Ich hatte Angst, dass sie ohne mich abfahren würden. Ich rief nach Mr. Oates, ich wieherte und schnaubte, so laut ich nur konnte. Aber er beachtete mich nicht. Und so rannte ich am Zaun auf und ab und jammerte wie ein Fohlen nach seiner Mutter. Aber dieses Mal – zum ersten Mal – kam Mr. Oates nicht zu mir.
Am nächsten Morgen war die Katastrophe für mich perfekt. Der Anleger war leer, das Schiff voll beladen, und schwarzer Rauch quoll aus dem Schornstein. Ich spürte einen großen Schmerz in meiner Brust. Es wäre schwer genug, Mr. Oates davonsegeln zu sehen, aber noch viel schlimmer, wenn er sich nicht einmal von mir verabschieden würde.
Doch das Schiff segelte nicht davon. Stattdessen erhob sich plötzlich aus den Gepäckstapeln an Deck eine riesige Kiste. Düstere Erinnerungen wurden in mir wach, aber ich rannte nicht davon. Im Gegenteil, ich trabte näher, weil ich der Erste sein wollte, der an Bord gebracht wurde.
Die Männer suchten sich Hackenschmidt aus. Sechs von ihnen rangen ihn nieder und schoben ihn in die Kiste, und die ganze Zeit trat und schlug er um sich. Mit Christopher, der danach kam, war es das Gleiche. Dann war ich an der Reihe. Ein großer Matrose namens Taff Evans fütterte mir einen Keks, während er mich in die Kiste führte. «So ist’s richtig», sagte er stolz. «So wird das gemacht.»
Er rieb mir die Ohren, klappte die Tür zu, und dann ging es aufwärts. Die Männer lachten, als ich nach unten schaute und dabei an meinem Keks kaute.
Mr. Oates wartete auf dem Schiff auf mich. «Da ist ja mein Junge», sagte er, als er mich aus der Kiste holte. «Mittschiffs», sagte er zu einem Matrosen, der mich in meine Box brachte. Wir gingen über das Deck, das mit Kisten und Säcken so vollgestellt war, dass wir nur im Gänsemarsch hintereinander gehen konnten. Ich stand mit drei anderen Ponys in einer Reihe, mit einer Zeltleinwand als Dach. Ich konnte nach oben in Richtung Bug blicken oder über das Dach des Kühlhauses, am Schornstein vorbei zum Heck. Ich musste zwar an Packkisten und Gerätschaften vorbeischauen, aber es war trotzdem ein angenehmer Anblick. Andere Ponys, die nicht so viel Glück hatten, wurden unter Deck ins Dunkel gebracht.
Als das letzte Pony an Bord war, kamen die Hunde kläffend über die Insel gelaufen. Ich hatte gedacht, ich wäre sie los, aber wieder einmal wurden sie rings um mich herum angekettet. Einer lag direkt vor meiner Box, ein anderer nur ein paar Schritte entfernt, ein paar hatten es sich auf dem Dach des Eishauses gemütlich gemacht. Ich hoffte nur, dass ihre Ketten robust und stark waren, und wünschte, sie würden aufhören zu heulen.
Unter mir fing die Dampfmaschine an zu stampfen. Bauschige Rauchwolken quollen aus dem Schornstein wie ein drohendes Gewitter. Mit einem schrillen Pfiff und einem Jubelruf von der Küste aus fuhren wir los. Captain Scott schrie Befehle, die Männer hievten an den Seilen, und mit jeder Sekunde nahm das Schiff Fahrt auf. Das Hämmern der Maschine ließ alles vibrieren und rattern und klappern. Ich sah, wie der Captain seiner Frau zuwinkte, die an Land geblieben war. Dann drehte er sich weg. Nicht lange, und wir hatten den Schutz des Landes hinter uns gelassen und erreichten das offene Meer.
Obwohl das Rollen und Stampfen nicht enden wollte, und trotz der Hunde in meiner Nähe gehören die ersten Tage unserer Reise zu den glücklichsten meines Lebens.
Von allen neunzehn Ponys war ich der Liebling der Matrosen. Sie gaben mir den Namen James Pigg, zu Ehren eines Mannes, den es nur in einem Buch gab. «Ein liebenswürdiger Halunke», sagten sie. Manchmal riefen sie mich Jimmy Pigg, manchmal einfach nur James. Und sie sagten es jedes Mal auf eine fast zärtliche Art, immer mit einem Lächeln und einem Klaps auf meine Schultern. Oft gab es noch einen Keks dazu, der mir insgeheim zugesteckt wurde, damit die anderen Ponys nicht eifersüchtig wurden. «Du bist ein guter Junge, James Pigg», sagten sie.
Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Namen. In der Vergangenheit war ich immer nur «das Pony» gewesen, nur ein Ding , das einen Karren oder einen Baumstamm zog. Aber jetzt fühlte ich mich wichtig.
Wir alle bekamen Namen. Ein faules altes Pony links von mir wurde Weary Willy genannt, ein kleines rechts von mir Jehu und das neben ihm Nobby. Ich hörte, wie andere Namen von unten durch die Wände gerufen wurden, wo die restlichen Ponys untergebracht waren. Ich sah sie nicht, aber ich erfuhr ihre Namen: Snatcher und Snippets, Bones und Guts und so viele andere, dass ich mir nicht alle behalten konnte.
Manchmal hörte ich die Matrosen singen, und das Schiff fühlte sich wie ein sicherer und glücklicher Hafen an. Aber je weiter wir nach Süden kamen, desto schneidender wurde der Wind, desto aufgewühlter das Meer. Ich sah die Männer ängstliche Blicke in den Himmel schicken, der sich mit gefährlich aussehenden Wolken füllte.
Der Sturm war entsetzlich. Es fing an mit einem Wind, der so laut heulte wie ein Hund. Dann türmten sich die Wellen immer höher und höher auf, und es dauerte nicht lange, da rollte und schlingerte das Schiff heftig. Ich musste darum kämpfen, auf den Beinen zu bleiben, während ich in meiner Box hin und her geworfen wurde.
Das Schiff legte sich so weit zur Seite, dass ich dachte, es würde umkippen. Wellen krachten über die Reling und schäumten über das Deck. Sie leckten über das Kühlhaus und brachen sich an meiner Box. Plötzlich stand ich bis zum Bauch im Wasser, das nur langsam wieder ablief.
Den Hunden erging es noch schlechter. Die Wellen begruben sie unter sich, und sie kämpften an ihren Ketten um das nackte Überleben. Sie kläfften und heulten nicht mehr. Sie wimmerten wie kleine Vögel und blickten mit angsterfüllten Augen um sich. Selbst mir taten sie leid.
Der Wind nahm noch zu. Die Wellen stiegen immer höher. Packkisten und Säcke mit Kohle rutschten hin und her, schlugen an die Reling und an das Deckhaus.
Dann brach ein Stück der Reling ab. Es trudelte hinunter ins Meer, und ein Hund, der an das Holz angebunden war, paddelte ein paar Sekunden lang mit aller Kraft, bevor er unterging. Er tauchte wieder auf und schwamm, was das Zeug hielt, doch dann versank er endgültig.
Das Schiff würde untergehen, daran hatte ich keinen Zweifel. Es suhlte sich in den Wellen wie ein großes Schwein in einer Schlammkuhle. Ich konnte die Angst der Männer riechen, aber sie arbeiteten unbeirrt weiter. Nur ein paar von ihnen waren Matrosen. Die meisten waren Wissenschaftler und Doktoren. Es waren auch ein Koch und ein Fotograf unter ihnen, der schon an ruhigen Tagen dauernd seekrank war. Aber jeder einzelne Mann legte Hand an, um das Schiff zu retten. Und sie taten ihr Möglichstes. Tonnenweise schaufelten sie Kohle über die Reling ins Meer, pumpten Wasser aus dem Rumpf und trugen es in Eimern nach oben.
Ein Regenbogen erschien am Himmel, während sie noch schufteten. Es war der schönste Regenbogen, den ich je gesehen hatte. Riesig und strahlend stand er über uns. Einer der Männer sah ihn und stieß seinen Nachbarn an, und gleich darauf starrten alle nach oben. Dann schlug die nächste Riesenwelle über dem Schiff zusammen, und die Arbeit begann aufs Neue.
Als das Schiff sich ruckartig zur Seite warf, verlor ich das Gleichgewicht. Meine Vorderbeine rutschten unter mir weg, und ich fiel hart auf die Holzbohlen. Weder konnte ich aufstehen noch mich hinlegen, und ich dachte, jeden Moment würden mir die Beine brechen. Ich hörte eine Welle an Deck krachen, und plötzlich strömte Wasser in meine Box.
Ich geriet in Panik. Ich trat um mich, schrie laut aus Angst und Schmerz. Die See schlug brüllend auf mich ein, über mir zusammen, und der kleine Jehu machte einen Satz zur Seite, um von meinen wild wirbelnden Hufen nicht getroffen zu werden.
Ein Matrose sah mich, ein Mann namens Thomas Crean. Er rief um Hilfe, und Mr. Oates kam angerannt. «Halte durch, Junge», sagte er, während er in die Box kletterte.
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