie, dass die Erde flach sei. An ihrem Mittelpunkt befinde sich der Nordpol und seitlich sei sie von der Antarktis begrenzt. Aus dieser These heraus gründete sich nach dem Tod von Rowbotham 1884 die Universal Zetetic Society. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die neu gegründete Flat Earth Society diese These und vertritt seither standhaft die Meinung, die Kugeltheorie der Erde sei eine Lüge. Fake News!
Bislang hat aus Sicht der Flat Earth Society noch niemand die Wand der Antarktis durchbrochen – somit sei doch völlig klar, dass diese der »Zaun« sei, der die Erde umfasse. Einen weiteren Beweis finden die Anhänger der Flache-Erde-Theorie im Flugzeug. Erinnern Sie sich noch an Ihren letzten Flug? Haben Sie damals den Horizont betrachtet? Der Horizont war gerade, nicht wahr? Keine Spur einer Biegung. Wie kommen also manche Menschen auf die abstruse Idee, die Erde sei eine Kugel? Wäre sie tatsächlich eine Kugel, würden Sie doch nicht den gesamten Horizont sehen, sondern nur einen Teil davon und diesen gekrümmt. Dritter »Beweis«: Sie stehen an einem See und beobachten die Wasseroberfläche; bei Windstille wird diese Oberfläche glatt und ruhig sein. Wäre die Erde eine Kugel, gäbe es weder Seen, Meere noch Flüsse, denn durch die Zentrifugalkraft kämen diese Flüssigkeiten gar nicht zur Ruhe. Außerdem müssten Flüsse durch die Erdkrümmung enorme Höhenunterschiede überwinden. Die Mitglieder der Flat Earth Society könnten noch viele weitere Beweise für ihre Theorie liefern. Jedes Jahr im November diskutieren knapp 1000 Anhänger auf der Flat Earth Conference über neue Erkenntnisse, die ihr Weltbild bestätigen. Durch die entsprechende Kommunikation via Social Media wächst die Bewegung immer weiter und bekommt neue, überzeugte Mitglieder.
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