Wir betreten die heilige Stätte. Überwältigend ist die Größe, die sich hier drinnen erst wirklich offenbart. Nie zuvor bin ich in einer Kirche dieses Ausmaßes gewesen. Sanfte milde Wärme, angenehme Temperaturen herrschen, die grelle Helligkeit ist ausgesperrt, gedämpftes Licht umgibt uns.
Es ist still. Der mir mittlerweile von unzähligen Kirchenbesuchen vertraute Duft von Weihrauch schwebt in der Luft, gemischt mit Bohnerwachs und Möbelpolitur.
Wir setzen uns in eine der vielen leeren Holzbankreihen, weil wir diesen Bau auf uns wirken lassen sollen. Nanu, zieht unsere Reiseleiterin neue Saiten auf?
Dankbar lasse ich mich auf meinen Sitzplatz plumpsen. Herrlich – eine Pause. Das riesige Mittelschiff ist auffällig schmucklos, wohltuend schlicht. Mächtige Stützpfeiler streben zu dem hohen Gewölbe, als wären sie die direkte Verbindung zwischen Erde und Himmel.
„Vielleicht sollen sie genau das symbolisieren“, geht mir durch den Kopf. Der prachtvolle Hauptaltar erhebt sich am Ende eines roten Teppichs und des Mittelschiffes. Ein Strauß Wildblumen schmückt ihn. Dieses kunstvolle, von Menschenhand geschaffene Werk zusammen mit der farbenfrohen Pracht der Natur: ein starker Kontrast, der mich irgendwie rührt. Mein Blick zu unserer Reiseleiterin offenbart, auch sie ist erschöpft. Ihr Kopf ist nach vorne gesunken, sie gibt dem Müdigkeitsgefühl nach, das mich den Vormittag über in den Klammergriff genommen hat. Ein Schläfchen. Wie sehr ich ihr das gönne.
In Schwarz gekleidete Menschen knien vor dem Hauptaltar nieder, bekreuzigen sich, beten oder halten für einen Moment im Leben inne, indem sie sich ebenfalls auf den Bänken niederlassen. Andere Menschen entzünden Kerzen, stellen sie vor einem der Seitenaltäre ab, bevor sie Zwiesprache mit wem auch immer halten. Der ideale Ort, um zur Ruhe zu kommen und sich der Banalität des Alltages zu entziehen.
Höre ich entferntes Plätschern von Wasser? Vielleicht von einem Brunnen im Kreuzgang? Oder spielen mir meine Sinne einen Streich? Ein Gefühl der Ruhe, der tiefen Zufriedenheit kehrt in mir ein. Durchatmen. Schauen. Nichtstun. Entspannen. Wunderbar fühlt es sich an.
Es rumpelt, einmal, zweimal, etwas lauter, hallt durch die Kirche. Kurz darauf ertönt ein Fiepen, das sich als durchdringender Ton der Orgel entpuppt, der auch unsere Reiseleitung im Handumdrehen aus ihren Träumen weckt. Aber das ist nur ein Test.
Jetzt setzt die Orgel ein: großartig, klar und wunderschön. Mit ihrem vollen Ton füllt sie den letzten Winkel des Kirchenschiffes. Touristen, eben noch vertieft in ihre Reiseführer, schauen auf, lauschen. Ein Kirchendiener betrachtet ehrfürchtig die Orgel. Man kann nicht anders, als sich dem Genuss hinzugeben, die Herrlichkeit zu genießen.
Ergriffen bin ich, das merke ich. Der Moment ist von einer Feierlichkeit erfüllt wie Weihnachten. Wunderschön ist es. Und ein weiteres Gefühl keimt in mir auf.
Glück.
Zunächst ist es wie ein kleines Ziehen, als müsste meine Seele testen, ob sie es zulassen kann. Aber ja, natürlich kann sie es. Und jetzt ist das Glück eine Welle, die mich hochhebt. Die Orgel klingt, als spiele sie für die Ewigkeit. Und ich?
Ich fühle mich dem Himmel so nahe.
Bettina Schneider: 1968 in Berlin geboren, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit. Sie schreibt mit Begeisterung Kurzgeschichten und Erzählungen, einige davon sind veröffentlicht. Hobbys: Lesen, Schreiben, Tagebuch schreiben, Spaziergänge mit dem Hund und Fotografieren.
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Ein himmlisches Happy-End
Adalbert, der dicke Eber,
War verliebt in eine Sau.
Grunzend fragte er, der Streber:
„Willst du werden meine Frau?“
Helene hieß das Schwein mit Namen.
Sie war entzückt und quiekte schrill:
„Ach, Bertl, hab’ mit mir Erbarmen!“
Sie fiel in Ohnmacht – und es war still.
„Lenchen, komm’ zurück zu mir!“
Da öffnete die Sau ein Auge:
„Vor deinen Klauen lieg’ ich hier,
Pflücke mich als reife Traube!“
Das Hochzeitsglück nach vierzehn Tagen
Im Fieber-Chaos und Gewimmel
Lag beiden Schweinen schwer im Magen,
Doch stiegen sie hinauf gen Himmel!
Ballonfahrt zu den Sternen,
Romantik pur – mit Ohrendruck.
Weit von zu Hause sich entfernen:
Durch Sau und Eber ging ein Ruck!
Denn Amors Pfeil flog daneben,
Statt „Zielobjekte beide Schweine“
Zerplatzte jetzt der Traum vom Leben:
Die Wolken tanzten nun alleine.
So stürzte der Ballon nach unten
Auf ein Feld mit Zuckerrüben.
Das Licht verschwand und es war dunkel,
War dies der Weg nach „drüben“?
Ein leises Grunzen hier und da,
Dann ein Überlebens-Schmatzen!
Der Himmel strahlte, wurde klar,
Doch Bertl brach sich alle Haxen!
Zu Haus’ gepflegt von Lenchen
Ging es bald besser Stück für Stück.
Mit Bouquet und einem Krönchen
Genossen sie ihr Schweineglück!
Udo Brückmann, geb. 1967, lebt als Dozent und Autor im ländlichen Niedersachsen. Zahlreiche Veröffentlichungen in den Bereichen Kinder- und Jugendliteratur, Lyrik und Belletristik. Für den Geest-Verlag Vechta entstanden u. a. die Kriminalsatiren „Ewig blüht das Leben“ (2015) sowie „Mords-Hochschule – Bildung für alle“ (2017). Seit 2019 Kindergedichte für den Kinderradiokanal „KiRaKa“, Produktion: WDR Köln. In Papierfresserchens MTM-Verlag sind bisher drei Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Weiterführende Informationen sind auf der Webseite udo-brueckmann.de zu finden.
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Liebe auf den ersten Blick?
Nein, auf den ersten Knopfdruck!
Monatelang gechattet, gechattet und gechattet …
Nett, lustig und lieb waren die meisten ja,
aber der heiß glühende Funken nicht durch die Leitung sprang.
Bis ich durch Zufall in einem anderen Portal landete
und plötzlich und unerwartet strandete!
Suchte ich dort doch aus ganz anderen Gründen Rat,
kam von Dir Fremdem die einfühlsame Schreib-Tat!
Dein Text mich sehr berührte,
ich mich sofort in Dich verliebte …
– „Enter(e)“ das Glück!
Juliane Barth: geboren 1982, lebt im Südwesten Deutschlands. Schreibt als Hobby seit jeher sehr gerne, u. a. Lyrik, Kurzgeschichten und Sachtexte. Veröffentlichungen in diversen Anthologien: sacrydecs.hpage.com
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Der kleine Igel Igor sucht im Obstgarten nach Futter. Er will sich, für den Winterschlaf, einen dicken Bauch anfressen. Emsig sucht er nach allerlei Insekten im Boden. Mmh, die kleinen Würmer hier schmecken ihm besonders gut und auch eine Schnecke, die ihm in die Quere kommt, wird verputzt. Plumps, da fällt plötzlich ein Apfel mitten auf Igors Rücken.
„Aah, huch“, schnaubt der Igel, das hätte ihn jetzt beinahe erdrückt. Als er sich wieder etwas sammeln kann, merkt er, dass der Apfel ziemlich schwer ist. Er versucht mit kräftigem Schütteln, die Last auf seinem Rücken abzuwerfen, doch der Ballast hat sich so sehr auf seine Stacheln gebohrt, dass es ihm nicht gelingt, ihn loszuwerden. Er überlegte, wer ihm helfen könnte, so stapft er schwerfällig in der Gegend umher.
Ein schöner Schmetterling fliegt an ihm vorbei. Igor ruft nach ihm, aber der Schmetterling kann ihm auch nicht helfen, er hat es sehr eilig und der Apfel ist für ihn viel zu schwer.
Eine Maus kommt gerade des Weges, der kleine Stachelige bittet sie um Hilfe. Die Maus versucht, an seinen Stacheln hochzuklettern, jedoch der Apfel ist auch ihr zu schwer, sie bekommt ihn einfach nicht runter. Igor wirkt inzwischen ganz erschöpft von dem vielen Herumlaufen mit seiner schweren Last auf dem Rücken.
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