Je mehr ich mich damit beschäftigte, je näher ich dem Thema kam, umso empfindsamer wurde ich selbst.
Ich habe für mich und mein Leben viel dadurch gelernt, viel erfahren und habe eines ganz sicher verloren: die Angst vor dem Tod und was danach kommt. Ich hadere selten noch mit dieser Unsicherheit, warum ich eigentlich in menschlich-materieller Form auf dieser Erde weile. Was habe ich hier, was ich nicht als Seele schon hatte? Ist diese Erde ein Leidens- und Jammertal? Fragen, auf die jeder einzelne von uns sich selbst einen Reim machen und eine Antwort finden muss.
Dadurch, dass ich mich dazu entschloss, dem Thema Tod einen Raum im Leben zu geben, habe ich die Freude am Leben für mich selbst entdeckt. Nein, ich weiß immer noch nicht ›en Detail‹, was ich in dieser Inkarnation lernen soll. Vielleicht das Loslassen, denn diese Aufgabe hat sich mir schon öfter gestellt. Sicherlich soll ich alte und karmische Wunden heilen – auch in diesem Sinn ist viel bei mir passiert, seit ich offen dafür bin. Sicherlich aber trage ich inzwischen das untrügliche Gefühl in mir, dass das Leben gespielt werden will. Nur hier, in dieser grobstofflich-materiellen Umgebung, sind Erfahrungen und Gefühle möglich, die in feinstofflich-geistig-energetischer Form unerlebbar wären. Und ich habe Frieden damit gefunden, dieses Leben zu spielen in der Form und Art, die ich mir für dieses Mal als Inkarnationsvehikel ausgesucht habe: die Person Edit Engelmann.
Es sind die Freiheit und Zufriedenheit, die ich dadurch fühle, deshalb möchte ich meine Erfahrungen weitergeben. Sie sind der Grund für dieses Buch. Es soll eine Vorstellung davon vermitteln, dass es da noch etwas gibt. Dass „die Toten“ und „die Lebenden“ noch immer in derselben Welt sind, wenn auch auf verschiedenen Dimensionen des Seins. Das Buch möchte aufzeigen, welch wichtiger Moment der Tod im Leben des Menschen ist – und genau wie das Leben selbst jedes Mal wieder einmalig. Deshalb habe ich mich entschlossen, in diesem Buch die Theorie, so wie ich sie verstehe, zu Wort kommen zu lassen – aber auch berühmte Heiler, Schamanen und Wissenschaftler genauso wie Menschen, die über Erfahrungen berichten können, und auch meine eigenen Erlebnisse, die ich im Laufe der Jahre hatte, fließen mit ein, sind diese doch die einzigen, deren Wahrheitsgehalt ich bestätigen kann.
Dr. Stylianos Atteshlis, bekannt unter dem Namen Daskalos, der bekannte Wandler zwischen den Welten aus Zypern, sagte einmal: „Etwas wie den Tod gibt es nicht! Es ist ein Weitergehen des Selbst-Bewusstseins. Wenn wir die materielle Welt hinter uns lassen, findet eine Veränderung der Art und Weise, wie wir leben statt, doch diese Veränderung ist nicht der Tod unseres Selbst als Geist-Seele – es ist noch nicht einmal das Ende unseres Selbst als Persönlichkeit. Nach dem Hinübergehen findet sich der Betreffende in den psychischen Ebenen wieder, in ähnlichen Bedingungen (Umständen), wie sie auf der Erde waren. Er wird auf die gleiche Art und Weise fühlen und denken wie vorher, als er noch im materiellen Körper lebte. Die Fortsetzung ist für die meisten so nahtlos, dass sie anfangs noch nicht einmal bemerken, dass sie hinübergegangen sind. Das ist die Gnade Gottes.“
Also keine Angst. In diesem Kreislauf von Leben und Tod sind wir alle schon oft gestorben – und haben es glänzend überlebt.
Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere.
Wilhelm von Humboldt
Wie ich dazu kam, mich mit diesem Thema zu beschäftigen
Als Erstes durfte ich die Augen schließen und mit sachter Stimme führte sie mich zurück. Was habe ich gestern gemacht? Letzte Woche? Wie war es, als ich mein Schuldiplom erhielt? Der Tag der Einschulung?
Bis dahin waren es normale Erinnerungen. Nur plastischer und direkter als sonst. Während eine Erinnerung sonst eher zweidimensional ist, war diese intensiv fühlbar. Hören, fühlen, schmecken, sehen, riechen. Sie konnte wieder mit allen Sinnen erfasst werden und wurde nicht nur aus einem Speicher als Erinnerung abgerufen.
Jetzt ging ich zurück zum Zeitpunkt meines letzten Todes. Das sagt mir die Stimme, die ich schon längst nicht mehr als die meiner Freundin wahrnehme. Es hätte inzwischen die Stimme eines jeden Beliebigen sein können. Ich war auch nicht mehr neugierig oder gespannt, ob ich etwas zu sehen bekommen würde und wie so eine Rückführung denn wäre. Alles, was mich jetzt noch umfangen hielt, war Ruhe. Einfache, schlichte Ruhe. Stille. Da war nicht einmal mehr ein Gedanke, der sich verstohlen hereinzuschleichen versuchte. Ich folgte der Stimme.
Plötzlich kam eine Erinnerung, wie zuvor die an meine Schulzeit. Ich stehe in einem Wohnzimmer. Ich wusste einfach, dass ich es war. Ich bin ein Mann. Noch nicht alt. Vielleicht Mitte vierzig. Ich bin in einem hölzernen Haus. Es ist klein. Wenn man hereinkommt, ist man sofort im Wohnzimmer. Von dort geht eine Treppe nach oben. Am Treppenabsatz steht ein kleines Kind in einem weißen, bodenlangen Nachthemd. Sie hält etwas im Arm. Es ist meine Tochter. Rechts von der Treppe steht eine Frau in der Küchentür. Ihr Gesicht kann ich nicht sehen. Im Gegenlicht wirkt sie wie ein dunkler Schatten. Sie steht bewegungslos da und schaut zu mir herüber.
Szenenwechsel.
Jetzt liege ich im Wasser. Mit dem Gesicht nach unten. In meinem grauen Wollanzug schwimme ich oben auf dem breiten Fluss. Ich bin ein Fährmann. Die Stange halte ich noch in der rechten Hand. Ich sehe mich selbst von oben. Angst habe ich keine. Ich bin ganz ruhig und schaue neugierig auf meinen Körper, der vom Strom weitergetragen wird.
Zwei riesige Vögel kommen, greifen mich unter den Armen und ziehen mich nach oben weg. Ich will nicht mit. Ich will erst noch sehen, was mit dem schwimmenden Mir passiert. Aber die Vögel nehmen mich mit. Ich schaue nach hinten rechts und links, um die Vögel zu sehen. Ein violetter Schein schimmert um sie herum. Sie sind stark und mächtig. Sie fühlen sich gut an. Sie halten mich warm und fest. Auf einmal verstehe ich. Ich bin tot. Gestorben. Dort unten ist nur noch mein Körper, der Körper des Fährmanns, der davon treibt. Während ich selbst woanders hingehe.
Die Vögel tragen mich bis zu einem Tunnel und ziehen mich dort hinein. Der Tunnel ist dunkel und ich habe ihn schnell passiert. Die Vögel, die mich zum Tunneleingang brachten, sind nicht mehr da. Ich bin allein. Allein in einem unglaublich großen, schwarzen Raum. Alles ist leer. Einfach ein riesiges, großes, seltsamerweise quadratisches Nichts unendlichen Ausmaßes. In einer Ecke ist eine Gruppe mit drei hellen und mehreren dunklen Gestalten. Sie haben Angst und kauern dicht aneinander. Sie wollen, dass ich zu ihnen komme. Aber ich will nicht. Ich kenne diese Gestalten von irgendwo. Ich mag sie. Sie tun mir so unendlich leid, wie sie dort stehen und leiden. Ich wünschte, ich könnte ihnen helfen. Aber ich weiß, dass ich mich nicht zu ihnen stellen will. Es geht doch weiter. Zu einem schöneren Ort. Ich versuche, sie zu überreden mitzukommen. Aber sie wollen nicht. Ich bekomme nicht einmal eine Antwort. Sie schauen mich nur angstvoll aus großen schwarzen Augenhöhlen an. Ich lasse sie dort. Wende mich ab. Gehe weiter.
Szenenwechsel
Ein Baum. Dort steht ein riesiger Baum. Ein dicker Stamm und ein unglaubliches Astgewirr. Es ist wohl Winter, denn der Baum trägt keine Blätter. Jetzt kommt ein strahlendes Licht hinter dem Baum zum Vorschein, was stärker und stärker scheint. Es ist ein gleißendes Licht. So hell und fluoreszierend habe ich es noch nie gesehen. Es wärmt nicht, aber es fühlt sich unglaublich wohl und gut an. Ich fühle – ich weiß – ich bin wieder zu Hause.
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