Das hätte sie nicht tun sollen!
Ausflügler hatten sich bereits mit Kind und Kegel auf der Wiese häuslich niedergelassen. Sie saßen wie Blumenbüschel, die sich friedvoll sonnen, in Gruppen beisammen, fernab dem Großstadtgetriebe mit seinen lästigen Sensationen.
Da erschien meine Mutter am Horizont. Wie es angefangen hat, weiß man nicht, aber kaum hatte meine Mutter die Wiese betreten, als sie die Herrschaft über ihre Beine verlor und ins Laufen kam … Den Ausflüglern bot sich plötzlich ein seltsam sonderbares Bild: Eine ältere Dame lief mit zunehmender Geschwindigkeit, in der einen Hand einen Schirm und in der andern eine Handtasche schwenkend, den Hut schief auf dem Kopf, die Wiese hinunter. In kühnen Sätzen, jedes Hindernis nehmend, sprang sie über ausgebreitete Tischtücher, über Teller und Gläser. Mütter rissen im letzten Moment noch die Kinderwagen an sich. Ein junger Mann versuchte, meine Mutter einzuholen und zu fangen; aber sie hatte bereits ein solches Tempo erreicht, daß sein Unternehmen erfolglos blieb. Sie sauste, hinter ihr der junge Mann und ein bellender Hund, der sich begeistert an der wilden Jagd beteiligte, talabwärts. Meine Mutter hatte, wie sie oft selbst tränenlachend erzählte, nur einen Wunsch – doch endlich einmal schon in einem Graben zu liegen! Und da lag sie auch schon! Der junge Mann hob sie auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß nichts passiert war, gratulierte er meiner Mutter zu dieser zwar unfreiwilligen, aber doch fabelhaften sportlichen Leistung.
Das Ende dieser Geschichte einer österreichischen Familie möchte ich nicht schreiben –, es würde zu österreichisch ausfallen. Es gab einige jähe Abstürze – aber das Lachen ist uns allen geblieben, und das sind doch die einzigen, immer gleich wertvoll, immer gleich bekömmlich bleibenden Rosinen des Lebens.
Wir verarmten und zogen in eine Parterrewohnung am Donaukanal. Ein Abstieg für die Erwachsenen –, da ich aber ein Kind von sieben Jahren war, wohnten wir natürlich herrlich in einem Hause mit vielen Kindern, nahe der Donau, und vom Zimmer aus konnte man direkt in den Hof gehen.
Im Hof lagen Bretter vom Tischler, ein Schuppen war da, eine Katze und in einer Ecke ein Grab mit einem Kreuz. Hier ruhte in einer Zündholzschachtel eine grüne Heuschrecke. Sie hatte sich hierher verirrt, war verschieden und kam durch mich ganz unerwarteterweise zu einem christlichen Begräbnis.
Im Winter erlaubte mir die Hausmeisterin, im Hofe Schnee zu kehren. Der Lehrbub vom Tischler lieh mir einen von seinen Schlittschuhen – mit dem zweiten lief er. Ich habe später nie richtig Schlittschuh laufen gelernt, das heißt: mit dem rechten Fuß lief ich wundervoll, aber der linke hat es nicht mehr erfaßt, er war es von Jugend auf nicht gewöhnt.
Ich fühlte mich also gar nicht arm, und die Kinder, die ohne Hof, Straße und Donau aufwachsen, tun mir heute noch leid. Für Kinder kann doch Reichtum nur etwas Hemmendes und Lästiges sein.
Ich wäre also soweit ganz zufrieden gewesen, aber leider hatte ich eine Schwester, die um sieben Jahre älter war. Ob reich, ob arm – eine ältere Schwester ist schrecklich. Sie fühlt sich erwachsen, übernimmt Muttersorgen, weiß alles besser, ist unerbittlich, und wenn sie nicht doch noch von der Mutter ab und zu eine »fangen« würde, wäre ihre Würde schlechthin unerträglich.
Sie sagt: »Was wünschest du dir zu Weihnachten?« »Eine Puppe«, sage ich. »Eine Puppe?« sagt die Schwester verächtlich und höhnisch. »Gott, wie kindisch!« Ich sage: »Keine so gewöhnliche Puppe! Sie muß als Braut angezogen sein, ein Atlaskleid haben, einen Schleier, einen Kranz und blonde Haare, die man wirklich kämmen kann.«
»Ja«, sagt die Schwester überlegend, »vielleicht könntest du eine solche bekommen, das heißt, wenn ich mit dem Christkindl rede. Aber von morgen an mußt d u in der Früh die Milch und die Semmeln holen.« (Sonst ein Nachteil der älteren Schwester.)
Auf der Straße war es kalt, finster und unheimlich. Nach acht Tagen bat ich meine Schwester, lieber an das Christkindl zu schreiben. Aber sie sagte, sie halte von Briefen gar nichts, das müsse sie persönlich besprechen, und solche Protektion wäre das Sicherste. So holte ich weiter Milch und Semmeln, und die Schwester lag bis Viertel acht im Bett.
Dann kam der Weihnachtsabend.
Und da stand sie wirklich, die weiße Braut. Ich war so fassungslos, daß alle lachten, ich lachte ein wenig mit, und dann warf ich mich weinend in die Arme meiner Mutter. Die Schwester sagte: »Nimm sie doch! Schau sie doch an! Nimm sie doch!« Aber ich weinte meiner Mutter ins Ohr: »Ich will ins Bett!« Als ich im Bette lag, hörte ich noch, wie meine Schwester sagte: »Sie ist gar kein richtiges Kind.« Sie war entsetzlich enttäuscht.
In der Nacht, als alle schliefen, stand ich leise auf und holte mir die Puppe ins Bett.
Nun war ich mehr als zufrieden – ich war glücklich. Als ich am nächsten Tage in den Hof kam, die Puppe am Arm, erregte ich große Bewunderung bei den Mädchen, aber die Buben sagten nur »Pfui Teixel« und liefen an die Donau.
Die Braut allein zu Hause lassen, wollte ich nicht, zum Halten konnte ich sie niemand anvertrauen, so lief ich denn einige Tage noch so mit, als Ausgeschaltete, Überflüssige, und zog mich dann ganz in den Schuppen zurück. Die Katze hatte sich uns zugesellt, und wir drei waren nun ganz auf uns selbst angewiesen. Die Kinder hatten mich bald vergessen, mich, die am besten springen konnte, die im Wettlaufen drei Radiergummi und acht ausgeschriebene Schulhefte gewonnen hatte. »Sie werden schon kommen«, dachte ich anfangs, aber sie kamen nicht.
Ich hielt aber wirklich wochenlang, monatelang in dem Winkel aus, ich, die gewohnt war, auf der Straße zu leben, im Freien, ich, die nie etwas vom Familienleben gehalten hatte.
Welches Ansehen hatte ich bei den Gassenbuben genossen und wie weit war es jetzt mit mir gekommen! Sie wagten es, mir auf dem Schulwege nachzuschreien: »Puppengretl!« »Die Katzenmutter spielt sich mit Puppen!« Aber ich hielt aus, ich war glücklich, wenn auch nicht mehr ganz zufrieden.
Und eines Tages nahm ich der Braut den Schleier und den Kranz ab, riß ihr das Kleid herunter, denn sie war ein für allemal als Braut angezogen und konnte nicht umgekleidet werden, und ließ die Sägespäne aus ihrem Bauche laufen, bis Arme und Beine schlaff wurden, dann warf ich den Balg in eine Ecke.
»Wir wollen Räuber und Gendarmen spielen«, rief ich schon von weitem in den Hof hinein; ich fühlte, es mußte etwas Besonderes geboten werden. Es war kein alltägliches Spiel, da durfte man sich in allen Häusern der ganzen Straße verstekken, auf allen Böden, in allen Kellern.
Ich war »Räuber«, und im Elferhaus wurde ich fast gefangen, hätte ich nicht den Mut gehabt, eine fremde Wohnungstür zu öffnen und einzutreten. Zum Glück waren so viele Leute gekommen, sich eine Tote dort noch einmal anzusehen, daß ich mich die längste Zeit aufhalten konnte, ohne bemerkt zu werden.
Ich wurde nicht gefangen, ich hatte gesiegt. Stolz und mit mir selbst zufrieden kehrte ich zur Nachtmahlzeit zur Familie zurück.
»Wo ist deine Puppe?« fragte die Schwester.
»Ich brauche keine Puppe mehr«, sagte ich kalt.
Meine Schwester warf meiner Mutter einen vorwurfsvollen Blick zu. Es konnte doch jetzt kein Zweifel mehr darüber walten, daß dieses letzte Kind kein richtiges Kind geworden war.
Die zweite Geschichte war so arg, daß meine Mutter meiner Schwester lange Zeit nicht in die Augen sehen konnte, aus Scham, daß ich auch ihre Tochter sei.
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