Niemand konnte sich das Verschwinden des Kindes erklären. Noch niemals war im Forsthause etwas abhanden gekommen. Nun sollte ein Kind verschwunden sein?
»Wo ist mein Kindchen? – Bubi – Bubi!«
Laut und ängstlich tönte die Stimme der unglücklichen Mutter in den Wald hinein. Niemand hörte die Rufe, denn Hedi war mit dem Wagen viel zu tief in den Wald gefahren, und Förster Sandler weilte bei dem Holzschlag.
»Es ist unmöglich, dass das Kind verschwunden ist«, sagte die Förstersfrau.
»Es ist gestohlen – wurde geraubt! Vielleicht haben es vorüberziehende Zigeuner mitgenommen. – Ach, wo finde ich mein Kind!«
Die beiden Frauen und Minna liefen nach allen Seiten, in der Hoffnung, den Wagen irgendwo zu finden. Doch alles Suchen blieb erfolglos. Sie lauschten angestrengt hinein in den Wald – nichts war zu hören.
»Wo ist Hedi?«
»Sie ist mit meinem Manne in den Wald gegangen, sollte jedoch bald wieder heimkommen. Das Kind gehorcht nicht immer. Ich möchte meinen Mann aufsuchen.«
»Nein, Frau Sandler, bleiben Sie hier«, weinte Frau Weimann.
Frau Sandler wusste keinen Rat. Die unglückliche Mutter tat ihr sehr leid, und doch war nicht anzunehmen, dass der Knabe geraubt worden war.
Nochmals liefen die Suchenden nach allen Seiten. Minna war die erste, die auf Hedi stieß, die den breiten Weg dahergegangen kam.
»Woher kommst du?«
»Vom Vati und von Onkel Oberförster.«
»Hast du den kleinen Rudi gesehen?«
»Ich habe keinen kleinen Rudi gesehen.«
Seelenruhig schritt das kleine Mädchen zum Forsthaus, hinein in den Garten. Vor dem Hause auf der Bank saß die weinende Schuhmachersfrau.
»Mein Rudi – mein Rudi – warum habe ich ihn allein gelassen!«
»Warum weint die Frau?« fragte Hedi und wandte sich fragend an Minna.
»Ihr kleiner Junge ist fort, sie findet ihn nirgends.«
»Ein kleiner Junge im kleinen Wagen?«
»Ja, Hedi, der Wagen hat im Garten gestanden.«
»Ist das das Kind von der Frau und nicht das Kind von meiner Mutti?«
»Dummes Mädel, das ist das Söhnchen von Frau Weimann. Sie brachte Vaters Schuhe, sie kommt aus der Stadt.«
»Ach je, das ist also nicht unser Schwesterchen? – Na, das ist gut! Ich habe gedacht, das ist unseres, da habe ich es weggefahren.«
»Was hast du getan?«
»In den Wald habe ich es gefahren.«
»Das Kind – in den Wald? Ja, was fällt dir denn ein! Frau Weimann, Hedi hat Ihren Jungen gesehen.«
Die Angeredete sprang auf. »Hedi, wo ist mein Rudi?«
»Willste dir dein Kind wieder mitnehmen? Bleibt es nicht bei uns?«
»Nein – wo ist mein Kind?«
Gleichgültig wies die Kleine mit dem Fingerchen nach dem Waldweg. »Es steht unter einem Baum. – Wir wollten es nicht haben, und der Onkel Oberförster will es auch nicht.«
»Wo finde ich Rudi?«
Frau Sandler hatte die letzten Worte vernommen. Eiligst kam sie hinzu, und erneut wurde Hedi ausgefragt.
Die Kleine lächelte verschmitzt. »Weißt du, Mutti, wir wollten nicht so viele sein, und weil schon wieder ein Kindchen hier war, habe ich es in den Wald gefahren.«
»Ganz allein – in den Wald?«
»Es ist nicht allein – der ganz große Schutzengel steht neben ihm und passt auf.«
»Wo ist der Wagen?« fragte die Mutter streng.
Als Hedi abermals gleichgültig nach dem Wald wies, bekam sie von der Mutter einen Klaps auf die Hand.
»Du bist ein recht unnützes Mädchen, Hedi! Was fällt dir nur ein, den Wagen aus dem Garten zu schieben. Sofort kommst du mit und wirst uns führen.«
Hedi ging schmollend voran. Kaum hatte man den kleinen Weg erreicht, da vernahmen die Näherkommenden das Geschrei des Knaben. Beide Frauen eilten weiter, Hedi blieb mit erschrecktem Gesicht stehen.
»Nu krieg ich die Haue«, murmelte sie, »und wollte doch nur, dass der Vati eine Freude hat.«
Sehr bald kehrten die beiden Frauen mit dem Wagen zurück. Frau Weimann schob das kleine Fahrzeug und sprach zärtlich auf den noch immer weinenden Knaben ein.
Wenige Minuten später war die Schuhmachersfrau fortgefahren. Frau Sandler rief nach Hedi.
»Hast du gesehen, wie sich die arme Mutti ängstigte, wie sie weinte? Und auch deine Mutti hat einen schweren Kopf vor Angst und Aufregung. Schämst du dich nicht, so etwas zu tun?«
Hedi schluckte an den aufsteigenden Tränen. Und als Frau Sandler mehrfach aufstöhnend die Hände an die Stirn legte, weil sie von der Aufregung heftige Kopfschmerzen bekommen hatte, tat es dem kleinen Mädchen sehr leid. Sie konnte die gute Mutter nicht leiden sehen.
»Mutti, sei wieder gut! Ich werde auch alle Kinderchen hier lassen, die du holst. Ich werde kein Kindchen mehr in den Wald fahren. – Mutti, sei wieder gut!«
»Lass nur Vati heimkommen, der wird dir die unartigen Streiche austreiben.«
In der Küche saß Hedi mit sorgenvollem Gesicht bei Minna. »Die Mutti hat Kopfschmerzen. Ach, die arme Mutti! Nun ist sie krank, und Hedi wollte ihr doch eine Freude machen.«
»Du musst recht brav sein, Pucki, und nicht immer soviel dummes Zeug treiben.«
»Wie der Pucki, bei dem alles schlimm ausgeht.«
»Ja, ja, wie beim Pucki. Wenn du nicht artiger wirst, hat dich die Mutti nicht mehr lieb. Dann hat sie nur die kleine Waltraut lieb, von der sie nicht geärgert wird.« –
Die Worte Minnas stimmten das kleine Mädchen recht nachdenklich. Hedi stand eine halbe Stunde später vor der Mutter, die sich mit dem kleinen Schwesterchen beschäftigte.
»Hast du die Waltraut lieber als mich?«
»Die Waltraut hat Mutti noch nicht geärgert.«
Aufmerksam betrachtete Hedi die Kleine, die aus den Windeln gewickelt wurde. Lachend und strampelnd lag das kleine Wesen, ganz nackt, vor der Mutter.
»Du liebes, kleines Englein«, sagte Frau Sandler zärtlich zu ihrem jüngsten Kindchen.
»Is das ein Engelchen, Mutti?«
»Ja, das ist ein Engelchen.«
»So, wie ein Schutzengelchen?«
»Ja.«
»Mutti – – wenn der Schutzengel neben mir herläuft, ist er dann auch ganz nackt?«
»Den Schutzengel sieht man doch nicht.«
»Mutti – weil er sich schämt, nicht wahr – weil er nackend ist! Wenn ich mal ein Engel bin, Mutti, zieh ich mir aber was an! Ich möchte nicht nackend umherlaufen.«
»Du bist ein unartiges Mädchen, Hedi, und kein Englein.«
»Engel sind doch immer im Himmel? Waltraut will aber gar nicht in den Himmel.«
»Mutti ist froh, dass sie solch kleines Engelchen hat.«
Gegen Abend kam der Vater heim. Das war für Hedi keine gute Stunde. Die Mutter erzählte von dem schlimmen Streich und von den Sorgen, die die Tochter den beiden Frauen bereitet hatte. – Da holte der Vater die Rute, und Hedi erhielt eine gehörige Tracht Prügel. Am Abend gab es auch keinen Gutenachtkuss, und lange noch lag Pucki im Bettchen und überdachte den schlimmen Tag, der so viel Leid gebracht hatte.
»Ich möchte auch Muttis Engelchen sein«, weinte die Kleine leise.
Plötzlich kletterte es aus dem Bett und trippelte hinüber ins Wohnzimmer. In der Tür blieb Hedi stehen.
»Vati – Mutti – ich möchte so gerne euer Engelchen sein wie das kleine Schwesterchen. – Mutti, ach Mutti –«
Hedi kletterte der Mutter auf den Schoß, schlang beide Ärmchen um ihren Hals und flüsterte zärtlich und kosend:
»Mutti, lass mich wieder ein Engelchen sein – ich will auch immer brav sein.«
Da konnte Frau Sandler nicht anders, als dem Kinde von ganzem Herzen vergeben.
»Du bist und bleibst unser Pucki«, sagte der Vater.
6. Kapitel: Jahrmarktsfreuden
Pucki war seit Tagen in größter Aufregung. In Rahnsburg wurde am kommenden Dienstag der Jahrmarkt abgehalten, zu dem allerlei Buden errichtet wurden. Im vorigen Jahre waren die Eltern mit dem kleinen Mädchen nicht dort gewesen, weil Pucki in dieser Zeit an Masern krank zu Bett lag. Die drei Niepelschen Buben wussten von den Wundern dieses Tages so viel zu erzählen, dass es Pucki kaum noch aushalten konnte.
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