Culpeper, Virginia
Harry mochte Farmen schon immer. Ländliche, abgelegene Orte. Ein Minimum an Menschen, dafür ein Maximum an Fernsicht. Weniger Menschen, die dumme Fragen stellen konnten, und weniger Kollateralschäden, falls etwas schieflief.
Der einzige Nachteil war, dass sich hier jeder kannte.
Aus diesem Grund befand sich das Safehouse auch weit abseits der Straße, am Ende einer langen Auffahrt, die von achtzigjährigen Kiefern abgeschirmt wurde.
Harry stieß die Tür auf und stieg aus dem im Leerlauf befindlichen Tahoe. Seine Augen suchten das umliegende Gelände ab, während er zu dem Briefkasten lief, der neben dem Eingang der Auffahrt stand.
Der Briefkasten war leer. Was zu erwarten war – sie hatten nie eine Zeitung abonniert. Er strich mit seiner Hand über die Seite des Briefkastens, dann stieg er in den SUV zurück.
»Was sollte das mit der Kreide?«, hörte er Carol fragen. Er setzte ein grimmiges Lächeln auf und sah noch einmal zu der dünnen gelben Kreidelinie zurück, die quer über die Seite des Briefkastens verlief. Sie mochte noch nie im Außeneinsatz gewesen sein, aber ihr entging nur sehr wenig.
»Das ist für den Verwalter«, erklärte er und legte einen Gang ein. »Damit er weiß, dass er nicht nach dem Rechten sehen muss.«
Die Perlenohrringe lagen auf dem Armaturenbrett, von dem Griff an Harrys Colt in tausend Stücke zertrümmert. Der GPS-Tracker, der sich im linken Ohrring befunden hatte, war weiter gen Süden unterwegs, in der Satteltasche einer Harley-Davidson, in der Harry ihn bei einem Zwischenstopp an einer Tankstelle entsorgt hatte.
Der Biker hatte so ausgesehen, als könne er ganz gut auf sich selbst aufpassen.
»Tut mir leid, dass ich sie zerstören musste«, sagte Harry sanft, als der SUV der Auffahrt folgte.
Sie sah ihn nicht an. »Das muss es nicht«, antwortete sie erzwungen ruhig. »Es gab keinen anderen Weg. Manchmal müssen eben selbst Erinnerungen dran glauben …«
10:39 Uhr
CIA-Hauptquartier
Langley, Virginia
Freefall. Der DCS schloss die Tür zu seinem Büro und sann noch einmal über Nichols‘ letzte Worte nach.
Sie enthielten eine Botschaft, da war er sicher. Entgegen seiner Aussage gegenüber Carter und Lasker handelte es sich bei Freefall um mehr als nur einen Notfallcode. Dieser Code war benutzt worden.
Ein Phantomschmerz schoss durch Kranemeyers nicht mehr vorhandenes rechtes Bein, als er zu seinem Tisch humpelte.
Ein Foto stand auf seinem Tisch, das ihn beim 5.000-km-Lauf in Chesapeake zeigte. Ein Wohltätigkeitsrennen, keine neun Monate zuvor. Ja, vor neun Monaten. Bevor seine Welt von einem abtrünnigen Agenten auf den Kopf gestellt worden war.
Der DCS biss vor Schmerz die Zähne zusammen und ließ sich in seinen Bürostuhl sinken. Heute hätte er keine fünf Kilometer mehr rennen können, um sein Leben zu retten.
Das wahrscheinlich Schlimmste daran, einen Verräter wie Hamid Zakiri in den eigenen Reihen aufzuspüren, war, dass man irgendwann anfing, an jeder Ecke Verräter zu wittern. Paranoia gehörte zum Rüstzeug für jeden anständigen Spion –- der Trick dabei war jedoch, es damit nicht zu übertreiben. Was höllisch schwer war.
Kranemeyer begrub das Gesicht in seinen Händen und versuchte sich zu erinnern. Da war etwas, eine flüchtige Erinnerung aus seiner Vergangenheit. Aber Nichols war kein Verräter.
Er zog das Handy aus seiner Tasche und sah für einen Moment nachdenklich darauf hinab, bevor er eine Nummer wählte.
»Marcia«, begann er, als sein Anruf entgegengenommen wurde, »besorgen Sie mir doch bitte ein Dossier aus dem Archiv. Ich brauche alles, was wir über eine geheime CIA-Operation im Westjordanland von 2000 haben. Operation RUMBLEWAY, um genau zu sein. Ja, Marcia, die Unterlagen sind streng geheim. Deshalb frage ich Sie …«
10:41 Uhr
Das Safehouse
Culpeper, Virginia
»Sehen Sie es dem Innenarchitekten nach.« Harry, der in der Eingangshalle des Safehouses stand, deutete auf die ausgeblichenen Tapeten und die Farbe, die sich von den Wänden löste. »Wir haben nicht viele Gäste.«
Carol schüttelte den Kopf. Das Safehouse war ein kleines Farmhaus, gebaut in einem Stil, der auf die Fünfzigerjahre zurückging. Was wahrscheinlich auch das letzte Mal gewesen war, dass man es renoviert hatte.
»Wem gehört das hier?«, fragte sie und sah sich um. »Langley?«
Harry räusperte sich. »Nicht wirklich. Tatsächlich gehört es uns.«
»Ihrem Einsatzteam?«
»Ja«, antwortete er und öffnete auf dem Weg in den angrenzenden Raum den Reißverschluss seiner Jacke. Die Colt ließ er im Holster, nur wenige Zentimeter von seinen Fingern entfernt. »Wir sind gerade erst eingezogen, um genau zu sein … wir mussten das Safehouse wechseln, nachdem … nun, nach der Sache mit Zakiri.«
Selbst jetzt fühlte er noch, wie sich seine Brust schmerzhaft bei der bloßen Erwähnung des Namens zusammenzog und Hass und Wut bei dem Gedanken an seinen Verrat tief in ihm zu brodeln begannen.
Bei dem Gedanken an einen toten Mann.
»Wozu brauchen Sie ein Safehouse?«
»Wegen Tagen wie diesen«, erwiderte er, dankbar für die Frage, die Ablenkung. »Haben Sie einen Plan für jede Eventualität – bringt man Ihnen das nicht im Training bei?«
Ein Nicken.
»Das war unser Notfallplan für den Fall, dass unsere Regierung nicht mehr in der Lage ist, uns zu beschützen – oder selbst hinter uns her ist«, fuhr Harry fort und sah auf seine Uhr. »Wir werden uns zwei Stunden hier aufhalten, nicht länger.«
Sie drehte sich zu ihm. Überraschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Wir bleiben nicht hier?«
»Nein. Der Ort war nie als dauerhafte Zuflucht gedacht, nur als Möglichkeit, Vorräte zu lagern. Ich bin in der Scheune und tanke unser neues Fahrzeug auf«, sagte er mit der Hand auf dem Türknauf. »Sie sollten duschen.«
»Wieso?«
»Könnte für eine Weile das letzte Mal sein. Außerdem muss ich Ihre Kleidung nach weiteren Peilsendern absuchen. Ich könnte mir denken, dass es für Sie angenehmer ist, wenn Sie sie dabei nicht anhaben.«
10:52 Uhr
U.S. Route 211
Virginia
Die Leichen hatte man fortgebracht, doch die Polizei war noch vor Ort. Flackernde Lichter füllten den Highway, so weit das Auge reichte, und das Heulen der Sirenen schrillte durch die kühle Morgenluft. Umrisse aus Kreide markierten die Positionen der Leichen auf dem gefrorenen Asphalt, über die sich FBI-Agenten in Mänteln beugten, in dem vergeblichen Versuch, sich warmzuhalten.
Sergei Korsakov hielt sich abseits, mischte sich unter die Schaulustigen, die sich trotz der Versuche der Virginia State Police, sie abzuhalten, zusammengedrängt hatten. Einen Doppelmord sah man in diesem Teil von Virginia schließlich nicht alle Tage.
Der CIA-Agent war nicht Teil ihres Plans gewesen. Ihr Geheimdienst hatte versagt, auf verhängnisvolle Weise. Alles hatte darauf hingedeutet, dass der Mann, der Carol Chambers begleitete, nur ein Freund sei. Ein weiterer Analytiker. Ein Schreibtischhengst.
Korsakov blickte auf das Dossier der CIA in seinem PDA hinab und scrollte durch die Seiten. Harry Nichols.
Ein Schreibtischhengst? Wohl kaum.
Der ehemalige Speznas -Sergeant rieb sich mit einer Hand über seinen Zwei-Tage-Bart. Kenne deinen Feind.
Wenn er das gewusst hätte, hätte er niemals nur ein Zweimann-Team auf Chambers angesetzt, selbst dann nicht, wenn ein Mann wie Pavel Nevaschkin es leitete.
Korsakov drehte sich um und seufzte schwer, während er sich zu seinem SUV begab. Es war Anfang Winter im Jahre 1997 gewesen, in einer dunklen Nacht in Dagestan, als er und Pavel sich kennenlernten. Beide waren Teil eines Speznas -Teams gewesen, das einen Panzerstützpunkt in Buinaksk bewachen sollte.
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