»Alle raustreten zum Essen fassen!«
Obertruppführer Breitsamer stand mit gespreizten Beinen vor der Tür.
Hunger hatten wir längst schon, und deshalb trampelten wir mit unseren Essgeschirren in den ehemaligen Schulhof hinaus. Jedes »Essgeschirr« bestand aus einem rund einen Liter fassenden, nierenförmigen Blechbehälter, der an den rückwärtigen Teilen des »Koppels« neben dem Brotbeutel befestigt werden konnte. Löffel, Gabel und Messer waren zusammenklapp- und schwenkbar in einem Stück zusammengenietet. Der Deckel des Blechnapfs war mit einem ebenfalls beweglichen Henkel versehen und konnte als Suppenteller verwendet werden.
Im Hof wartete unser Koch an seiner »Gulaschkanone«. Dabei handelte es sich um einen fahrbaren Küchenwagen mit einem Blechrohr als Kamin. Wir reihten uns einer hinter dem anderen vor ihm auf. »Heut hab ich Gulasch, Bratkartoffeln und frischen grünen Salat für euch. So gut kocht nicht einmal die Mama zu Hause!«, rief Koch Hannes von seinem erhöhten Standort zu uns herunter. »Drängeln gilt nicht! Es ist genug da für einen Nachschlag!«
Am anderen Morgen marschierten wir singend mit unserer Arbeitskleidung, weißen Drillichanzügen, sauber gewienerten Knobelbechern, umgeschnallten Koppeln und unseren Spaten auf der linken Schulter zum etwa drei Kilometer vor dem Ort gelegenen Feldflughafen. Drei Trupps begannen damit, einige nur notdürftig aufgefüllte Granattrichter dicht neben der grasbedeckten Rollbahn – betoniert war die Start- und Landebahn natürlich nicht – wieder einzuebnen und zu festigen.
»Es kann sein, dass die Landebahn je nach Wetterlage verlegt werden muss«, erklärte unser Oberfeldmeister mit laut brüllender Stimme. »Dann kann man die rotweißen Markierungshauben an ihren Rändern verändern. Sie muss jedenfalls fest bleiben und darf nicht verschlammen! Die Trichter müssen sich nachher so anfühlen, als hätte es sie nie gegeben! Also gewissenhafte Arbeit! Der Flugplatz muss bald wieder brauchbar sein!«
Die restlichen Arbeitsmänner unseres Haufens, zu denen auch ich gehörte, bekamen den Befehl, bereitliegende, zwanzig Zentimeter starke Rundholzpfeiler als Zaunpfähle in den Boden zu rammen. Stacheldrahtrollen lagen bereit, mit denen diese Pfähle verbunden werden sollten. Der Feldflughafen war zur Zeit nicht genutzt, musste aber vor seiner Wiederinbetriebnahme mit einem mannshohen Stacheldrahtzaun umgeben werden. Die Reste des beschädigten alten Zaunes lagen etwa hundert Meter entfernt am Waldrand auf einem Feld. Unser Trupp begann an der südlich gelegenen Ecke des Geländes mit nacktem Oberkörper fleißig zu arbeiten. Einige fuhren mit Schubkarren die runden Holzabschnitte vom anderen Ende des Flugfeldes zu uns, und ich hatte gerade mein drittes, gut einen Meter tiefes Rundloch mit einer von Hand zu bedienenden Ramme in den Boden gebohrt, als Rudi Heller von seinem Schubkarren zu mir herüber rief:
»Lothar! Du sollst auf der Stelle zu Unterfeldmeister Gaul kommen! Er steht dort vorne, neben dem Verwaltungsbau! Unverzüglich sollst du kommen! Lass dir also nicht zu viel Zeit, wenn du deinen Luxuskörper unter deiner Drillichjacke versteckst.«
Während ich mich in meine Jacke zwängte und mein braunes Käppi aufsetzte, fragte ich mich, was Gaul von mir wollen könnte. Fünf Minuten später, noch bevor ich mich vorschriftsmäßig zur Stelle melden konnte, rief er mir entgegen:
»Herrmann! Ich hab dem Kameraden von der Luftwaffe mitgeteilt, dass Sie eine besonders schöne Sonntagsschrift haben. Oberfeldwebel Heiner«, er deutete auf einen großen, schlanken Mann in blaugrauer Fliegeruniform, »würde Ihre Fähigkeiten gern für die Luftwaffe beanspruchen. Machen Sie uns also keine Schande.«
Vor den beiden angelangt, schlug ich meine Knobelbecher zusammen, stand stramm und grüßte vorschriftsmäßig mit dem ausgestreckten rechten Arm. Oberfeldwebel Heiner jedoch winkte geringschätzig ab und meinte:
»Kommen Sie schon mit mir, Arbeitsmann Herrmann. In unserem Depot sollen Sie nach den Vorgaben unseres Materialverwalters einiges schön übersichtlich beschriften. Sie sollen auf diesem Gebiet ja ein Genie sein.«
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte er sich auf dem Absatz um und ging mir voran auf ein großes Zelt neben dem Wohngebäude eines vormaligen landwirtschaftlichen Betriebs zu, in dem jetzt die Kommandantur und die Funkstelle untergebracht waren. Ich sah einige von uns oben auf dem Dach herumklettern, die dort nach den Anweisungen eines Unteroffiziers der Luftwaffe damit beschäftigt waren, eine abgeknickte Funkantenne zu erneuern und einige Löcher im Dach zu reparieren. Bei uns waren doch sämtliche Berufszweige vertreten.
In den folgenden Tagen setzte leichter Regen ein, und deshalb ließ ich mir bei meiner angenehmen Beschäftigung viel Zeit. Ich wurde auch nicht gedrängt, sondern bemalte gemächlich mit großen, kunstvollen Buchstaben Schubladen mit dem mir angegebenen Inhalt. Das waren größtenteils mir unbekannte, kleinere Ersatzteile für Flugzeugmotoren.
Jeden Abend umringten Kinder mit Milchkannen oder ähnlichen Behältnissen unsere Gulaschkanone, über der Hannes einen kleinen Bretterschuppen errichtet hatte. Am ersten Abend standen Hölzl und ich unter der Tür zum Hofraum und konnten hören, wie Hannes Feldmeister Brutscher erklärte:
»Wir können doch unsere Reste nicht wegwerfen! Das wäre schade. Diese Kinder haben auch Hunger! Fast alle von ihnen sprechen deutsch.«
Daraufhin entfernte sich der Feldmeister, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Eines Tages brachte ein Kleinlaster des Heeres eine Ladung französischer Karabiner mit dazugehöriger Munition in unser Lager. Diese Gewehre waren den entsprechenden deutschen Waffen ähnlich, nur einige Zentimeter länger. Wir übten damit einige Tage lang bis zum Erbrechen »Griffe klopfen«. Wieder war es Feldmeister Brutscher, dieser altgediente Soldat, der uns stundenlang auf dem ehemaligen Schulhof drillte. Seine etwas heisere, aber kräftige Tenorstimme glaube ich noch heute zu hören:
»Still gestanden!«, »Die Augen rechts!«, »Volle Deckung!«, »Sprung auf, marsch, marsch!«, »Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht?«, »Ich muss euch wohl die Hammelbeine lang ziehen?«, »Wie lieblos halten Sie denn Ihren Karabiner? Gerade weil die Franzosen ihn uns überlassen haben, müssen Sie mit ihm nach HDV (Heeresdienstvorschrift) umgehen können, bevor Sie auf irgendeinem Kasernenhof der Wehrmacht Ihren Dienst antreten. Ich lasse mir von Ihnen den RAD nicht blamieren! Deshalb dreißig Kniebeugen mit vorgehaltenem Karabiner!«
Zwei von uns begannen nachts laut zu träumen und wurden ausgelacht:
»Reicht’s dir am Tag nicht? Musst du nachts immer noch weitermachen?«
Andere bekamen von der Hitze und dem beständigen Drill Durchfall. Jedenfalls war der »Donnerbalken«, unser Abort am Ende des zweckentfremdeten Schulhofs, mehr frequentiert als bisher. Dieser Donnerbalken bestand aus einem von uns ausgehobenen, sieben bis acht Meter langen Graben, den wir mit einem einfachen, nach vorne offenen Bretterschuppen umgeben hatten und über dem ein Balken als Sitzgelegenheit zum Verrichten der Notdurft angebracht war. Einigen von uns gelang es sogar hin und wieder, dieses Örtchen als »Drückebergerbalken« zu benutzen.
Nur an den Samstagabenden und sonntags hatten wir Gelegenheit, unsere Wäsche zu waschen, und leerten dabei so manche Flasche Bier. Auch wenn man dabei sehr darauf achten musste, dass die Kragenbinden vollzählig blieben, genossen wir jede freie Minute. An einem dieser Sonntage konnten wir sogar einen Ausflug nach Straßburg unternehmen. Das alles überragende Münster und der Blick von seinem Turm über die Dächer der Stadt war für uns alle mehr als nur eine willkommene Abwechslung.
Der von uns instand gesetzte Feldflugplatz war schneller als geplant wieder einsatzfähig, aber keiner von uns wusste, welche Einheit unserer Luftwaffe dort stationiert werden würde. Die Herren Offiziere schienen jedenfalls mit unserer Arbeit zufrieden zu sein, denn an einem strahlend-schönen Julimorgen ließ unser Oberstfeldmeister antreten und verkündete uns stolz:
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