Anfangs war die Kleine immer sehr traurig gewesen, dass solch schöner Baum sterben musste. Als ihr der Vater aber erklärte, dass nur die Bäume geschlagen würden, die keine Lust mehr zum Leben hätten, beruhigte sich Hedi.
»Für die kleinen Bäume muss Platz gemacht werden, mein Kind, sie sollen doch auch groß und kerzengerade wachsen. Das könnten sie jedoch nicht, wenn all die alten Bäume stehenbleiben.«
»Aber es tut dem Baum gewiss weh, wenn man auf ihn loshackt.«
»Wir hacken nur solche Bäume um, denen es nicht mehr wehtut, mein Kind. Die Waldarbeiter wissen ganz genau, wie sie es anfangen müssen, damit der Baum keine Schmerzen leidet.«
Aufmerksam verfolgte das Kind die Säge, die in dem dicken Baumstamm hin und her ging. Wenn sie gar zu laut wurde, meinte Hedi traurig:
»Vati, ich glaube halt doch, dass es dem Baum weh tut.«
Der Vater führte seine weichherzige Tochter schließlich fort. Er ließ das Kind auf geschlagenen Baumstämmen laufen, ließ sie schöne Tannenzapfen suchen, und so wurde Hedi bald wieder fröhlich.
»Kannst du auch auf den Baumstämmen laufen, Vati?«
»Freilich kann ich das! Als Junge habe ich das immer gemacht.«
»Bist du als Junge auch viel im Walde gewesen?«
»Jawohl, den ganzen Wald habe ich durchwandert.«
»Ist doch schade, Vati, dass ich dich damals nicht gekannt habe, als du noch ein kleiner Junge warst; wir hätten so schön miteinander gespielt.«
»Bald wird dein kleines Schwesterchen auch so groß sein, dass du mit ihm spielen kannst.«
Hedi zog die Nase kraus. »Nein, Vati, das kleine Schwesterchen wächst nicht, mit dem kann ich nichts anfangen, mit dem kann ich auch nicht spielen.«
»Dein kleines Schwesterchen wird mit jedem Tage klüger. Es kennt dich schon und freut sich, wenn es dich sieht.«
»Wie heißt denn das kleine Schwesterchen, Vati?«
»Das ist eine kleine Waltraut.«
»Heißt sie so?«
»Ja!«
»Ach – Vati, das ist nicht schön, wir wollen sie Greif nennen, so wie der große Hund vom Onkel Oberförster heißt. – Nicht wahr, Vati, wir nennen sie Greif?«
»Aber Pucki – –«
»Ich weiß, Vati, wir nennen sie Mucki! Ein Muckenhorn wird ihr schon noch wachsen, wenn sie groß ist! – Ach ja, wir nennen sie Mucki!«
»Wir haben an unserer Pucki reichlich genug, eine Mucki wollen wir nicht haben.«
»Haste genug an mir, Vati? – Wozu brauchen wir dann noch so'n Kindchen.«
»Es ist doch schön, wenn du ein Schwesterchen hast.«
»Möchtest du auch einen Paul, einen Walter und einen Fritz haben wie Onkel Niepel?«
»Nein, nein«, lachte Förster Sandler, »ich habe vorläufig an euch beiden genug!«
»Ich auch, Vati – aber es wäre schon besser gewesen, wenn ihr an mir genug hättet. Und wenn ich nicht weg gewesen wäre, hätte sich die Mutti auch keinen Greif angeschafft. – Oh, es war sehr dumm von mir, dass ich weg war.«
»Da hast du recht! – Doch nun musst du heimgehen, Pucki, sonst ängstigt sich die Mutti.«
»Und sonst holt sie sich noch ein Kindchen.«
»Immer hübsch den Weg geradeaus, nicht wieder verlaufen wie damals.«
»Nein, Vati – ich habe gar keine Angst.«
»Du brauchst auch keine Angst zu haben, Pucki, du weißt doch, jedes Kind hat seinen Schutzengel.«
»Läuft der Schutzengel immer neben mir her?«
»Ja, das tut er.«
»Geht der Schutzengel auch mit in den dunkelsten Wald?«
»Ja, mein Kleines, der Schutzengel bleibt immer an deiner Seite.«
»Hat der Greif auch einen Schutzengel?«
»Ein Hund braucht keinen Schutzengel.«
»Ich meine doch das Schwesterchen, das bei uns im Wagen schreit.«
»Also dein Schwesterchen Waltraut! Ja, Waltraut hat auch schon einen Schutzengel, sogar einen ganz großen. Der hält beide Arme über das kleine Mädchen, damit ihm gar nichts passieren kann.«
»Hat's einen größeren Schutzengel als ich?«
»Je kleiner ein Kind ist, um so größer ist der Schutzengel.«
»Vati, dann hast du nur noch 'nen ganz kleinen Schutzengel, so klein wie ein Mäuschen.«
»Das genügt; die Hauptsache ist, dass jeder Mensch vom lieben Gott beschützt wird. Ob es nun ein großer oder ein kleiner Engel ist, bleibt sich gleich.«
»Und der Engel ist so wie die Luft, dass man ihn gar nicht mal sehen kann? – Steht er denn immerzu neben dem Wagen von dem kleinen Mädchen?«
»Ja.«
»So, so – Mutti weiß das auch? Darum lässt sie manchmal den Wagen allein im Garten stehen.«
»Pucki, du musst nun heimgehen, Mutti wartet auf dich. Sie wird sich ängstigen, wenn du nicht kommst.«
»Nur noch ein kleines bisschen. – Wenn ich nun auf einem anderen Wege nach Hause gehe, kommt dann der Schutzengel auch mit oder geht der immer nur geradeaus?«
»Du darfst auf keinem anderen Wege gehen als auf diesem. Wenn du nicht folgst, nehme ich dich nicht mehr mit in den Wald.«
»Ich wollte doch nur wissen, Vati, ob der Schutzengel das immer mitmacht, was ich mache. – Hat der Schutzengel vom Paul auch mit auf dem Baum gesessen? Ist er mit heruntergekullert?«
»Nein, der Schutzengel hat unten am Baum gestanden, er hat den Paul gewarnt, hinauf zu steigen – –«
»Und da hat der Paul nicht gehört?«
»Und dann hat ihn der Schutzengel aufgefangen, als er vom Baum fiel, sonst hätte sich der Paul den Kopf zerschlagen.«
»Da hätte ihn der Schutzengel aber besser auffangen müssen, Vati. Ein Bein ist doch zerbrochen.«
»Das war die Strafe dafür, dass er den lahmen Knecht verhöhnte. Wäre der Schutzengel nicht gewesen, so wäre das Bein vom Paul nicht so gut geheilt. Doch der Schutzengel hat gleich seine Hand darauf gelegt, damit der Paul kein Hinkeldei wurde.«
»Vati, ich möchte gerne wissen – –«
»Pucki, jetzt wird Vati ernstlich böse, wenn du nicht sogleich heimgehst. – So, hier hast du den geraden Weg vor dir, und in fünf Minuten bist du am Forsthaus. Ich warte hier noch ein Weilchen und kann dich sehen.«
»Wenn nun aber der Schutzengel so hinter mir hergeht, dass du mich nicht sehen kannst?«
»Du hast doch selbst gesagt, der Schutzengel ist wie die Luft. Durch den Schutzengel kann man sehen. Auch geht er nicht hinter dir, sondern neben dir.«
»Wo geht er denn, Vati – hier oder hier?« Das Kind wies nach rechts und nach links.
»Das kann ich nicht wissen. Wahrscheinlich geht er an der Seite, wo du dein Herzchen hast. – So, und nun lauf!«
»Vati – ich glaube, der Schutzengel meint, er wollte noch ein bisschen im Walde bleiben. Er möchte gern sehen, wie der große Baum umknallt.«
Förster Sandler streckte den Arm aus und wies gebieterisch auf den Weg.
»Nun aber los, Hedi!«
»Na dann komm, Schutzengel!«
Sehr langsam trottete die Kleine den breiten Weg entlang. Von Zeit zu Zeit sah sie sich um, und als sie noch immer den Vater bemerkte, winkte sie ihm zu.
Der Schutzengel, der neben ihr herschreiten sollte, beschäftigte das Kind außerordentlich.
Hedi wandte sich rasch noch einmal um. Vom Vater war nichts zu erblicken. So bog sie voller Übermut in einen kleinen Pfad ein, wandte rasch nochmals den Kopf zurück und – lag im nächsten Augenblick auf der Nase. Sie war über eine Wurzel gestolpert, die sie nicht bemerkt hatte.
Die Kleine verzog das Gesicht und rieb die Stirn.
»Hättest auch besser aufpassen können, Schutzengel – nu komm, wir wollen schon den breiten Weg gehen.«
Endlich war das Forsthaus erreicht. In jähem Schreck blieb Pucki an der Pforte stehen. – Was war denn das? Dort, an der Laube der Wagen, in dem das kleine Schwesterchen lag und direkt daneben ein viel kleinerer Kinderwagen, in dem auch ein blondlockiges Kindchen saß. Es hatte einen Teddybär in den Händen, den es krampfhaft festhielt.
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