– Diesmal halte ich mich nicht mit historischen Details auf. Es geht um mehr oder weniger klare Gefühle, um simpelste Fakten. Ausgewählt wird immer das Eindrücklichste. Als würde ich mir Notizen machen. Poesie und Prosa … Mit oder ohne Zeichensetzung …
– … eine Stilübung?
– Auf keinen Fall!
– Eine neue Methode der Selbstfolter?
– Auch nicht.
– Was dann?
– Eher eine Art von Suche … Wie all meine Bücher. Wie viele Bücher.
– Suche nach Transparenz 1 ?
– Ein Tasten … Worte, die fehlen … Worte, die ungesagt blieben …
– Zögerst du noch?
– Hör zu, mein Sohn: Danke, aber jetzt geh nach Hause! Ich muss mich ransetzen. Allein!
1 So, wie Jean Starobinski den Begriff geprägt hat, der in Rousseau: eine Welt von Widerständen (OA 1957) Rousseaus Suche nach Transparenz Etappe für Etappe nachverfolgt.
Ich habe mir immer gelobt nicht zu sterben ohne vollbracht zu haben, was ich Andern anrieth: eine aufrichtige Erforschung des eignen Wesens und eine aufmerksame Prüfung des eignen Daseins . George Sand 2
2 Geschichte meines Lebens , übersetzt von Claire Glümer. [A. d. Ü.]
Herbst 1943. Berlin.
Ich bin acht, als Hitler die Macht ergreift, mein Vater seiner Ämter enthoben, fünfzehn, als der Zweite Weltkrieg erklärt wird. Ich schließe gerade die Oberstufe ab, habe vor, französische Sprache und Literatur zu studieren, als sich die Tore der Philologischen Fakultät schließen. Zum Kriegsdienst verdonnert, katalogisiere ich den lieben langen Tag unzählige Röntgenaufnahmen von Studentenlungen in einem Büro der Berliner Universität.
Das war nicht lustig.
Die Hauptstadt unterm Bombenhagel
Dreitausend Tote in zwei Nächten
vom 18. zum 19. und vom 22. zum 23. November 1943
Brände
Ruinen
Asche überall
am Boden
in der Lunge
Zerfetzte Körper, die man wegbringt
verscharrt
vergisst
schnell
ergreife ich die Flucht
setze den unvermeidlichen Kriegsdienst
im Kinderhort eines österreichischen Dorfes fort.
Frühling 1945. Schwarzenberg, Österreich.
Vorbei, der Krieg. Im Radio wird verkündet, der Führer sei tot. Gut so.
Heimkehren. Heimkehren nach Berlin.
Zu uns.
Drei Frauen, zwei Kinder: meine Mutter, meine Schwester Christa mit ihren beiden Kleinen, ich. Es soll Züge geben.
Vollgestopft mit heimkehrenden Frauen. Frauen, die von ihrem Unglück erzählen werden, ohne damit aufhören zu können, müde Kinder, ungeduldig, mangelernährt, lauthals brüllend.
WCs, deren Türen kaum schließen oder sogar weit offenstehen, stinkend nach abgestandenem Urin, Erbrochenem, billigem Desinfektionsmittel.
Sich durch Schweigen wappnen.
Nichts eindringen lassen.
Sich mit einem Platz im Gang begnügen, auf seinen Koffer setzen.
Mein Koffer, meine Mutter, meine Schwester, mein Neffe, meine Nichte.
Der Vater in Berlin.
Das Haus – steht noch.
Die Familie. Ein Leben, wie es sich gehört.
Wie es sich gehört?
Stehende Wendung, die neu bestimmt werden muss.
Denn nichts gehört sich mehr
nichts ist mehr wie früher.
Da gab es die Vernichtung von sechs Millionen Menschen, verdinglicht, ermordet, stets gegenwärtig, vor unseren grauen Gesichtern, unseren gesenkten Augen.
Die Scham.
Angst , deutsches Wort, denkt man dran, beißt man die Zähne zusammen.
Ich selbst bin feige. Ich bin zwanzig und will leben.
Ohne Angst, ohne Scham, ohne Hunger oder Durst.
Dem Elend den Rücken zukehren.
Warten.
Beim Warten
eine andere Sprache sprechen
lachen
mich lösen.
Mit dem französischen Geliebten in der schönen Wohnung leben, die von der Armee beschlagnahmt wurde.
Es wird noch andere Züge geben.
Der französische Geliebte erzählt von Tunis, wo er geboren wurde. Wohin er heimkehren wird.
Ob das eine Einladung ist? Nordafrika, die Ehe, ein Tor zur Freiheit?
Ich spüre, wie mir Flügel wachsen.
EIN NATÜRLICHES HINDERNIS
Oktober. Keine Regel. Kein einziger Tropfen Blut.
Übelkeit. Abends gehe ich auf einmal früh ins Bett.
Die Brüste schmerzen. Ich bin wohl schwanger.
Schwanger? Bin ich schwanger? Einfach so, aus heiterem Himmel?
Nackt vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer, nehme ich mich in Augenschein. Von vorne, von der Seite. Der Bauch ist etwas schlaff. Immer noch derselbe? Ja? Nein! Mein Leben ist anders. Ich bin anders. Mit einem Bauch befrachtet, der sich schwer anfühlt.
Wo ist der geflügelte Traum von gestern hin?
Ich bin nicht mehr diejenige, die aufbricht. Ich bin Teil eines Wirs, die wir zusammen aufbrechen … wohin, wozu?
Ein Kind … Will ich es? Will es der Mann, der Geliebte?
Haben wir, und sei’s nur flüchtig, daran gedacht, bei der Liebe?
Haben wir auch nur darüber geredet?
Ist mir das wirklich passiert ?
Ein Kind. Sollte ich mich nicht freuen?
Es gar nicht erwarten können? Es zu bekommen? Es zu sehen? Zu berühren? Ein Name … Ein Bild … Erika …
Entfernte Kusine. Familiengeheimnis. Sie soll sich eines Kindes entledigt haben. Mit Hilfe eines Arztes. Danach soll sie geweint haben, am Ostseestrand. Das Kind begraben …
Die Tränen im Sand …
Das Kind des Zufalls, ein Unfall, Schicksal.
Unerwartet.
Ein Arzt, ich brauche einen Arzt, brauche Gewissheit.
Er soll mir sagen, ob ich wirklich schwanger bin.
– Eindeutig, meine Dame.
Bin ich nicht zu jung für diese Bezeichnung? Ich erwarte, dass er mich berät, dieser Mann in Weiß. Dass er mir die Frage an den Augen abliest.
Schließlich sagt er zu mir, ja, in diesen schwierigen Zeiten könnte man vielleicht eine Abtreibung vornehmen …
Weil das aber gesetzeswidrig sei, müsste die Ausschabung ohne Narkose erfolgen …
– Und falls es dann zu Komplikationen kommt … Wären die Schmerzen unerträglich, verstehen Sie?
Sag mir, Arzt, würdest du das deiner Frau antun?
Meine Frage bringt ihn in Bedrängnis.
– Nein, auf keinen Fall, niemals!
Ich habe Angst vor dem Messer im Leib. In meinem, nicht dem des Kindes.
Ich stehe wieder auf. Ziehe den Schlüpfer wieder an. Meine Schuhe.
Was soll’s. Das Kind des Zufalls wird mein Kind werden.
Ich werde uns schon zu helfen wissen.
Es ist Januar, das Meer aufgewühlt.
Das Schiff schaukelt, alles schwankt um mich herum, ich erbreche, links, rechts, in meiner Koje, auf meine Kleider, im Klo, über Bord, ich übergebe meinen Mageninhalt, alles, bis auf den letzten Tropfen, und dann fängt alles wieder von vorn an. Liegt es daran, dass ich schwanger oder dass ich seekrank bin, ist es Angst vor dem, was ich in Angriff nehme? So oder so werde ich niemals diese jämmerliche Überquerung eines grauen, wintrigen Mittelmeers vergessen.
Hätte es nicht blau sein müssen, dieses Meer? Glücklich, ich? Die Stadt.
Tunis.
Warum ist die Luft so unbewegt, so grau?
Wo ist denn die Sonne?
Der Geliebte hat beim Rathaus das standesamtliche Aufgebot bestellt. Auf dass es alle zur Kenntnis nehmen.
So will es der Brauch. Das Gesetz. Die Welt hat zehn Tage Zeit, um Widerspruch einzulegen. Die Welt? Wer hätte einen Grund, wer ein Wörtchen mitzureden, wer einen Rat zu erteilen? Niemand.
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