Das Verlangen wurde immer größer. Mit den kleinen Fingerchen band Hedi einen der Ballons an den Arm, den zweiten ans Bein, dann knotete sie die drei anderen fest zusammen, schlang den Bindfaden um einiges Blaubeerkraut, das sich am Rande des Waldes vorfand, und setzte sich vorsichtig auf die drei Ballons nieder.
Mit lautem Knall platzten sie auseinander. Schreckensbleich sprang die Kleine auf und rannte tiefer in den Wald hinein, um beim Vater Schutz zu suchen.
»Es schießt – es schießt!«
Woher der Knall gekommen war, wusste sie nicht. Sie sah nur den Mann mit dem schwarzen Barte im Geiste vor sich und glaubte nichts anderes, als dass er ihr etwas antun wollte.
»Es schießt – es schießt!« schrie sie laut und verängstigt, während ihr die Tränen aus den Augen flossen.
Immer tiefer rannte das Kind in den Wald hinein und achtete nicht darauf, dass es noch einen Ballon am Bein und einen zweiten am Arm festgebunden hatte. Es musste den Vater finden, nur er konnte ihm helfen. Der Vater würde seine liebe Tochter beschirmen.
»Vati – Vati – es schießt!«
Hedi, die den Weg zum Holzschlag genau kannte, war heute viel zu verängstigt. Sie bog vorzeitig in einen anderen Weg ein, rannte mit klopfendem Herzen weiter und immer weiter. Der Weg wurde enger, und als das Kind endlich stehen blieb, erkannte es, dass es falsch gegangen war und drückte sich verstört an den Stamm einer Tanne.
»Puff!« Der Ballon, der am Bein befestigt war, knallte auseinander.
»Vati – es schießt – es schießt – Der schwarze Mann schießt! Vati! – Vati!«
Unter lautem Schluchzen rief Hedi nach dem Vater, der jedoch viel zu weit entfernt war, um sein Töchterchen zu hören.
»Vati – Vati!« Sie hastete weiter, lief mitten durch die Bäume, von Zeit zu Zeit angstvoll stehenbleibend, nach rechts und links horchend, ob denn der Vati noch immer nicht antworte.
Da leuchtete ein breiter Weg durch die Baumstämme. Das musste der Weg sein, der nach dem Holzschlag führte. Das Kind zwängte sich zwischen Gestrüpp hindurch, kollerte in einen gezogenen Graben, und schon platzte der letzte Ballon.
»Er schießt immer noch! – Vati – Vati – er schießt!«
Ein entsetzter Aufschrei antwortete. Doch dieser Ruf dünkte der Kleinen eine Erlösung. Sie fühlte sich nicht mehr allein, irgend jemand war in ihrer Nähe, der ihr helfen konnte. Hedi kletterte rasch aus dem Graben und stand bald auf dem breiten Waldwege. Sie sah eine ältliche Dame, die ängstlich nach rechts und links blickte.
»Es schießt – es schießt!« Mit diesen Worten stürmte Hedi auf die fremde Frau zu, wies mit dem Fingerchen zurück in das Dickicht, durch das sie gekommen war, und wiederholte bebend: »Hast du gehört – er schießt.«
Die Angeredete begann zu jammern. »Wer schießt nach dir, mein Kind?«
»Der böse, schwarze Mann.«
»Mein Himmel – was ist das für ein Mann? Will er dir etwas tun?«
»Ja – er schießt – –«
Die einsame Spaziergängerin bekam Angst. Fräulein Meise war ohnehin eine ängstliche Natur, die sich nur selten in den Wald wagte. Heute hatte sie das Bedürfnis gehabt, von Rahnsburg aus einen längeren Spaziergang zu machen. Sie war vor wenigen Minuten umgekehrt, um wieder heim zu gehen, weil ihr der stille Wald gar zu unheimlich dünkte. Ganz plötzlich war ein Schuss an ihr Ohr gedrungen, dann erschien das weinende Kind, das anscheinend von einem Manne verfolgt wurde.
»Ist es ein Wilddieb? Hast du ihn gesehen? Kind, komm rasch!«
»Ich will zum Vati.«
»Hilfe – Hilfe!« rief nun auch Fräulein Meise laut und ängstlich. »Räuber – Wilddiebe – zu Hilfe!«
Die Angst des alten Fräuleins steckte auch das kleine Mädchen an. Hedi fürchtete sich sonst nicht im Walde, doch das Schießen am heutigen Tage war ihr unheimlich. Dem schwarzen Manne traute sie überhaupt nicht. Er hatte ihr die bunten Blasen nur geschenkt, um sie totzuschießen.
»Komm schnell, mein Kind!« Fräulein Meise fasste Hedi an der Hand, dann ging es im Laufschritt den Waldweg zurück. Hedi vermochte kaum so rasch zu rennen wie Fräulein Meise. Jedes Mal, wenn ein Vogel aufflog oder ein anderes Geräusch zu vernehmen war, schrie Fräulein Meise entsetzt auf.
»Ein Räuber – ein Wilddieb – –«
Der Weg führte direkt auf das Forsthaus zu. Man sah das schmucke Haus schon von weitem. Fräulein Meise schlug erleichtert die Hände zusammen.
»Gottlob, wir sind gerettet – dort ist das Forsthaus! Es muss sofort eine Streife angestellt werden, damit man den Wilddieb findet.«
Hedi riss sich von der Hand ihrer Beschützerin los, stürmte ins Haus und schrie:
»Mutti – Mutti – – es schießt!«
Frau Sandler erschrak über ihr erregtes Töchterchen. Das Gesicht war von Tränen beschmutzt, das Kleidchen unsauber und zerrissen.
»Pucki, wie siehst du aus!«
»Es hat geschossen, Mutti! – Der schwarze Mann ist hinterhergekommen und hat geschossen. – Es war schlimm!«
»Frau Förster – Frau Förster – Sie müssen uns beistehen. Im Walde geht Gesindel um. Man verfolgte uns – hat nach uns geschossen!«
Fräulein Meise stand in der Küchentür, noch bebte sie an allen Gliedern.
»Im Walde hat man Sie verfolgt?« Auch Frau Sandler wurde unruhig. In diesem Wald war noch niemals etwas geschehen, und heute sollte ein Wilddieb sein Unwesen treiben, sogar nach ihrem Kinde geschossen haben?
»Mein Mann muss den Schuss gehört haben – vielleicht ist es ein stürzender Baum gewesen. Holzfäller sind bei der Arbeit. So sprich doch, Hedi, du bist sonst kein Angsthase?«
»Ich muss mich setzen«, stöhnte Fräulein Meise, »ich kann mich kaum noch auf den Füßen halten.«
Frau Sandler führte die erregte Dame ins Wohnzimmer. Fräulein Meise ließ sich in der Sofaecke nieder und stöhnte leise.
»Komm hinaus in die Küche, mein Kind«, sagte die Mutter leise, »und nun erzähle mir, was es für ein Mann gewesen ist.«
Mit überstürzten Worten berichtete die Kleine von dem schwarzen Mann, der mit dem Auto angekommen wäre und ihr die schönen, bunten Bälle gebracht hätte. Erst nach längerem Fragen wurde es Frau Sandler klar, dass es sich hier um Gasballons handelte, die natürlich bei Stoß und Druck zerplatzen mussten. Doch das wusste die kleine Hedi noch nicht. Sie hielt das Platzen der Gasballons für Schüsse, die irgend jemand abgefeuert hatte. Frau Sandler konnte nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken, als sie die Bindfaden erblickte, die sich noch immer am Arm und am Bein ihres Töchterchens befanden.
Sie versuchte, dem Kinde die Sache zu erklären. Doch Hedi war noch viel zu verängstigt, um den Worten der Mutter zu glauben. Sie meinte nach wie vor, dass der Mann mit dem schwarzen Bart geschossen hätte.
»Mutti«, sagte sie plötzlich in neuem Entsetzen, »wird's nu beim Fritz auch schießen?«
»Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Wenn ich wieder nach der Stadt komme, will ich dir solch einen Ballon mitbringen, damit du erkennst, dass dir Herr Henschel wirklich nur eine Freude bereiten wollte. Du bist eben unser kleines Dummerchen. Aber im Walde brauchtest du dich nicht zu ängstigen, du kennst doch den lieben Wald.«
Als Hedi drei Tage später einen schönen, blauen Gasballon bekam, lehnte sie diese Gabe ab und schenkte ihn an Minna weiter.
»Ich schenke dir den Ballon, und du lässt mich in den Klotzpantinen mal spazierengehen.«
5. Kapitel: Ein schlimmer Tag für Pucki
Förster Sandler hatte auch am heutigen Tage, wie schon so oft, sein Töchterchen mit in den Wald genommen. Da nicht weit vom Forsthaus gearbeitet wurde, konnte die Kleine, ohne dass der Vater etwas zu befürchten brauchte, allein den Heimweg antreten. Aber heute wollte Hedi nicht so rasch von der Seite des Vaters fortgehen, denn es wurden hohe Bäume gefällt; das war für das kleine Mädchen ein gar wichtiges Ereignis.
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