Finden wir uns damit ab: Wissen oder das, was wir dafür halten, ist eine Illusion.
Genauso eine Illusion ist, dass wir alle permanent miteinander in echtem Kontakt sind. Per Messenger, Kommentarfunktion und E-Mail sind wir vielleicht vernetzt, aber deshalb noch längst nicht verbunden. Zum Glück erinnern meine Kinder mich immer wieder daran, was es bedeutet, wirklich in Kontakt zu sein. Wenn einer meiner Söhne mir etwas erzählen will, stellt er vorher sicher, dass ich auch wirklich bei der Sache bin. Ich kann ihm dreimal sagen, dass ich auch wirklich zuhöre – er fängt erst an zu reden, wenn ich mich ihm zuwende und ihm in die Augen schaue. Wenn Kinder etwas mitteilen wollen, fordern sie unsere volle Aufmerksamkeit ein. Sie kommunizieren erst, wenn sie sicher sind, dass eine echte und belastbare Verbindung besteht.
Im Gegensatz zu uns haben unsere Kinder noch nicht verlernt, was es bedeutet, wirklich in Kontakt und im Dialog zu sein.
Eine dritte Illusion, unter der unsere Kommunikation leidet, ist der Glaube, dass wir immer auch das sagen, was wir tatsächlich mitteilen wollen. »Würdest du mal die Freundlichkeit besitzen, dich an dein Versprechen zu halten, und pünktlich zum Abendessen kommen?« ist keine zielführende Äußerung. Ziel und Aussage gehen meilenweit aneinander vorbei: Obwohl der wahre Wunsch hinter diesen Worten das Bedürfnis nach Nähe ist, erzeugen sie Distanz und können damit zu Spaltung führen.
»Essen ist um sieben« – das wäre eine adäquate und vor allem glasklare Botschaft. Doch genau davon senden wir viel weniger aus, als wir glauben, und tragen damit sicher nicht zum kommunikativen Brückenbau bei. Im Bemühen, eine Verbindung herzustellen, zu einer Einigung zu kommen oder Lösungen zu finden, kommunizieren wir alles Mögliche, was die eigentliche Botschaft verschleiert: Urteile, Mutmaßungen oder Vorwürfe – all das, was Widerstände schürt, anstatt Menschen und Meinungen zu verbinden. Die meisten dieser spaltungsgeladenen Bomben zünden wir zwar unabsichtlich, aber wir zünden sie. Und dann wundern wir uns, wenn wir missverstanden werden und nicht wie gewünscht zu anderen Menschen durchdringen?
Das sind für mich die drei großen Illusionen unserer Zeit: die Wissensillusion, die Kontaktillusion und die Mitteilungsillusion. Sie sorgen dafür, dass wir in unseren Beziehungen und in unserer Gesellschaft Spaltung erleben, obwohl wir uns doch Verständigung wünschen.
Die gute Nachricht ist: Es gibt ein Mittel, mit dem wir all diese Illusionen und die allgegenwärtige Spaltung im Kleinen wie im Großen überwinden können: den Dialog! Er ist die nachhaltigste Kommunikationsstrategie für gelingende Verständigung. Er ist die effektivste Kulturtechnik gegen das Nicht-Wissen. Er ist der zuverlässigste Klarsichtfilter gegen die Nebelbomben der Alltagskommunikation. Das intime Gespräch zwischen zwei oder mehr Menschen, der bilaterale wie der große gesellschaftliche Dialog, der geflüsterte Hinweis genauso wie die angeregte Grundsatzdiskussion: Der direkte Austausch auf Augenhöhe ist unsere einzige Chance auf Klarheit.
Auf dem Weg zum verantwortungsbewussten kommunikativen Brückenbau wünsche ich mir außerdem mehr Streit! Einen Streit auf der Grundlage einer Haltung, nicht einer Meinung. Wie er früher einmal gemeint war: Rede – dann Gegenrede – und am Ende im besten Fall das Finden einer Lösung oder gar Wahrheit. Diskurs und Dialog statt Bezichtigung, mehr Debatten auf Augenhöhe und weniger Empörung!
Deshalb bin ich froh, dass Patrick Nini dem Dialog in diesem Buch die Aufmerksamkeit widmet, die ihm gebührt. Mit der Rückkehr ins Gespräch allein ist es nämlich nicht getan. Damit Dialoge gelingen können, brauchen wir außerdem Einsichten über das Wesen der Kommunikation und die Kompetenzen, uns auf verbindende und verbindliche Kommunikation überhaupt einzulassen.
Und noch etwas ist unverzichtbar: Offenheit. Gelingende Dialoge beruhen auf der grundlegenden Bereitschaft, als ein anderer Mensch aus dem Gespräch, aus der Interaktion mit anderen zu kommen, als der man hineingegangen ist. Ich empfehle Ihnen daher, mit genau dieser Bereitschaft auch in die Lektüre dieses Buches einzutauchen. Das ist nämlich auch so eine Grundregel der Verständigung, die wir scheinbar irgendwie verlernt haben: erst zuhören oder lesen und verstehen, dann reden oder anderweitig kommunizieren.
In diesem Sinne: Setzen Sie auf Dialog und Brückenbau und nicht auf Spaltung!
Kommen Sie gut an!
Ihr
René Borbonus
Ein Wort zuvor – unsere Gesellschaft ist gespalten
Seit einiger Zeit kann man anlässlich von Geburtstagen auf Facebook Spendenaufrufe durchführen. Ich habe zu meinem 33. Geburtstag auf dieser Plattform zu einer Spendenaktion für den gemeinnützigen Verein Sea-Watch aufgerufen. Sea-Watch hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu retten, die im Mittelmeer in Seenot geraten. Kurz darauf meldete sich ein empörter Geburtstagsgast bei mir: »Bist du verrückt? Warum machst du aus einem Geburtstag ein Politikum? Seenotrettung? Dazu habe ich sowieso meine eigene Meinung!« Er machte mir darüber hinaus den Vorschlag, ich solle doch, statt politische Statements abzugeben, das eingenommene Geld lieber in ein zukünftiges Eigenheim investieren.
Diese und ähnliche Diskussionen führe ich mit diesem Menschen nicht zum ersten Mal. Ganz im Gegenteil. Um die Beziehung zu ihm nicht zu gefährden, haben wir uns längst darauf geeinigt, besser keine politischen Gespräche mehr zu führen, denn politisch gesehen trennen uns Welten. Pointierter ausgedrückt könnte man auch sagen, zwischen uns befindet sich ein ideologischer Grand Canyon: Unsere Ansichten liegen sehr, sehr weit auseinander.
Eigentlich wollte ich mit meinem Spendenaufruf gar kein politisches Statement abgeben, das war nie meine Intention. Ich wollte einfach nur helfen, weil ich Videos von Rettungsaktionen gesehen hatte, bei denen sich Menschen in höchster Gefahr befinden und manche von ihnen trotz aller Bemühungen elendiglich ertrinken. Und ich finde, dass das so nicht weitergehen darf! Menschen mit ganz anderen Ansichten sehen an dieser Stelle jedoch statt Menschen etwas anderes in Gefahr, nämlich das christliche Abendland. Diese Menschen können mich und mein Spendenverhalten ebenso wenig verstehen wie mein Geburtstagsgast und reagieren darauf mit großer Entrüstung. Manche gehen sogar so weit, mich als linken, »fehlgeleiteten« Gutmenschen zu klassifizieren. Aber – bin ich das wirklich? Ich denke nicht. Ich wollte einfach nur meiner Verantwortung nachkommen.
Was mir auffällt: Unsere Gesellschaft definiert sich zunehmend anhand einer strikten Links-/Rechts-Achse. Entweder-oder – dazwischen scheint es keine weiteren Nuancen mehr zu geben. Diese starke Polarisierung führt aus meiner Sicht zu einem Tauziehen, bei dem es nur Verlierer zu geben scheint. Und dieses Gefühl – Verlierer zu sein – erzeugt bei vielen Menschen eine enorme Wut. Nehmen wir zum Beispiel das heftige Aufeinandertreffen von AfD-Befürwortern und AfD-Gegnern (AfD = Alternative für Deutschland). Am 27. Mai 2018 demonstrierte die AfD im Berliner Regierungsviertel mit knapp 5000 Anhängern für ein »besseres Deutschland«. Auf der gegenüberliegenden Seite der Spree demonstrierten laut Polizei 25 000 AfD-Gegner. In einem Showdown trafen die beiden Konfliktparteien aufeinander. Die AfD-Gegner brüllten wütend und lautstark immer abwechselnd »Ganz Berlin hasst die AfD« und »Nazischweine«, während die AfD-Befürworter »Widerstand« und »Ihr seid die Faschisten« schrien. Nur eine strikte Absperrung und der Einsatz von 2000 Beamten konnten wüste Gewalttaten verhindern. Wut ist jedoch nur eine der Emotionen, die auf beiden Seiten zu spüren waren. Diese Kontrahenten zeigten (und zeigen bis heute) auch tiefe Verachtung und fast schon glühenden Hass für den anderen, was den Spalt zwischen diesen politischen Lagern noch größer werden lässt.
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