Hackenschmidt und Christopher schnaubten ängstlich. Sie kanterten auf die gegenüberliegende Seite der Wiese, und ein paar der anderen Ponys folgten ihnen. Aber ich blieb stehen, wo ich war, keine drei Meter von dem Mann entfernt. Ich mochte ihn auf Anhieb, denn er lächelte, als er mich ansah.
Über seine Schulter sah ich Mr. Meares auf uns zukommen. Seine rosaroten Beine leuchteten in der Sonne. «Was halten Sie von ihnen, Titus?», rief er dem Neuankömmling zu.
Der Mann nahm die Pfeife aus dem Mund und sagte laut, ohne den Kopf zu wenden: «Sie sehen erstklassig aus.»
Er hatte die freundlichste Stimme, die ich je gehört hatte, und eine so mitfühlende Ausstrahlung, dass sie ihn buchstäblich einhüllte, wie der Rauch aus seiner Pfeife. Ich wollte ihn richtig begrüßen, ihn ausgiebig beschnuppern und mich an ihm reiben, aber ich ließ Vorsicht walten, senkte den Kopf und scharrte mit den Hufen durch das Gras. Ich schnaubte ihn sanft an, um ihm zu zeigen, dass ich keinen Ärger machen wollte.
Er rührte sich nicht. Er blieb einfach an den Zaun gelehnt stehen, mit der Pfeife in der Hand, und beobachtete mich mit hellen, ozeanblauen Augen.
Ich blieb vor ihm stehen, so nah, dass er mich anfassen konnte, wenn er es wollte. Eine geraume Weile schauten wir einander nur an. Dann beugte er sich plötzlich vor.
Er war so flink wie eine Schlange. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte er mein Halfter gepackt. Ich wollte zurückweichen.
«Ganz ruhig, mein Junge», sagte er, als er merkte, wie ich zitterte. «Dir passiert nichts, versprochen.»
Ich kam näher. Ich stupste ihn an, und er lächelte wieder. Dann glitten seine Augen über die Narben an meinen Schultern. Er betastete sie, und ich zuckte nicht einmal zusammen.
Dieser Mann war Lawrence Oates, ein Soldat, ein Hauptmann der Kavallerie. Aber niemand nannte ihn bei seinem richtigen Namen. Für die Männer war er nur Titus oder «der Soldat». Aber mir kam er so wenig wie ein Kämpfer vor, dass er für mich immer Mister Oates blieb.
An diesem Tag blieb er nicht lang. Nachdem er mich getätschelt und mir die Wange gerieben hatte, ging er mit Mr. Meares davon. Gemeinsam schlenderten sie zum Schiff zurück. Von da an hielt ich die ganze Zeit nach ihm Ausschau und stellte mich so oft es ging an dieselbe Stelle am Zaun. Aber es dauerte drei oder vier Tage, bevor ich ihn wieder auf mich zukommen sah.
Er überraschte mich, weil ich erwartet hatte, dass er vom Schiff her kommen würde, aber stattdessen tauchte er auf der Straße auf, inmitten einer fröhlichen Gruppe von Leuten.
Es war ein schöner Tag. Die Wolken hingen am Himmel, sie sahen aus wie Schaum auf einem Fluss. Bienen summten im Klee, und die Menschen schlenderten gemächlich durch die Sonne, wobei sie wie ein Haufen Krähen schwatzten.
Unter ihnen befand sich ein Mann mit einem Spazierstock, einer Mütze mit einem schimmernden Abzeichen und einem Mantel mit Knöpfen, die in der Sonne wie runde Goldstücke glänzten. Die anderen umringten ihn, waren mal vor ihm, mal hinter ihm, wie eine Schar kleiner Vögel. Mr. Oates ging dicht hinter ihm, und an seiner Seite war eine Frau, das schönste Wesen, das ich je gesehen hatte. Ihr weißes Kleid reichte bis zum Boden, und ich fragte mich, ob sie überhaupt Beine hatte, denn sie schien wie eine Wolke über das Gras zu schweben. Hinter den anderen ging der russische Jockey, der Führungsseile über seine Schultern gelegt hatte.
Der Mann in der Mitte war Captain Scott. Er schwang den Spazierstock so munter in der Hand, wie ein Hund mit dem Schwanz wedeln würde. In zehn Metern Entfernung blieb er stehen und starrte mich und die anderen Ponys an. Er schob die Mütze auf seinen Hinterkopf.
Seine Begleiter blieben ebenfalls stehen. Mr. Meares trat zu ihm; er strahlte vor Stolz. Mr. Oates blieb zurück, obwohl ich es genossen hätte, wenn er zu mir gekommen wäre und mich gestreichelt hätte.
Captain Scott betrachtete uns ausgiebig. Ausnahmsweise hielten wir alle still, keiner muckte auf. Sogar Hackenschmidt fraß friedlich Gras, obwohl er dabei äußerst wachsam blieb. Wir boten bestimmt einen beeindruckenden Anblick: neunzehn weiße Ponys auf einer grünen Wiese voller Gras und Klee.
«Prächtig», sagte Captain Scott. Er sah sehr zufrieden aus. «Das ist schon was, finden Sie nicht auch, Titus?»
«Scheint so», sagte Mr. Oates. «Ich konnte sie noch nicht unter die Lupe nehmen.»
«Na, dann besser heute als morgen», sagte Captain Scott.
Die ganze Gesellschaft trat durch das Gatter auf die Weide. Der russische Jockey trieb vier Ponys zusammen, einschließlich mich. Er klinkte die Führleinen an unsere Halfter und stellte uns in einer engen Reihe auf, als Captain Scott und die anderen zu uns traten. Die Dame hielt Abstand und achtete darauf, dass immer ein Mann zwischen ihr und den Ponys stand. Aber Mr. Meares und Captain Scott kamen geradewegs auf uns zu, und dann lächelte mich Mr. Oates mit der Pfeife zwischen seinen Zähnen rundheraus an. «Da ist ja mein braver Junge», sagte er.
Ich war entzückt, dass Mr. Oates sich an mich erinnerte. Ich begrüßte ihn mit einem Schnauben, einem kurzen Wiehern und einem munteren Ruck mit dem Kopf. Aus irgendeinem Grund mussten die Männer darüber lachen, und die Dame rief: «Was für ein lieber Kerl!»
Ich war der Erste, den Mr. Oates begutachtete, während Captain Scott die Führleine hielt. Er hob meine Füße hoch und betastete meine Hufe, fühlte meinen Bauch und meine Brust. Jetzt lächelte er nicht mehr; vielmehr runzelte er die Stirn. Er ging zum nächsten Pony und dann zum nächsten, bis er uns vier untersucht hatte.
Captain Scott wurde ungeduldig. «Nun?», fragte er.
«Sie hatten ein schweres Leben», sagte Mr. Oates seufzend. «Und ein langes.»
«Wollen Sie damit sagen, dass sie alt sind?», fragte der Captain.
«So alt wie Methusalem», sagte Mr. Oates, «und völlig ausgebrannt. Die meisten sind Klepper.»
Klepper. Dieses Wort hörte ich zum ersten Mal. Aber ich wusste gleich, dass es nicht gut war, ein Klepper zu sein. Die Ponys neben mir waren wirklich alt. Ihr Fell hatte kahle Stellen, ihre Rücken waren krumm, die Zähne abgeschliffen. Ich fragte mich, ob Hackenschmidt ein Klepper war, weil er so wild war. Oder Christopher, weil er so gemein und dickköpfig war.
Mr. Meares wirkte enttäuscht. Und Captain Scott war sehr ungehalten. «Sie gehen ein bisschen hart mit ihnen ins Gericht, finden Sie nicht?», sagte er.
Mr. Oates schüttelte den Kopf. «Nicht im Mindesten.»
«Nun, ich glaube, dass sie ihre Sache sehr gut machen werden», sagte Captain Scott. «Sie sind genauso gut wie die von Shackleton, da bin ich mir sicher.»
Noch ein neues Wort. Ich war froh, mindestens genauso gut zu sein wie ein Pony aus Shackleton, wo auch immer das auch sein mochte.
«Sie werden ihre Aufgabe erfüllen», sagte Captain Scott.
Ihre Aufgabe. Ich spitzte die Ohren, in der Hoffnung, mehr darüber zu erfahren. Aber der Captain lief mit Mr. Oates weiter, und die anderen folgten ihnen. Und so stellte ich mich ab von nun an, so oft es ging, an den Rand der Weide und versuchte, bedeutsame Worte aufzuschnappen. Das alles war mir ein absolutes Rätsel.
Als die Männer das Schiff ausluden, hoffte ich, sie würden auf der Insel bleiben. Die Sachen, die zum Vorschein kamen, waren für kaltes Wetter gedacht: große Schlitten, Zelte, wollene Kleidung. Aber sie entluden das Schiff nur, um Reparaturen durchzuführen, dann brachten sie die Sachen wieder an Bord. Die Arbeit dauerte viele Tage, während derer ich meistens im Gras lag und jedes winzige Kleeblatt fraß, das ich erreichen konnte, ohne mich zu bewegen. Jeden Morgen kam die Dame mit einem Sonnenschirm, setzte sich zu mir und kraulte mir die Ohren, während ich an der grünen Köstlichkeit knabberte.
Aber irgendwann war die Arbeit erledigt, und eines Abends gingen alle Männer an Bord.
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