Solchen Hass und solche Verachtung gab es oft genug in der europäischen Geschichte. Diese starken negativen Emotionen führten früher oder später meist zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Da reichte oft nur ein vermeintlich »kleines« Ereignis, um einen Krieg auszulösen. In den Schicksalsjahren zwischen 1933 und 1945 war es vor allem Hass, der von den damaligen Machthabern geschürt wurde und der zu den katastrophalen Verbrechen an der Menschheit führte. All dem war eine bewusst herbeigeführte Spaltung der Gesellschaft vorangegangen. Vom Zweiten Weltkrieg trennt uns bereits eine »angenehme« zeitliche Distanz: Wir können langsam anfangen, die Gedenkveranstaltung »100 Jahre Reichspogromnacht« vorzubereiten; schon heute gibt es kaum noch Zeitzeugen, die von persönlichen Erfahrungen aus dieser dunklen Zeit berichten können. Und auch sie wird es bald nicht mehr geben. Ich finde es in diesem Zusammenhang übrigens verantwortungslos, eine ganze Gruppe politisch Andersdenkender pauschal als »Nazis« oder »Faschisten« zu bezeichnen, denn das verharmlost diese vielfältig aufgeladenen Begriffe auf unzulängliche Art und Weise.
Dieses eindimensionale Links-Rechts-Denken, das einen großen Teil unseres politischen Diskurses bestimmt, hat eine Vorgeschichte: Die Linke hat ihre Wurzeln im Kommunismus und Sozialismus und forciert, kurz gesagt, die Gleichheit aller Menschen, während die Rechten sich unter anderem durch Nationalstolz und Tradition definieren. Eine solche triviale und geradezu simple Spaltung lässt jedoch aus meiner Sicht nicht genug Spielraum, um die gegenwärtigen und zukünftigen Probleme konstruktiv anzugehen. Nehmen wir zum Beispiel den Umweltschutz. Aus der grünen Bewegung heraus wäre das eindeutig ein »linkes« Thema. Wie kann aber ein Thema, das den gesamten Planeten und unser aller Zukunft betrifft, rein links sein?
Blicken wir nur einmal in den Osten Deutschlands, wo noch immer viele Menschen ihren Job in umweltschädlichen Braunkohlekraftwerken verrichten. Die AfD kann Wähler aus dem Osten Deutschlands stark mobilisieren, indem sie die Existenzängste der betroffenen Bürger geschickt aufgreift. Die AfD möchte die Wähler in der Umweltdebatte nicht vergraulen. Sie geht nun den einfachsten Weg, sich vor der Diskussion zu drücken: Sie stempelt das Thema als »links« ab und erzeugt bequeme Feindbilder – womit eine weitere Spaltung entsteht und Menschen fast schon trotzig Standpunkte einnehmen, die rein sachlich nicht begründet werden können. Ich kann mich selbst gar nicht davon ausnehmen. Für mich war lange Zeit keine echte Diskussion mit Menschen möglich, die rechten Parteien nahestehen. Erst als ich erkannte, warum Menschen anders wählen, habe ich meinen Blick geweitet und war offen für einen Diskurs.
Eindimensionale Feindbilder und Hass können im schlimmsten Fall den Spalt, der schon heute in unserer Gesellschaft besteht, zu einem tiefen, unüberwindbaren Abgrund ausweiten. Das möchte ich verhindern helfen. Daher habe ich mich entschlossen, selbst politisch aktiv zu werden – und dieses Buch zu schreiben. Keine Angst, ich möchte Ihnen auf den folgenden Seiten nicht meine politische Meinung aufdrücken. Ich möchte Ihnen stattdessen meine Sicht der Dinge, also die Perspektive eines Kommunikationsexperten, näherbringen, ganz unabhängig von »rechten« oder »linken« Positionen.
Als die Idee zu diesem Buch geboren wurde, herrschte in Österreich gerade Wahlkampf. Ich war seit März 2018 Mitglied der liberalen Partei NEOS (Das Neue Österreich und Liberales Forum); diese hatte im Sommer 2019 dazu aufgerufen, sich für ein Nationalratsmandat zu bewerben. Da ich schon immer politisch interessiert und engagiert war, wollte ich es versuchen. Im Vorfeld zu diesem Schritt horchte ich intensiv in mich hinein, auch um herauszufinden, was mir persönlich wirklich wichtig ist. Ich fragte mich: In welchem Bereich sollte ein Politiker seine Stärken haben? Ganz klar, in der Kommunikation! In der Politik kann man mit kommunikativem Talent am meisten erreichen, weil verantwortungsvolle Kommunikation schließlich verantwortungsvolles Handeln zur Folge haben sollte. Im Zuge dieser Überlegungen wurde mir jedoch klar, dass aktuell auf politischer Ebene in sehr vielen Staaten kaum verantwortungsvolle Kommunikation stattfindet. Aus meiner Sicht kann man die wenigsten Parteien und politischen Organisationen heute – bezogen auf ihr kommunikatives Verhalten – als »wahr« und »klar« einordnen.
Ich halte es beispielsweise für vollkommen verantwortungslos, dass die Schweizerische Volkspartei (SVP) den ohnehin schon tragischen Mord an einem achtjährigen Jungen am 29. Juli 2019 am Bahnhof in Frankfurt am Main für sich instrumentalisierte und dieses Ereignis als Aufhänger für eine restriktivere Asylpolitik benutzte. Bei dem ausländischen Täter, der schon seit 2006 in der Schweiz lebte, wurde eine psychische Störung diagnostiziert, etwas, was auch jedem Inländer widerfahren kann. Auch die 75-jährige Schweizer Bürgerin, die vier Monate zuvor einen siebenjährigen Jungen auf dem Weg zur Schule erstochen hatte, war bereits mehrfach in psychiatrischer Behandlung. Dieses Ereignis hingegen wurde von der SVP nicht politisch instrumentalisiert, vermutlich, weil sie die Nationalität der Täterin nicht zum Thema machen konnte. Und das ist gut so; die beiden Todesfälle sind tragisch genug und sollten nicht auch noch dazu missbraucht werden, politisches Kleingeld zu machen. Auch hier können wir eine eindeutige Spaltung bei der Wahrnehmung und Interpretation von Ereignissen feststellen.
Immer wieder kocht – zumindest in Österreich – die »Schweinefleisch-Debatte« hoch, die 2019 in Deutschland ihren Ursprung hatte. Zwei Kitas entschieden sich, aus pragmatischen Gründen und aus Rücksicht auf zwei muslimische Kinder, kein Schweinefleisch mehr zu servieren. Die Eltern wurden informiert; die Kita argumentierte, es sei so einfacher, ein Menü bereitzustellen, das alle Kinder essen könnten. Weil dies für die Mehrheit der Kinder und Eltern in Ordnung war, sollte man meinen, das Thema sei erledigt. Kurz darauf zog jedoch die »Bild«-Zeitung in den »Schnitzelkrieg« und titelte »Kita streicht Schweinefleisch für alle Kinder«. Die Reaktion der österreichischen FPÖ ließ nicht lange auf sich warten – sie forderte ein Recht auf das Schnitzel im Verfassungsrang! Noch grotesker geht es kaum. Eine Entscheidung, die aus rein pragmatischen Gründen getroffen wurde, wird dazu benutzt, Hass und Wut der Bürger gegen Migranten zu schüren und so zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft beizutragen.
Genau diese Art der Kommunikation werden wir uns im Verlauf des Buches genauer ansehen. Auch auf jene Kräfte und Gruppierungen, die sich als »Mitte« bezeichnen, werden wir einen Blick werfen. Außerdem möchte ich Ihnen zeigen, an welchen Stellen wir durch eine verantwortungslose Kommunikation hinters Licht geführt werden. Und weiter: Hinter welchen – auf den ersten Blick scheinbar harmlosen – Äußerungen steckt eine politische Strategie? Was sind Fake News und wie können wir sie erkennen? Wo stoßen wir auf kognitive Verzerrung und wer spielt geschickt mit unserem Unterbewusstsein und unseren Emotionen?
Vielleicht fragen Sie sich, warum das alles für uns als Gesellschaft so wichtig ist. Nun, tagtäglich werden in vielen Ländern kleine und große Ereignisse von Parteien und Medien auf eine Weise skandalisiert und benutzt, dass die Klickzahlen in den sozialen Medien durch die Decke gehen – und diese Entwicklung lässt auch die vermeintlichen »Feindbilder« immer mächtiger werden. Genau diese Feindbilder treiben jedoch einen Keil in unsere Gesellschaft und machen einen vernünftigen, annähernd objektiven Diskurs kaum mehr möglich. Ich möchte in diesem Buch herausfinden, woran wir als mündige Bürger und Mediennutzer die Unehrlichkeit in diesen polarisierenden Aussagen erkennen und wie sich diese in vielen unterschiedlichen Facetten darstellt.
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