Sucht man nach speziellen Programmen gegen Cybermobbing, sind insbesondere die Programme »Surf Fair« und »Medienhelden« zu empfehlen, die kurz vorgestellt werden sollen.
Das Programm »Surf-Fair« (Pieschl/Porsch 2012) ist ein Trainings- und Präventionsprogramm gegen Cybermobbing für die Klassen 5 bis 7 und deren Lehrkräfte. Das Hauptziel besteht in der Vermittlung von Medienkompetenz und Medienkritik. Das modular aufgebaute Programm enthält 17 Übungsbausteine unter Einbeziehung aller Rollen (Täter, Opfer, Verstärker usw.). Die Übungen umfassen jeweils ein bis zwei Doppelstunden. Das Programm kann im Fachunterricht, in Projektwochen oder Arbeitsgemeinschaften, aber auch außerhalb der Schule eingesetzt werden. Es kann auch für jüngere und ältere Schüler adaptiert werden. Das Methodenspektrum ist breit, z. B. Filme, Videos (»Anchored-Instruction«), Brainstorming, Rollenspiele, Gedankenspiele, Erarbeiten von Klassenregeln usw. Bisherige Evaluationen konnten positive Effekte bei Motivationen, Einstellungen und Verhalten nachweisen.
Auch das Programm »Medienhelden« (Schultze-Krumbholz u. a. 2012), gefördert vom Weißen Ring, ist ein Präventionsprogramm gegen Cybermobbing, das vor allem die Medienkompetenz fördern will. Konkret geht es um das Erkennen von Konflikten, das Vermeiden von Missverständnissen und das Erlernen von Handlungsalternativen. Das Programm richtet sich an ältere Schüler (Klassen 7 bis 10) und kann sowohl im Schulunterricht als auch an einem Projekttag durch Lehrkräfte oder externe Multiplikatoren durchgeführt werden. Es ist auch für »Risikoschüler«, z. B. Schüler mit negativen Peerbeziehungen oder mangelnder Empathie, geeignet. Das Curriculum umfasst 15–17 Schritte (jeweils 45–90 Minuten) in acht Modulen über einen Zeitraum von ca. zehn Wochen. Der Medienhelden-Projekttag hat vier Themenblöcke (jeweils 90 Minuten). Die Palette der eingesetzten Methoden ist sehr breit, z. B. Information und Aufklärung, Fragebogenerhebungen, Filmvorführungen, Brainstorming, (Klein-) Gruppenarbeiten und Plenumsdiskussionen, Arbeiten im Stuhlkreis, Aufstellen von Klassenregeln, Mindmap, Meinungslinie, Identifikationskreis, Postererstellung, Reflexion, Feedback, Hausaufgaben, Rollenspiele, Arbeiten mit Standbildern, Peer-to-Peer-Tutouring, Peer-to-Parent-Ansatz, Übungen im Medienraum (»learning by doing«), Elternabend usw. Positive Wirkungen des Programms konnten nachgewiesen werden.
Darüber hinaus gibt es viele Vereine und Initiativen gegen Cybermobbing. Neben dem Bündnis gegen Cybermobbing, s. https://www.buendnis-gegen-cyber mobbing.de/, soll abschließend auf die von der EU geförderte Initiative »Klicksafe« verwiesen werden, s. https://www.klicksafe.de/. Die Initiative »Klicksafe« bietet vielfältige Informationen für Schüler, Lehrkräfte und Eltern rund um das Thema »Internet«, u. a. zahlreiche kostenlose Unterrichtsmaterialien und Broschüren sowie Ratschläge zu vielen Themen, z. B. »Knowhow für junge User«, »Was tun bei Cybermobbing« oder zum sicheren Umgang mit dem Internet (Wie sollte ein sicheres Passwort aussehen?). Daneben gibt es Verweise zu anderen Initiativen und Ansprechpartnern.
Hate Speech – eine neue Herausforderung auch für Schule?
In jüngster Zeit scheint das friedliche Zusammenleben durch neue Formen von Hass, Hetze und Diskriminierung in den Sozialen Netzwerken zunehmend bedroht. Die Auseinandersetzung mit Hate Speech ist zu einer gesellschafts- und bildungspolitischen Herausforderung geworden, der sich auch die Institution Schule nicht entziehen kann. Fast jeder Jugendlicher hat schon Erfahrungen mit Hass im Netz gemacht. Zwar ist Hass gegen bestimmte Gruppen, z. B. wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, keineswegs neu. Dieser Hass hat aber offenbar als alltägliche Erscheinung eine neue Dimension angenommen. Die Institution Schule mit ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag ist dabei in doppelter Hinsicht gefordert: Zum einen ist Hate Speech kein reines Onlinephänomen, sondern kann auch das schulische Zusammenleben beeinträchtigen. Zum anderen ist Schule als demokratiebildende Instanz dafür prädestiniert, Hate Speech durch die Vermittlung entsprechender Kompetenzen entgegenzuwirken. Allerdings liegen über Hate Speech im Kontext Schule bisher kaum Erkenntnisse vor.
Unter Hate Speech verstehen wir eine kommunikative Ausdrucksform in der Öffentlichkeit mit Botschaftscharakter (z. B. Schrift, Sprache, Videos), die absichtlich Ausgrenzung, Verachtung und Abwertung bestimmter Bevölkerungsgruppen fördert, rechtfertigt oder verbreitet und durch die diese in diskriminierender Weise in ihrer Würde verletzt, herabgesetzt oder gedemütigt werden (Wachs/Bilz/Schubarth 2018). Erste Untersuchungen lassen darauf schließen, dass Hate Speech gerade unter Jugendlichen relativ weit verbreitet ist und in den letzten Jahren zugenommen hat. So ermittelte eine Studie des Landesinstituts für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), dass 54 % der 14- bis 24-Jährigen häufig bis sehr häufig Hate Speech beobachtet haben (LfM 2016). Ein Jahr später waren dies bereits 59 % der gleichen Altersgruppe (LfM 2017). Auch internationale Studien bestätigen die große Relevanz von Hate Speech (Hawdon/Oksanen/ Räsänen 2017).
Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen, die Hilfe und Unterstützung beim Umgang mit Hate Speech geben. So wird u. a. empfohlen, Gegenrede (Counter Speech) zu praktizieren, z. B. richtig zu diskutieren und zu argumentieren, nachzufragen oder zu entlarven, aber auch zu ironisieren oder Memes (sich schnell verbreitende Bilder, Videos u. ä.) gegen Hate Speech einzusetzen. Zudem ist der Selbstschutz sehr wichtig, z. B. sicherer Datenschutz, Beleidigungen nicht persönlich nehmen und sich nicht rechtfertigen. Weiterführende Links: www.amadeu-antonio-stiftung.de; www.no-hate-speech.de; www.nohatespeechmovement.de; http://www.bpb.de/252396/was-ist-hate-speech; https://www.klicksafe.de/ser vice/aktuelles/news/detail/hate-speech-im-internet/.
c) Welche neueren Erkenntnisse gibt es zur Intervention und Prävention von Gewalt und Mobbing an Schulen?
Wie aus den bisherigen Darlegungen zu erkennen ist, sind die Anforderungen an die Prävention und Intervention von Gewalt und Mobbing in den letzten Jahren weiter gewachsen. Eine heterogene Schülerschaft, Inklusion, Integration und die Neuen Medien stellen Schulen vor neue Herausforderungen. Viele Schulen haben sich mit neuen Ansätzen, Programmen und Projekten, z. B. auch gegen Cybermobbing und Diskriminierung, schon darauf eingestellt. Dazu gehört auch eine verstärkte Arbeit zur schulischen Wertebildung (vgl. Schubarth/Gruhne/Zylla 2017).
Fortbildungsbedarf zur Intervention bei Gewalt- und Mobbingfällen
Ungeachtet der Bemühungen von Schulen besteht bei Prävention bzw. Intervention von Gewalt und Mobbing ein deutlicher Handlungsbedarf. Darauf macht auch unsere eigene Studie zu Interventionskompetenzen bei Lehrkräften aufmerksam (vgl. ausführlich Bilz/Schubarth/Dudziak u. a. 2017). Bisher konnte man nur mutmaßen, wie Lehrkräfte in konkreten Gewalt- oder Mobbingfällen reagieren – nun liegen empirische Befunde vor: Gestützt auf eine repräsentative Lehrer- und Schülerbefragung zeigt unsere Studie, dass die Mehrheit der Lehrkräfte bei Gewalt und Mobbing nicht wegschaut, sondern sich um eine Beendigung des Gewalt- oder Mobbingfalls bemüht. Damit wird die Mehrheit der Lehrerschaft ihrem Erziehungsauftrag gerecht, dass Gewalt und Mobbing an Schulen nicht geduldet werden dürfen. Sowohl die Lehrer- als auch die Schülerschaft gibt mehrheitlich an, dass in Gewalt- und Mobbingfällen interveniert wird. Erwartungsgemäß fallen die Selbstauskünfte der Lehrkräfte günstiger und die Beobachtungen der Schülerschaft kritischer aus. Nur eine kleine Minderheit der Lehrkräfte (2 %) gibt an, bei dem letzten, selbst erlebten Gewalt- bzw. Mobbingfall nicht interveniert zu haben. Die große Mehrheit, d. h. rund drei Viertel der Lehrkräfte, berichtet, in der entsprechenden Situation interveniert zu haben. Weitere 21 % haben die Situation zunächst beobachtet und ggf. erst später interveniert.
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