In Hedi stieg der Zorn empor.
»Nun bin ich nur so'n bisschen länger fortgewesen, da hat sich die Mutti schon wieder ein Kindchen geholt!«
Eine tiefe Falte wurde auf der Stirn Hedis sichtbar, als sie an den kleinen Wagen herantrat.
»Was wollen alle die Kinder bei uns? – Ich will nicht noch ein Kindchen haben, und der Vati will auch nicht! Er hat gesagt, jetzt ist es genug! Ich verstehe die Mutti nicht, immerfort holt sie sich ein neues Kind! Zuerst war's so schön, als ich allein war.«
Dicht neben dem kleinen Wagen stand das schlafende Schwesterchen. Das war noch viel kleiner als das, was sich die Mutti heute geholt hatte.
»Was willst du denn hier? Wir sind genug, wir brauchen dich nicht!«
Puckis Hände fassten den Griff des kleinen Wagens, und plötzlich ging ein helles Leuchten über das Kindergesicht.
»Hab mal keine Angst, Kleine, wenn ich dich in den Wald fahre. Du hast auch einen großen Schutzengel, der steht immerzu neben dir. Keiner tut dir was. Wir wollen dich nicht, Kleine!«
Behutsam fuhr Hedi den Sportwagen aus dem Garten hinaus, bog in den breiten Weg ein, den sie soeben gekommen war und hielt bald im Fahren inne. Zu Vati durfte sie nicht, er würde vielleicht das Kindchen auch behalten, obwohl er vorhin gesagt hatte, dass er so viele Kinderchen nicht wolle.
»Du kriegst 'ne andere Mutti! Wir können dich nicht brauchen.«
Mit diesen Worten bog Hedi in den kleinen Waldweg ein, den Wagen vor sich herschiebend. Dem kleinen Buben, der mit dem Teddybär spielte, schien diese Spazierfahrt gut zu gefallen. Er schaute Hedi vergnügt an und ließ von Zeit zu Zeit ein leises Lachen hören.
»Ich fahre dich in den ganz dunklen Wald, der Schutzengel ist immer bei dir – ein ganz großer – so groß, wie dort der Baum!«
Da der Weg viele Wurzeln aufwies, holperte der kleine Wagen bedenklich. Hedi ließ sich dadurch nicht bange machen. Einmal streifte auch ein tief herabhängender Zweig das Gesicht des Kindes, und es begann zu schreien.
»Still bist du!« rief Hedi, »sonst schilt dein Schutzengel!«
Nachdem sie etwa zehn Minuten auf dem schmalen Weg gefahren war, fühlte Pucki sich ermüdet.
»Jetzt ist es genug«, meinte sie, »nun kann dich eine andere Mutti holen. Vati wird gewiss 'ne Freude haben, wenn er hört, dass das neue Kindchen weg ist.«
Der Wagen wurde neben einen Baum geschoben, Hedi nickte dem kleinen Kinde zu und sagte schon im Fortgehen: »Der Schutzengel ist bei dir – so, nun sind wir dich los!«
Mit erleichtertem Herzen eilte sie zurück. Noch war der breite Weg nicht erreicht, da hörte sie in der Ferne lautes Krachen.
»Der Baum ist gepurzelt, ich muss hin!«
Vergessen war die Mahnung des Vaters. Hedi setzte sich in Laufschritt, erreichte bald den breiten Weg, stürmte vorwärts, vernahm auch kurze Zeit darauf das Sprechen der Waldarbeiter und stand in der nächsten Minute vor den Leuten, die soeben den dicken Baum gefällt hatten.
»Bum, da liegt er«, rief sie erfreut!
Förster Sandler war nicht mehr bei den Waldarbeitern; er war bereits zu einem anderen Schlage gegangen und ahnte daher nicht, dass seine unfolgsame Tochter zurückgekommen war. Für Hedi gab es vieles zu erkunden. Sie stellte unzählige Fragen an die Leute, die lachend von ihnen beantwortet wurden. Man hatte das kleine blonde Mädchen des Försters gar gern. Die Arbeiter scherzten mit ihm und freuten sich über das liebe Kind. Hedi lauschte auf jedes Wort, das gesprochen wurde. Manches verstand sie freilich nicht; dass man aber einen Baum zersägte und ihn zu einer Klafter zusammenstellte, war ihr bekannt und nichts neues.
»Hackt ihr den Baum nu auch noch kaputt?«
»Nein, der bleibt stehen.«
»Weil er noch nicht krank ist, weil er noch jung ist?«
»Ja, Hedi, deswegen bleibt er stehen.«
Dann sprachen die Männer allerlei zusammen und plötzlich sagte einer laut und vernehmlich:
»Wenn es doch der Oberförster so haben will, können wir nichts ändern.«
»Oh, da tutet es! Das ist der Onkel Oberförster!«
»Mädel, Hedi, hierbleiben!«
Doch das Kind war nicht zu halten. Es kannte die Hupe des Oberförsters genau, der ja so oft am Försterhaus angehalten oder vorübergefahren war. Jetzt freilich schien er nicht nach dem Forsthause zu wollen, denn das Hupen kam gerade von der entgegengesetzten Seite. Aber der Vater sprach oft davon, dass der Onkel Oberförster immer dort sei, wo Bäume umgeschlagen wurden.
»Hedi – Pucki!«
Vergeblich war das Rufen der Waldarbeiter.
Hedi jubelte innerlich. Dort drüben stand das graue Auto des Oberförsters. Es hielt mitten auf der breiten Straße im Walde.
»Onkel Oberförster – Onkel Oberförster«, jubelte sie schon von weitem.
Neben dem grauhaarigen Herrn stand der Vater. Hedi streckte verlegen die Zunge heraus und wischte damit in den Mundwinkeln umher.
»Nanu?« Mehr sagte der Vater nicht, doch in seiner Stimme grollte es.
»Weidmannsheil, Onkel Oberförster!« sagte Hedi hastig und machte dem alten Herrn ein artiges Knickschen. Verlegen griff das Kind mit der Hand nach der rechten Seite, als wolle es den Schutzengel festhalten, der hier stehen musste.
»Weidmannsdank, Kleine. Bist wohl mit dem Vater in den Wald gegangen?«
»Hedi – –«
»Ja, Vati, gleich geht Hedi wieder nach Hause, ich wollte nur Onkel Oberförster was fragen.«
»Was willst du mich fragen?« forschte der kinderliebe alte Herr.
»Onkel Oberförster, möchtest du ein kleines Kindchen haben? Im Walde is eins!«
»Ja, das sehe ich, dass im Walde ein Kindchen ist. Und nun wirst du dem Vater folgen. Du willst doch mal in den Himmel kommen?«
»Ja! Aber nicht jetzt. Jetzt darf ich nicht!«
»Was – du darfst nicht?«
»Ich muss gleich nach Hause gehen, sonst wird der Vati sehr böse. Oh, der Vati kann so böse werden wie der Harras!«
»Dann lauf mal schleunigst heim!«
»Kommste mit? – Soll ich dir mal das Kindchen zeigen?«
»Du sprichst kein Wort mehr, Hedi, du gehst sofort heim.«
»Ich wollte dem Onkel Oberförster doch nur das Kindchen zeigen, das wir nicht mehr haben wollen.«
Als Hedi aber die tiefe Falte auf der Stirn des Vaters sah, machte sie rasch einen Knicks und lief eilends den breiten Weg zurück, dem Forsthause zu. – –
Im Forsthause herrschte größte Aufregung. Frau Weimann war vor einer halben Stunde aus Rahnsburg gekommen, um im Forsthaus die Schuhe abzugeben, die ihr Mann für Förster Sandler und dessen Gattin fertiggemacht hatte. Da es ein herrlicher Maientag war und die Sonne warm schien, hatte die Schuhmachersfrau den kleinen Sportwagen mit dem einjährigen Söhnchen im Vorgarten stehen lassen. Das Wägelchen war dicht neben den anderen Wagen gefahren worden; hier draußen im Garten konnte den Kleinen ja nichts passieren. Außerdem war Rudi ein stilles und ruhiges Kind, das sich oft allein mit seinem Spielzeug beschäftigte.
Frau Sandler, die in der Küche beschäftigt war, wollte ihren Besuch ins Zimmer nötigen, doch Frau Weimann blieb in der Küche. Es gab mancherlei aus Rahnsburg zu erzählen, und so vergingen die Minuten gar rasch. Endlich verabschiedete sich die Schuhmachersfrau. Begleitet von Frau Sandler, betraten beide den Vorgarten. Vergeblich schauten sie sich nach dem Wagen mit Klein-Rudi um, er war nirgends zu erblicken.
Man rief Minna, die im Gemüsegarten arbeitete. Sie hatte nichts gehört, nichts gesehen, sie wusste auch nicht einmal, dass Besuch gekommen war. Kurzum: das Kind war verschwunden.
»Wie ist das möglich?« sagte Frau Sandler beunruhigt.
»Vielleicht ist ein Vagabund vorübergekommen, der mein Kind mitgenommen hat«, weinte die besorgte Mutter. Dann begannen die beiden Frauen zu rufen.
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