Sarah sah zu Ejigu, der hinter ihr Kieselsteine ins Nichts warf. Dann wandte sie sich der Verzierung zu, schob ihre Hand hinter die Wurzeln, um die Oberfläche des Steins zu erreichen. Sie fuhr mit den Fingern in die Rillen des Symbols. Es war rissig, von der Zeit und den Elementen abgetragen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.
Ejigu klatschte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. «Hallo? Wir müssen bald gehen. Die Sonne wird verschwinden.»
Er hatte recht. Die Sonne begann ihren Abstieg hinter den Bergen. In Kürze würde es dunkel sein und sie hatten noch eine gut zweistündige Wanderung vor sich.
Während Sarah Ejigu abwärts folgte, verfluchte sie ihre Neugier auf jedem Schritt des Weges.
***
In dieser Nacht, nachdem sie dem städtischen Arzt einen Besuch nach Feierabend abgestattet und mit einer Unzahl von Schmerzmitteln zum Lager zurückgekehrt war, saß Sarah vor ihrem Laptop und zeichnete das Symbol aus dem Gedächtnis nach. Jetzt war sie nicht mehr so sicher, dass es ein koptisches Kreuz war. Ungleich des Crux ansata, des symbolischen Kreuzes der koptisch-christlichen Kirche, besaß dieses zwei Kreise, einer im Inneren des anderen, und ein Kreuz, das den inneren Kreis in vier gleich große Teile dividierte. Der Stab der Kraft, die vertikale Linie, die sich von der Mitte des Kreises erstreckte, war unterbrochen. Sarah war sich nicht sicher, ob das absichtlich der Fall war oder der Erosion von möglicherweise hunderten von Jahren zugeschrieben werden musste. Sie zog ihre Online-Enzyklopädie über Symbole zurate, entdeckte aber nichts, das exakt so aussah.
So sehr sie auch Gefallen daran fand, Dinge selbst herauszufinden, so hatte sie doch keine andere Wahl, als die Symbologen in Cambridge hinzuzuziehen. Sie scannte ihre Zeichnung ein und schickte sie per E-Mail an Stanley Simon, den Leiter der archäologischen Fakultät der Universität.
Professor: Fand dieses Symbol eingeritzt in eine Felswand auf dem Weg nach Debre Damo. Variation des koptischen Kreuzes – oder nicht? In der gleichen Gegend befand sich ein etwas zu perfekt gestalteter Steinhaufen. Mein Instinkt sagt, er ist menschlichen Ursprungs. Plane, morgen mehr zu erkunden. Ihre Meinung? S.W.
***
Unter dem Einfluss von Schmerzmitteln schlief Sarah fest bis 5:30 Uhr am nächsten Morgen. Als ihr Telefon klingelte, war sie desorientiert und hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Instinktiv nahm sie den Hörer ab und betrachtete ihn, als sei er ein außerirdisches Objekt. Sobald sie sich gesammelt hatte, konzentrierte sie sich auf die Anruferkennung: Stanley Simon. Erschrocken realisierte sie, dass sie noch immer in Aksum war und eine Stunde länger als üblich geschlafen hatte. «Professor», krächzte sie. «Ich nehme an, Sie haben meine E-Mail erhalten.»
«Sie klingen schrecklich.» Die Stimme am anderen Ende war schroff und griesgrämig; der übliche Tonfall des Professors, wenn ihm etwas missfiel. «Sind Sie eben erst aufgewacht?»
«Das ist eine lange Geschichte. Ich hatte gestern ein paar Schwierigkeiten.»
«Ich bin nicht sicher, ob ich das wissen will. Was haben Sie überhaupt auf den Klippen getan? Die Grabkammer befindet sich im Tal. Oder haben Sie das vergessen?»
«Nein, Sir. Ich meine … das war ein kleiner Abstecher. Ich bin einem Hinweis nachgegangen.»
«Ein Abstecher? Ein Hinweis?» Seine Stimme überschlug sich. «Sarah, muss ich Sie daran erinnern, was zu tun man Sie nach Aksum geschickt hat? Ist Ihnen klar, dass Sie fünf Monate lang vor Ort sind und schon eine halbe Million Pfund von UNESCO-bewilligtem Geld verbraucht haben? Eine Menge Personen werden dieser Expedition wegen langsam unruhig. Sie wollen Ergebnisse sehen. Ich kann Sie nicht weiterhin herausreden, besonders nicht, solange Sie herumflanieren und wahllosen Hinweisen aus dubiosen Quellen nachjagen.»
«So ist es nicht. Ich habe die Artefakte gesehen. Sie waren echt. Ich fand, dass das zu überprüfen ein paar Stunden meiner Zeit wert wäre.»
«Junge Dame, es ist Ihnen vielleicht nicht bewusst, aber wir sind mit unserem Geldgeber ein wenig in Schwierigkeiten geraten. Die UNESCO wird sehr ungeduldig. Man will einen Berater schicken.»
«Wie bitte?»
«Sie haben mich verstanden. Man hat Daniel Madigan nach Aksum entsandt. Er sollte in einer Woche eintreffen.»
Daniel Madigan – diesen Namen kannte sie. «Sie meinen diesen selbstgefälligen Amerikaner? Ist der denn nicht damit beschäftigt, in der ein oder anderen Dokumentation aufzutreten?»
«Ob Sie das gut finden oder nicht, Dr. Madigan ist einer der führenden Gelehrten bezüglich der Region Saudi-Arabiens. Tatsächlich befindet er sich gerade mit einer Gruppe der König-Saud-Universität im Leeren Viertel, und sie kommen ausgezeichnet voran … anders als andere.»
Sie erinnerte sich daran, die Berichte über die Arbeit des Kulturanthropologen in Qaryat-al-Fau, der antiken Stadt unter dem Sand Arabiens, gelesen zu haben. Das Projekt hatte ihm weltweites Ansehen verschafft, nicht zuallerletzt, weil er einen IMAX-Film über seine Untersuchungen produziert hatte und auch darin aufgetreten war. «Schön. Ich werde mitspielen. Aber wenn er mit einer Filmcrew auftaucht, bin ich weg.»
«Sarah, ich bitte Sie, blamieren Sie die Universität nicht. Ich weiß, dass es für Sie schwer zu verstehen ist, aber hier steht recht viel auf dem Spiel.»
Simons herablassender Tonfall ging Sarah auf die Nerven; sie tat ihr Bestes, um das zu ignorieren. «Professor? Ich nehme nicht an, dass Sie das Symbol überprüft haben, das ich Ihnen geschickt habe?»
«Natürlich habe ich es überprüft. Die Jungs von der Theologie halten es ganz und gar nicht für ein Crux ansata. Da waren sie sehr bestimmt. Das koptische Kreuz hat nur einen Kreis. Ein Doppelkreis wie dieser besitzt keinen theologischen Symbolismus. Ideogramme konzentrischer Kreise wurden zwar auf prähistorischen Felsmalereien in der Sahara gefunden, aber jene waren heidnische Symbole.»
«Aber was ist mit dem Kreuz? Das hat bestimmt religiöse Signifikanz. Besonders wenn man seine Nähe zum Kloster in Betracht zieht.»
Simon schnaubte. «Sarah, hören Sie auf meinen Rat und vergessen Sie das Ganze. Ihre momentane Aufgabe fordert Ihnen genug ab. Sie haben keine Zeit für Abstecher. Verstehen Sie das?»
Das verstand sie ganz ausgezeichnet, aber ihrer Faszination konnte sie sich dennoch nicht verweigern. Sie legte auf, genervt darüber, dass der Professor sie nach all den Jahren noch immer wie ein Kind behandelte. Er hatte sie zwar schon als Kind gekannt – er und ihr Vater, Sir Richard Weston, waren Sandkastenfreunde gewesen, Studienkollegen an der Universität, und Forscher in den Hochregionen des Himalajas –, aber das gab ihm nicht das Recht, sie herablassend und ewig belehrend zu behandeln.
So vertraut er mit ihrem Vater war, hatte sich Simon doch nie für Sarah erwärmen können. Tatsächlich betrachtete er sie als eine Art Querdenker. Als er darauf bestanden hatte, dass sie die Aksum-Expedition leiten sollte, und damit der gängigen Meinung zuwiderhandelte, welche einen routinierteren, bevorzugt männlichen Experten am Steuer eines derart wichtigen Projekts verlangte, war sie selbst verblüffter gewesen als jeder andere. Sie hatte sich gefragt, ob ihr Vater irgendetwas damit zu tun hatte, ihre Bedenken jedoch für sich behalten. Sie wollte es sich mit dieser Magie nicht verscherzen – welcher Art auch immer diese sein mochte –, die ihr die Möglichkeit verschafft hatte, auf die sie so lange warten musste.
Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht und erneuerte den Verband an ihrem genähten Arm. Eines Tages mochte ihre Neugier ihr Untergang sein, aber zurückhalten konnte sie sich nicht.
Sie vernahm ein Klopfen an der Tür.
«Sarah? Hier ist Aisha. Geht es Ihnen gut? Die Crew wartet schon seit einer Stunde auf Anweisungen.»
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