»Du brauchst doch nicht mehr zu weinen, Kind, du hast doch neues Geld bekommen.«
»Nun hätte ich zweimal Geld und könnte mir die schöne Puste kaufen und noch einen Pfefferkuchen.«
Erst als Onkel Niepel versprach, die Puste zu kaufen, beruhigte sich Pucki, weinte jedoch erneut, als sie an der Würfelbude nichts gewann.
Während man von Bude zu Bude ging, traf Gutsbesitzer Niepel seinen Viehhändler Dostal. Er begrüßte die Kinder herzlich und versprach, jedem etwas zu kaufen.
Pucki, die den Viehhändler noch niemals gesehen hatte, betrachtete ihn mit prüfenden Blicken.
»Na, Kleine, warum siehst du mich denn so an?«
»Weil ich dich nicht kenne«, sagte das Kind.
»Nun kommt, wir gehen zum Kasperletheater«, sagte Fräulein Irma.
Auf dem Rummelplatz erregte zunächst das Karussell die Aufmerksamkeit der Kinder. Dostal ließ die Kleinen einige Male fahren. Pucki fühlte sich auf dem Rücken des Pferdes sehr stolz.
»Ich bin auf der braunen Stute geritten – das war aber fein!«
Weiter ging es zu einer anderen Bude, in der ein Mann einen Leierkasten drehte. Auf dem Leierkasten saß ein Affe, der seine behaarte Hand ausstreckte, um Münzen oder Leckerbissen einzusammeln.
Vor der Kasperlebude war eine große Kinderschar versammelt. Noch war der Vorhang herabgelassen, doch ertönte soeben eine kleine Glocke, zum Zeichen, dass die Vorstellung nun bald begänne.
In atemloser Spannung wartete alles. Puckis Hand umschloss fest die ihres kleinen Freundes Paul.
»Tut er uns was, der Kasperle?«
»Quatsch! Der macht nur Unsinn!«
Endlich ging der Vorhang auf. Kasperle zeigte sich und begann mit krähender Stimme zu sprechen:
»Bimmele, bammele, hopsaßa
Kasperle ist wieder da!«
Pucki hatte noch niemals eine Kasperlevorstellung gesehen. Ihr Herzchen klopfte rascher, als Kasperle so närrische Sprünge ausführte.
»Er tut dir nichts«, beruhigte Fritz, »er ist fest im Kasten. Nachher kommt noch der Teufel und ein großes Tier, das will den Kasperle fressen. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Ich passe gut auf dich auf.«
Kasperle erzählte den lauschenden Kindern von tollen Streichen, die er ausgeführt hatte. Die kleine Schar lachte herzlich, und auch Pucki stimmte in die Fröhlichkeit mit ein. – Dann kam Kasperles Großmutter. Sie jammerte über den ungeratenen Enkel. Sie rief ihn, und schon schoß Kasperle herbei.
»Na – Großmutter, was willst du von mir?«
»Ach, Kasperle«, zeterte die alte Frau mit der weißen Haube, »ich habe wieder viel Häßliches von dir gehört. Ich habe soeben einen Brief bekommen, in dem viel Schlimmes über dich geschrieben steht.«
»Ach, Großmutter, lass mich in Ruhe. – Wo hast du denn den Brief?«
Die alte Frau zog einen Bogen Papier hervor und entfaltete ihn. Kasperle sprang auf sie zu und wollte ihr die Brille von der Nase reißen, doch die Großmutter versetzte ihm einen kräftigen Klaps.
»Wenn du wieder unartig bist, Kasperle, sperre ich dich in den Hühnerstall!«
»Das kannst du machen, Großmutter, aber bilde dir nicht ein, dass ich Eier lege. Da bist du schief gewickelt!«
»Ach, Kasperle, du bist ein ungeratener Bursche. – Hier schreibt dein Onkel Itzebitz, du hast ihn gestern mit einer langen Wurst geschlagen.«
»Aber, Großmutter, was ist denn dabei? Es war doch eine Schlagwurst!«
»Dummer Junge, Onkel Itzebitz schreibt weiter, du hast ihn neulich die Treppe hinab geworfen.«
»Das ist nicht wahr, Großmutter, ich habe ihn nur eine Stufe hinuntergeworfen. Die anderen Stufen ist er von selber hinabgefallen.«
Die Kinder, die den Worten Kasperles aufmerksam lauschten, lachten immer lauter, Pucki wusste sich vor Freude kaum zu lassen.
»Freut euch das, Kinderle?« rief Kasperle krähend. »Wenn ihr mal eine Wurst habt, so 'ne Schlagwurst, dürft ihr euch auch damit schlagen. Dazu wird die Wurst gemacht!«
Die Großmutter jammerte weiter.
»Ach, Kasper, was hast du verbrochen,
das wird fürchterlich gerochen.
In diesem Brief, auf dem Papier,
steht manche Untat noch von dir!«
»Hört mal, Kinderchen«, sagte Kasperle ins Publikum, »es passt mir nicht, dass die Großmutter meine Streiche vorliest. Ich will ihr das verderben.«
Weg war er. Die gute Großmutter las inzwischen weiter und jammerte über den ungeratenen Enkel. Plötzlich erschien Kasperle wieder, hielt in beiden Händen einen Napf mit Marmelade, stellte sich hinter die Großmutter, die mit vorgeneigtem Kopf den Brief las, und kleckerte dann mit einem Löffel die Marmelade auf das Briefblatt.
»Hu –«, schrie die Großmutter, »was ist das? Woher kommt das?«
Klack – schon wieder ließ Kasperle die Marmelade auf den Briefbogen fallen.
Die Kinder jubelten in hellstem Entzücken.
»Großmutter, der Kasperle hat noch mehr Marmelade! – Großmutter, dreh dich mal um!«
»Ich muss erst fertig lesen«, erwiderte die Großmutter und drückte das Gesicht so nahe an den Briefbogen, dass es über und über mit Marmelade beschmutzt wurde.
Kasperle lachte schallend und die Kinder ebenso.
»So werde ich das immer machen«, sagte Kasperle. »Wenn die Großmutter einen Brief an den Onkel schreibt, beschmiere ich ihn auch mit Marmelade. – Findet ihr das nicht fein, liebe Kinder?«
»Ja – ja«, erscholl es vielstimmig.
Nun wurde die Großmutter sehr böse. Sie verschwand einen Augenblick und kam mit einem dicken Stock zurück, um auf Kasperle einzuschlagen.
»Großmutter«, rief der listige Bursche, »ich weiß was!«
»Was weißt du, du ungeratener Bengel?«
»Dort hinten sitzt einer, Großmutter, der hat eine Büchse. Großmutter, der sieht immerfort hierher.«
»Eine Büchse hat er?« rief die Großmutter erregt. »Will er etwa nach mir schießen? Da laufe ich lieber davon!« – Weg war sie.
Kasperle schüttelte sich vor Lachen.
»Hi hi hi, liebe Kinderchen, der Mann dort hinten hat nur eine Konservenbüchse! Hi – hi – hi –, nun fürchtet sich die alte Frau und ist weg.«
Doch plötzlich kam ein Tier gekrochen. Das machte das Maul so weit auf, dass Pucki angstvoll zu Onkel Niepel lief und sich an ihn klammerte.
»Onkel Niepel – frißt es mich?«
»Nein, nein, es will nur das unartige Kasperle fressen.«
»Kasperle – Kasperle«, rief Pucki in Angst, »lauf schnell weg, das böse Tier will dich fressen!«
Das große Tier machte Pucki gar keinen Spaß. Sie hatte Angst. Erst als Kasperle wieder aus dem Rachen des Ungeheuers gekrochen kam, beruhigte sich Pucki. Sie wollte hier nicht länger bleiben.
»Onkel Niepel, wir wollen nu zu der Pfefferkuchenbude gehen. – Lässt du mich noch mal würfeln? Ich möchte auch so 'nen großen Pfefferkuchen haben wie der Junge.«
Die drei Knaben wollten jedoch beim Kasperletheater bleiben. So wurde Fräulein Irma beauftragt, auf die Knaben aufzupassen, während Niepel mit Pucki weiterging.
Über den Platz wurde soeben ein Esel geführt, auf dem die Kinder reiten durften.
»Nur zehn Pfennige das Reiten«, rief ein aufgeputzter junger Bursche, der den Esel führte.
»Soll ich dich einmal reiten lassen, Pucki?«
»Schenk mir lieber die zehn Pfennige, Onkel, und dann lass mich auf dir reiten. Das ist ebenso schön.«
Niepel lachte, hob die Kleine empor und setzte sie auf seine Schultern.
»Das ist fein, Onkel – nu reiten wir zur Würfelbude, und dann krieg' ich einen großen Pfefferkuchen.«
Abermals durfte Pucki würfeln. Auch dieses Mal gewann sie nicht.
»Komm, wir würfeln noch einmal«, sagte Onkel Niepel.
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