Dieser nickte ihm zu, sagte aber nichts. Ein schmales Lächeln überflog seine wettergegerbten Lippen und sein Gesicht verzerrte sich, um ein Netzwerk von Falten zu enthüllen.
«Wer bist du?», krächzte der Fremde auf Englisch. «Was für ein Ort ist das? Warum bin ich hier?»
Der Mann sagte etwas in einer unverständlichen Sprache, tauchte Gaze in Flüssigkeit, und wischte ihm über die Stirn.
Er begann zurückzuweichen, es mangelte ihm jedoch an Kraft, um sich zur Wehr zu setzen.
Der Mann reichte ihm einen kleinen Tontopf, deutete auf seine eigenen Lippen und sprach dann wieder.
Noch immer verwirrt wandte der Fremde seinen Kopf ab. «Lass mich in Ruhe, alter Mann. Geh und kümmere dich um deine Ziegen oder so etwas.»
Der Mann schlüpfte stumm aus dem Zelt.
Mit geschlossenen Augen versuchte der Fremde, eine Erinnerung heraufzubeschwören. Wahllose Bilder rasten durch seinen Verstand und es war unmöglich, aus ihnen schlau zu werden. Er sah Gesichter – Gesichter, die er nicht erkannte, deren Züge von der grausamen Hand des Gedächtnisses ausgelöscht waren. Metallische Stimmen dröhnten in seinem Kopf, verspotteten ihn mit ihrer unheimlichen Tonhöhe. Zuerst sah er Dunkelheit, dann ein grelles, orangefarbenes Licht, gestaltlos und stürmisch wie Feuer. Das Bild ließ sein Blut gefrieren. Die Stimme einer Frau erhob sich hinter der Dunkelheit. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie klang ruhig und tröstlich. Sie sagte ein einzelnes Wort: Gabriel.
Er wusste mit aller Bestimmtheit, dass dieser Name sein eigener war, doch seine Erinnerung betrog ihn um alles andere. Kein Maß an Anstrengung brachte die Rückbesinnung darauf, wer und was Gabriel gewesen war.
Zur Mittagsstunde brannte die subsaharische Sonne die Erde zu feinem Pulver. Der Boden war brüchig und trocken wie altes Pergament. Jedes Mal, wenn eine Schaufel sich knirschend in die Erde bohrte, stieg der Staub in großen Wirbeln auf und hing in der Luft. Sarah Weston machte eine Pause vom Graben und wischte sich Schmutz und Schweiß von ihrer Stirn. Sie war erschöpft, da sie seit dem Morgengrauen gearbeitet hatte, so wie sie es jeden Tag in den letzten fünf Monaten getan hatte, um etwas – irgendetwas – zu finden, das ihre Theorie bestätigte, unter der heißen Erde und dem Granit läge eine königliche Totenstatt, wie sie ihresgleichen kein Archäologe in diesem Teil der Welt je unberührt vorgefunden hatte.
Aksum. Jenes äthiopische Großreich, welches vor Jahrhunderten das einflussreichste Königreich in Ostafrika und Arabien gewesen war. Das sagenumwobene Ahnenland der Königin von Saba. Die Heimat von Herrschern und mächtigen Kriegern und unermesslichen Reichtums, alles begraben in weitläufigen Labyrinthen unterhalb der zerbrochenen Stelen, welche wie stumme, immerwährende Soldaten an den Ausläufern des Sankt-Georgs-Bergs standen.
Sarah glich ihre Koordinaten mit der Anzeige des Georadars ab. «Hier muss es sein.» Sie grub ihre Schaufel in die Erde.
Diese Routine war ihr nicht neu. Als Archäologin der Universität von Cambridge war sie auf Expeditionen rund um die Welt gesandt worden, von den Grabmälern Ägyptens zu den Dschungeln Guatemalas. Bei der Arbeit vor Ort würde niemand jemals vermuten, dass sie eine Aristokratin war; die einzige Tochter eines britischen Baronets und einer amerikanischen Schauspielerin, die genauso berühmt für ihre Schönheit gewesen war, wie auch für ihren Hang zu Wodka und Valium, die ihr Leben gefordert hatten.
Ungeachtet des allbekannten Namens Weston hütete Sarah ihr Privatleben und unternahm große Anstrengungen, um ihrer Crew gleichzustehen. Sie war die Erste, die vor Sonnenaufgang ihre Ärmel aufrollte, und die Letzte, die ihre Spitzhacke nächtens aufhing.
Sie sah kein bisschen wie die Debütantinnen aus, mit denen sie aufgewachsen war. Sie versuchte nicht, ihre herabfallenden blonden Locken zu bändigen; stattdessen steckte sie ihre Haare unter billige Bandanas, die sie von Straßenhändlern kaufte. Ihre Figur, so schlank und geschmeidig wie die eines Windhundes, versteckte sie unter ausgebeulten, abgetragenen Khakihosen und ausgefransten T-Shirts von Marks & Spencer. Ihre Augen hatten die Klarheit und Farbe von Gletschereis, doch niemand konnte das wissen, da sie die große schwarze Fliegersonnenbrille selten absetzte, die sie seit ihrem Aufbaustudium besaß. Sie gab sich auch keine besondere Mühe, die dunklen Halbmonde von den Spitzen ihrer Fingernägel zu entfernen. Der «vornehme Schmutz», wie sie ihn nannte, erinnerte sie an ihre Verbindung zur Erde und zu den Menschen, die vor ihrer Zeit darauf gewandelt waren.
Sie arbeitete an der Ausgrabung mit wie jeder andere, obwohl sie die Expedition leitete – zum ersten Mal in ihren fünfunddreißig Lebensjahren hatte sie diese begehrte Chance erhalten. Sie wusste es besser, als sich aufs hohe Ross zu setzen; es war zu einfach, herunterzufallen oder gestürzt zu werden – wie sie es auf die harte Tour von ihrer Mutter gelernt hatte.
«Das ist so frustrierend», meinte Aisha, eine Austauschstudentin von der Al Akhawayn-Universität in Marokko. «Es sind jetzt, was, fünf Monate? Man sollte meinen dürfen, dass wir mittlerweile fündig wären.»
«Geduld, Mädchen», sagte Sarah, ohne aufzusehen. «Das ist kein Indiana-Jones-Film. Die erste Lektion der Archäologie: Egal wie lange es dauert, du lässt nicht locker.»
Aisha richtete ihren Hidschab mit langen, dunklen Fingern. Sie seufzte mit der Ungeduld der Jugend und nickte in Richtung der Berge jenseits der Ausgrabungsstätte. «Glauben Sie, dass etwas da draußen ist?»
Eine leichte Brise wisperte über die ausgedörrte Landschaft. Sarah verengte die Augen und blickte zum Horizont. «Ich weiß es.»
«Ist das Ihre professionelle Meinung oder das berühmte Bauchgefühl, das von Archäologen erwartet wird?»
«Ein bisschen von beidem, nehme ich an. Sieh mal, wenn es leicht wäre, dann wäre die Stätte aller Wahrscheinlichkeit nach längst geplündert worden. Die Tatsache, dass wir so lange brauchen, um sie zu finden, ist genau genommen ein gutes Zeichen. Was immer da unten ist, wurde sehr wahrscheinlich seit fünfzehn und mehr Jahrhunderten nicht mehr von menschlichen Augen gesehen.»
«Nur ein Brite würde das für sexy halten.»
Sarah lachte und klopfte dem Mädchen auf die Schulter. «Na los. Lass uns in die Stadt fahren und zu Mittag essen. Ich sterbe vor Hunger.»
***
Die moderne Stadt Aksum zeigte nichts ihrer einst bedeutsamen Identität. Von allen vergessen – außer den Gläubigen, welche Wache über die Kirchen standen, und den Bauern, welche darauf beharrten, der wasserarmen Erde ihren Lebensunterhalt abzuringen – stand sie da wie ein trauriges Mahnmal längst verlorenen Glanzes.
Dennoch nannte die Stadt siebenundvierzigtausend Einwohner ihr Eigen, von denen die meisten zur Mittagszeit unterwegs waren. Der Ort schwirrte vor Geschäftigkeit. Das würzige Aroma köchelnder Wots strömte aus lehmigen Innenhöfen. Alte zahnlose Frauen, zu schwach zum Kochen, saßen auf Bänken am Wegesrand und spannen Baumwolle für die Webstühle. Kinder rannten unbeaufsichtigt über die halbbefestigten Straßen und kreischten voller Freude, während sie einander mit dornigen Akazienzweigen nachjagten. In weiße Baumwollgewänder gehüllte und das hagere Antlitz der Armut tragende Dörfer bummelten durch die Stadt, zu keinem weiteren Zweck als die Langeweile zu mildern, welche in einem armen, abgelegenen Bauerndorf unvermeidbar war.
Sarahs liebste Küche war Tigrinya, ein chaotischer Stand am Straßenrand, der mittags hunderte von Äthiopiern verpflegte. Das Essen war nicht besonders gut, aber die Energie war unbezahlbar. Alle versammelten sich hier, um sich zu treffen und Klatsch zu teilen. Dieser Tag war wie jeder andere: Es gab keinen Sitzplatz, Einheimische stritten mit dem Koch über die Wartezeit für ihr Essen, der Gestank heißen Öls tränkte die Luft, amharische Musik plärrte aus einem altmodischen Gettoblaster aus den Achtzigerjahren.
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