»Dieses Ding ist für Übungszwecke bestens geeignet. Es ist eine Skoda 05 Gebirgskanone, die uns die Tschechen überlassen mussten. Sie sehen hier mehrere davon. Das österreichische Alpenkorps hat sie schon im Ersten Weltkrieg benutzt, und sie funktionieren heute noch. Bedienen Sie die alte Tante so, wie sie es verdient! Auch wenn ihr Kaliber lediglich 7,5 Zentimeter beträgt, das Ding speit Tod und Teufel! Die Bedienung dieser Geräte ist bei allen anderen Typen ähnlich, ohne gravierende Unterschiede. So, jetzt will ich zunächst einmal ein glänzendes, gepflegtes Rohr sehen! Achten Sie aber beim Durchziehen darauf, dass die Seelenachse nicht verletzt wird!«
Karl Mergel, der neben mir stand, flüsterte mir grinsend ins Ohr:
»Jetzt will er uns auch noch verarschen. Diese gedachte Linie zwischen der Verschlusskammer der Granate durchs Rohr zum Ziel gibt’s doch gar nicht. Für wie blöd hält uns denn der Kerl?«
Wir übten mehrere Tage lang unter strengster Aufsicht. Unsere Ausbilder waren schwer zufriedenzustellen. Das Loisachtal war inzwischen in eine weiße Schneedecke gehüllt, und es wurde gemunkelt, dass wir bald verlegt werden sollten. Eines Abends hörte ich einen der Unteroffiziere versonnen vor sich hinmurmeln:
»Hoffentlich verfrachten die uns nicht nach Jugoslawien. Die Balkanheinis dort unten sollen aufmüpfig geworden sein.«
Übungen mit Handfeuerwaffen hielt man in unserem Fall für zweitrangig. Nur zwei Mal waren wir am Schießstand, wobei mir bessere Schützen mein Erfolgserlebnis beim RAD streitig machten. Mit Maschinengewehren schossen wir nur einmal. Auch wenn man uns mit unseren Nachrichtengeräten und schussbereiten Karabinern immer wieder über Berghänge hetzte – Übungen, wie sie bei den Jägern üblich waren, mussten wir nur einmal mitmachen. Dabei jagte uns allerdings Oberwachtmeister Wurzer in voller Marschausrüstung durch die eiskalte Loisach:
»Auf, marsch, marsch! Dort drüben am anderen Ufer ist der Feind!«
Noch am selben Abend waren Kleider- und Waffenappell angesagt, der viele Kameraden die Nachtruhe kosten sollte.
In den letzten Dezembertagen rückte unsere Abteilung aus. Es war durchgesickert, dass am Truppenübungsplatz Heuberg in Württemberg eine neue Division aufgestellt werden sollte, die anschließend in Jugoslawien eingesetzt würde. Ich war nicht mit von der Partie, und irgendwie stimmte es mich traurig, als ich von meinem Bett in der Krankenstation aus die anderen draußen vorbeimarschieren sah. Einige von ihnen waren gute Kameraden, mit denen ich gern weiterhin zusammengeblieben wäre. Aber wegen eines plötzlich aufgetretenen Anfalls meines Bronchialasthmas musste mich der Stabsarzt einstweilen zurückstellen.
Nach etwa einer Woche meldete ich mich beim Spieß in dessen Schreibstube zum Dienst zurück. Nicht unfreundlich fragte er mich: »Was möchten Sie denn lieber? Die neuen Rekruten drillen oder hier in der Schreibstube arbeiten? Können Sie Steno und Schreibmaschinenschreiben?«
»Nur stenografieren, Herr Hauptwachtmeister!«
»Immerhin etwas! Aber das Tippen könnten Sie sich selbst beibringen, wenn Sie hier arbeiten wollen!«
»Jawoll, Herr Hauptwachtmeister!«
Noch am selben Abend begann ich am Tisch in meiner neuen Bude damit, anhand eines Lehrbuchs und einer mir ebenfalls überlassenen Nachbildung einer Schreibmaschinentastatur zu üben. Anfangs hatte man mich in der Schreibstube lediglich als Laufbursche, Postverteiler oder Ähnliches eingesetzt. Aber ich lernte schnell, fühlte mich wieder gesund, und als ich mit einigen anderen Anfang April in eine Kaserne der Artillerie am nördlichen Stadtrand von Landshut an der Isar verlegt wurde, war ich zweiter Schreiber, während die anderen an schweren französischen Beutegeschützen ausgebildet wurden.
»Was wollen wir denn in den Bergen mit diesen vier Ungetümen und den beiden Zugmaschinen?«, fragte kopfschüttelnd Horst Ulmer, unser erster Schreiber. Er hatte sich vor einiger Zeit für die Unteroffizierslaufbahn beworben, aber weil er eine Hasenscharte hatte, wollte Hauptmann Rummel, unser neuer Batteriechef, dies nicht zulassen.
Jetzt fragte ich ihn:
»Hast du denn das Gespräch zwischen unserem Hauptmann und Leutnant Weber nicht mitgehört? Leider konnte ich nicht viel mitkriegen, aber ›Heeresküstenartillerieabteilung‹ habe ich verstanden.«
»Menschenskind, Lothar! Was sind denn das für Gegensätze. Erst Garmisch, dann Niederbayern, danach vielleicht die Atlantikküste? Das glaubst du doch selbst nicht.«
Mein Dasein als Schreiber erschien mir nach wie vor interessanter und angenehmer, als der tägliche Drill an diesen Geschützen, aber auf die Frage nach unserem bevorstehenden Einsatz wusste ich keine Antwort. Auch mich stimmte es nachdenklich, dass wir unsere Bergschuhe abgeben und gegen Knobelbecher tauschen mussten.
An einem der letzten Tage des Mai erfuhr ich in der Schreibstube als einer der Ersten: »Unsere Abteilung wird ab morgen verladen! Angeblich geht’s irgendwohin nach Osten!«
Während Horst Ulmer in der Stube bedächtig seine Fußlappen wickelte, knurrte er grimmig:
»Lothar, was soll das jetzt wieder bedeuten? Sollen wir uns etwa endgültig von unseren Bergen verabschieden? Soviel ich weiß, hat das mit uns verbündete Rumänien eine Schwarzmeerküste. Sollen wir denen etwa aushelfen müssen? Kaum zu glauben. Gegen wen denn?«
»Hans, ich hab auch keine Ahnung, wohin wir kutschiert werden. Nur eines weiß ich gewiss: Wir werden es sehr bald erfahren, und das im wahrsten Sinne des Wortes.«
Horst, der wegen seiner Hasenscharte manchmal schwer zu verstehen war, knurrte irgendetwas Unverständliches vor sich hin.
Das Verladen am Güterbahnhof in Landshut beanspruchte seine Zeit. Es war nicht so einfach, die vier schweren französischen Beutegeschütze, die unter anderem zu unserer Batterie gehörten, mit Muskelkraft auf die Güterwagen zu schieben. Heute noch vernehme ich die gebrüllten Befehle, als wäre es erst gestern gewesen:
»Zugleich! Zugleich!«
Wir griffen in die Speichen einer Kanone und schoben sie mühsam und ruckweise auf die Ladefläche des offenen Güterwagens. Wer und wie viel Mann hinter mir schufteten, habe ich vergessen. Es dauerte jedenfalls Stunden, bis unsere vier Geschütze auf den offenen Ladeflächen so sicher festgezurrt waren, dass sie sich auch bei einem unvorhersehbaren plötzlichen Aufprall nicht selbstständig machen konnten. Auf den Waggons davor standen unsere beiden Zugmaschinen. Am Tag danach verstauten wir in den überdachten Güterwagen zahlreiche Gerätschaften, unser Marschgepäck, Karabiner, Stahlhelme und dergleichen und richteten uns dazwischen so gemütlich wie möglich ein. Wir waren nur vier Mann in unserem Waggon, während in den anderen zehn bis fünfzehn Mann Platz finden mussten.
Unser Zug erschien mir endlos lang zu sein, als er an einem milden Maiabend am Isarufer entlang zunächst nach München rollte. Wir standen etwa eine Stunde am Ostbahnhof und durften zur Verrichtung unserer Notdurft abwechselnd und nur kurze Zeit unseren Wagen verlassen. Weiter ging es nach Salzburg und Wien, und weil unser Zug aus wahrscheinlich betriebsbedingten Gründen manchmal längere Zeit irgendwo warten musste, kamen wir nicht allzu schnell voran.
Wir rollten durch Ungarn. In der Donauebene, in einem kleinen Dorfbahnhof, hielten wir wieder einmal an, und hier umringten unsere Waggons plötzlich fröhlich tanzende Zigeuner, die mit unmissverständlichen Gesten bettelten.
»Vorsicht! Lasst sie nicht zu nahe kommen! Die klauen!«
Einige von uns warfen ihnen Zigaretten zu, deuteten ihnen aber auch an, einige Meter von den Wagen entfernt zu bleiben. Unser Unteroffizier fühlte sich dennoch dazu veranlasst, seine Pistole 08 zu ziehen, denn ein frecher, schwarz gelockter junger Mann wollte zu uns in den Wagen klettern. Wir lachten schallend, als er wieselflink zu den anderen zurücklief, dabei seinen Hut verlor, diesen rasch wieder aufhob und sich, den Hut vor seine Brust haltend, mit einer unnachahmlich demütigen Geste vor uns verbeugte.
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