Es wäre verlogen, an dieser Stelle nur Positivbeispiele anzuführen. Bei allem Bewusstsein und bei allem Bemühen sind sicher nicht hundert Prozent aller UFA-Produktionen in den 27 Jahren meiner Geschäftsführung dem Ziel der Inspiration und der gesellschaftlichen Verantwortung vollumfänglich gerecht geworden. So wie von Axel Springer das Zitat überliefert ist, er habe »wie ein Hund« unter manchem gelitten, was zu seinen Lebzeiten in der Bild -Zeitung stand, so habe auch ich gelegentlich – zum Glück sehr selten mit Konsequenzen für die Programme – unter ein paar Extremen unseres Outputs gelitten. Vor allem dann, wenn die Darstellung einzelner Protagonisten in den Casting-Shows oder in einem Format wie Schwer verliebt , einer Dating-Doku-Soap für übergewichtige Menschen, meine persönliche Geschmacksgrenze überschritt. Aber natürlich gibt es in moralischen Fragen meist kein Schwarzweiß, sondern viele Grautöne und noch mehr unterschiedliche Auffassungen: Was ist noch zulässig, was nicht mehr? Wo erfolgt ein Tabubruch, der eine gewollte gesellschaftliche Debatte auslöst? Und wo einer, der nur Menschen oder Minderheiten bloßstellt? Wir haben das, wie schon erwähnt, regelmäßig intern diskutiert, besonders intensiv aber auch immer mit den jeweiligen Redaktionen in den Sendern. Denn Fernsehen darf ethische und moralische Wertvorstellungen nicht ignorieren. Einen eindeutigen Konsens über Trennlinien gibt es allerdings in der Gesellschaft nicht. Daher sollte man als Fernsehmacher mit Sorgfalt planen und auf Bedenken reagieren, wenn es darum geht, Grenzen zu verschieben und Diskurse anzustoßen.
In einem Fall jedoch haben wir komplett danebengegriffen. Das muss man mit Abstand so klar und schonungslos feststellen. Im Jahr 2004 produzierten wir für ProSieben The Swan – endlich schön , eine Reality-Show, in der 16 Frauen, die mit ihrem Aussehen unzufrieden waren, durch Schönheitsoperationen, Fitnesscoaching und Persönlichkeitsberatung verwandelt wurden. Unsere amerikanische Schwestergesellschaft hatte dieses Format entwickelt und mit großem Erfolg auf Sendung gebracht. Innerhalb des Fremantle-Vorstands führten wir lange, leidenschaftliche Diskussionen darüber, ob wir dieses Programm überhaupt in andere Märkte exportieren sollten. Die männlichen Board-Mitglieder waren dabei eher zurückhaltend, während die weiblichen weniger Bedenken hatten und auf die Erfolge in den USA sowie die Möglichkeit zur Selbstfindung der teilnehmenden Frauen verwiesen. Obwohl wir das ursprüngliche Konzept mit Blick auf die kulturellen Bedingungen in Deutschland etwas veränderten, hätte ich damals besser entscheiden sollen, auf den Produktionsauftrag zu verzichten. Soziale Anerkennung durch eine selbstdefinierte Physis, mehr Freunde finden mit gestrafften Wangen und aufgespritzten Lippen: Das waren nach meiner Einschätzung fragwürdige Botschaften eines Unterhaltungsformats, die zudem das Risiko einer Imageschädigung für Sender und Produzent bargen. Wir haben The Swan nach einer Staffel beendet und nie wieder etwas Vergleichbares versucht.
Mein weiter Bogen von Holocaust bis The Swan zeigt zweierlei: wie komplex, vielfältig und unvermeidbar unsere Verantwortung ausfällt, wenn wir Geschichten für ein breites Publikum erzählen; aber ebenso, dass wir es hier nicht nur mit gesellschaftlicher Pflichterfüllung zu tun haben, sondern auch mit einem geschäftlichen Imperativ. Für mich steht es außer Frage, dass der langfristige Erfolg von Medienmarken maßgeblich von der Authentizität und Glaubwürdigkeit ihrer Inhalte abhängt. Gerade in der schier unübersichtlichen Angebotsvielfalt des digitalen Medienzeitalters ist das eine große Chance für zuverlässige Marken, die ein klares Profil haben. Ein Profil, das die soziale Verantwortung sichtbar mit einbezieht und das auf dem Boden eines klar umrissenen Wertekosmos steht.
Die UFA wird 100: Wolf Bauer und sein Nachfolger Nico Hofmann begrüßen im September 2017 Politgrößen wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die Festrede hält.
Filmkunst von Weltgeltung: Ernst Lubitschs Carmen (1918) mit Pola Negri und Fritz Langs Metropolis (1927) mit Brigitte Helm zählen zu den frühen Meilensteinen der alten Ufa.
Bewegte Bilder mit Wirkungsmacht: Das Experiment 4 Wochen ohne Fernsehen (1976) und die Serie Holocaust (1978) lenken Wolf Bauers Blick auf die Verantwortung der TV-Macher.
Früher Mentor: Hanns Werner Schwarze, Erfinder von Kennzeichen D und Leiter des Berliner ZDF-Studios von 1963 bis 1988, gibt dem jungen Wolf Bauer seinen ersten Job als Reporter.
Gemeinsame Erfolgssträhne mit Action-Comedy: Wolf Bauer und Dieter Hallervorden drehen 1985 im Rahmen ihrer »Didi«-Filmreihe Didi auf vollen Touren , hier am Set in Südfrankreich.
»Ich brauche mehr Details«: Die Verwechslungskomödie Didi – Der Doppelgänger (1984), in der Hallervorden einen Baulöwen und einen Kneipenwirt spielt, genießt bis heute Kultstatus.
Junge Zarin: Die 25-jährige Catherine Zeta-Jones spielt 1995 Katharina die Große in einer Produktion der UFA International, die Holocaust -Macher Marvin J. Chomsky inszeniert.
Filmerfolge auf Englisch: Die Thriller Contaminated Man (2000) mit William Hurt und Hostile Waters (1997) mit Rutger Hauer stehen für die Koproduktionsstrategie der UFA International.
Grundpfeiler der UFA-Strategie: 2002 kann die Unternehmensgruppe ihr 85-jähriges Bestehen mit 17 langlaufenden Programmmarken feiern. Als Wolf Bauer 2017 ausscheidet, sind es 26.
Großer Umsatzsprung: Über Jahrzehnte gehört die UFA zu den kleinen Produzenten. Das Wachstum beginnt 1991 und wird durch neue Genres im jungen Privatfernsehen ausgelöst.
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