Ich war froh, ihn los zu sein, aber gleichzeitig voller Angst, denn bislang hatte jede Veränderung für mich auch einen Abstieg bedeutet. Immer war es schlimmer gewesen als zuvor. Der Mongole packte mein Halfter und zerrte mich über das Marktgelände. Sein Haar war zu einem unordentlichen, schmierigen Zopf geflochten, der in seinem Nacken hin und her schaukelte.
Ich dachte, dass man mich zu den anderen kräftigen Ponys bringen würde, die wieder zur Arbeit in den Wald gehen konnten, doch stattdessen steckte man mich zu der bejammernswerten kleinen Gruppe, für die niemand einen Blick übrig hatte. Ich wurde zwischen den Alten und Kranken angebunden, zwischen denen, die verrückt geworden waren, und jenen, die man niemals hatte zähmen können. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sie kaufen würde, und ich fragte mich zum ersten Mal, was mit ausgelaugten, müden Ponys passierte. Ließ man sie im Wald frei, damit sie zu ihren Herden zurückkehren konnten? Kamen sie auf die Weide eines Bauern, wo sie nichts tun mussten außer fressen und schlafen? Oder erwartete sie ein anderes Schicksal, das ich mir nicht vorstellen konnte? Ich hoffte das Beste und befürchtete das Schlimmste.
Den ganzen Tag standen wir in der Sonne, in der Hitze und dem Staub. Viele Leute gingen vorbei, und der Mongole wurde immer lauter und hektischer. Er wedelte wie wild mit den Armen und fing an, die Passanten an den Ärmeln zu packen.
Die meisten schüttelten ihn mit einem verächtlichen Blick ab, als ob der schmutzige kleine Mongole nur ein weiterer Affe im Käfig war. Der einzige Mann, der stehen blieb und mich musterte, war merkwürdig blass und rosig. Er war Engländer, der erste, den ich je zu Gesicht bekommen hatte. Begleitet wurde er von einem russischen Jungen.
Der Engländer begutachtete mich von Kopf bis Fuß. Er kam näher und hob seinen Arm. Ich zuckte zurück. Doch statt mich zu schlagen, erstarrte der Engländer. Er blieb mit erhobener Hand stehen, bis ich aufgehört hatte zu zittern. Dann schaute er mir geradewegs in die Augen.
«Schon gut», sagte er sanft. «Ich werde dir nichts tun. Versprochen.»
Ich spürte Mitgefühl in seiner Stimme, ein Ton, den ich noch nie gehört hatte. Wieder streckte er den Arm aus, ganz langsam diesmal, und ich versuchte, nicht zu zittern, weil ich Angst hatte, dass ihn das wütend machen könnte. Ich ließ mir von ihm die Nase streicheln. Ich ließ zu, dass er mich zwischen den Ohren tätschelte und mit seinen Fingern durch meine Stirnlocke kämmte. Anfangs wollte ich weglaufen. Aber er sagte «Ist ja gut» in dieser ruhigen Stimme, und so schloss ich einfach nur die Augen und bebte leicht.
Der Mongole wirkte überrascht. Dann packte er den Jungen am Arm, und die beiden fingen an, auf Russisch aufeinander einzureden. Sie schwenkten die Arme, sie schrien, aber der Engländer streichelte mich unbeirrt weiter. Als er die Hand wegzog, war ich enttäuscht. Ich schnaubte und rückte ein bisschen näher, in der Hoffnung, dass er mich wieder berühren würde. Doch jetzt war er derjenige, der zurückwich, und ich sah, dass er auch ein bisschen Angst vor mir hatte, so wie ich Angst vor ihm gehabt hatte. Er fühlte sich unbehaglich, wenn sich ein so großes Tier an ihn drückte. Und so trat er stattdessen an meine Schulter und rieb dort die Muskeln. Als er die Narben bemerkte, berührte er sie sehr sanft. Seine Finger verharrten auf der Stelle, wo jemand vor langer Zeit eine Flasche zerbrochen hatte. Dann flüsterte er: «Jemand hat dir sehr schlimme Dinge angetan.»
Der Mongole und der Russe redeten immer noch, wenn auch nicht mehr so hektisch. Der Engländer griff in seine Tasche, und die schnelle Bewegung erschreckte mich. Mit einem ängstlichen Wimmern scheute ich zurück. Wieder erstarrte er. Dann bewegte er ganz langsam die Hand, und als er sie wieder aus der Tasche zog, sah ich, dass er einen kleinen weißen Würfel genommen hatte, wie ein winziges Stück Schnee. Er hob ihn an mein Maul, die Hand so flach wie ein Stein.
Ich war acht Jahre alt, aber ich hatte noch nie Zucker gefressen. Ich konnte nicht fassen, dass etwas so gut schmeckte. Ich hoffte, dass er noch einen Würfel in seiner Tasche hatte, und stupste ihn an, woraufhin er lachte. «Aha», sagte er, «jetzt habe ich einen Freund fürs Leben gefunden, nicht wahr?» Dann rieb er mir wieder über die Nase und wandte sich seinem Begleiter zu. «Was hältst du von dem hier?»
«Gutes Pony», sagte der Junge. Er deutete auf die Reihe mit den alten Ponys, während der Mongole hinter ihm stand und listig lächelte. «Alles gute Ponys.»
Der Engländer strich sich über das Kinn. Ich versuchte, ihm zu folgen, als er die Reihe entlangging, aber ich war angebunden. Ich hoffte sehr, dass er mich kaufen würde.
Er interessierte sich nur für die Ponys mit hellem Fell. An allen anderen ging er vorbei, obwohl einige der dunklen Ponys in viel besserem Zustand waren. Als er ganz unten am Ende der Reihe angekommen war, hörte ich ein Pony wiehern, ein anderes schrie ängstlich auf. Ich sah, wie eins sich auf die Hinterhand erhob und plötzlich alle anderen überragte. Es schnaubte und wieherte, schlug mit den Vorderbeinen aus. Dann taumelte der Engländer rückwärts, und der Junge versuchte, ihn wegzuziehen.
Das Pony stand immer noch auf den Hinterbeinen, dann fiel es nach unten und erhob sich gleich wieder. Irgendwie kam mir dieses Pony bekannt vor. Die Erinnerung war zunächst vage, doch als ich den dunklen Fleck auf seiner Brust sah, wusste ich mit einem Mal alles wieder. Es war der silberne Hengst, der vor so langer Zeit meine Herde angeführt hatte, der mich beschützt hatte, als ich klein war. Mittlerweile war er eher grau als silbern, sein Rücken war krumm und seine Schultern verkrampft vom Schleppen der Lasten. In den Augen lag ein wildes, verrücktes Starren. Aber als er da auf den Hinterbeinen stand, mit wehender Mähne und Stirnlocke, da sah er genauso prächtig und stark aus wie immer.
Ich rief ihm ein schrilles Wiehern zu, aber er gab keine Antwort. Ich sah, wie der Engländer aufstand und sich die Strohhalme von der Kleidung klopfte. «Tja, der hier hat auf jeden Fall Feuer», sagte er.
Er kaufte den Hengst. Er kaufte noch neunzehn weitere Ponys, einschließlich mich. Die meisten waren alt oder zornig oder gemein, aber alle waren so weiß wie Schnee. Der Engländer schien sehr mit sich zufrieden zu sein, und der Mongole war geradezu entzückt.
Am selben Tag, noch in dieser Stunde, holte uns der russische Junge ab. Einige der Ponys wehrten sich aus Leibeskräften, so wie der Hengst. Sie traten aus und bockten so wild, dass die Leute in den Hauseingängen Schutz suchten. Doch am Ende blieb der Junge siegreich. Er brachte uns zum Bahnhof, wo am nächsten Morgen ein Zug einfuhr.
Der Zug hatte eine Pfeife, die hoch und schrill klang, wie der Schrei eines angstvollen Kaninchens. Ich schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und sah über den Gebäuden Rauch aufsteigen, der einen grauschwarzen Strich durch die Luft malte. Die Lok schnaubte und prustete wie ein Ungeheuer. Dann kam sie um die Ecke gestampft, schwarz und schmutzig, stieß Dampf aus und schwankte von einer Seite zur anderen.
Ich bekam Angst. Ich hatte noch nie einen Zug gesehen, und ich mochte weder die Geräusche noch die Gerüche. Als der Rauch sich auf uns niedersenkte, wurden wir unruhig. Jedes einzelne Pony versuchte, sich etwas Platz zu verschaffen, obwohl wir uns nicht einmal umdrehen konnten.
Ein Russe bewachte uns und schrie uns an, wir sollten stillhalten. Mit einem Stock schlug er gegen den Zaun.
Das Keuchen und Atmen der Lok wurden lauter. Wieder ertönte dieses schrille, durchdringende Pfeifen, und der Hengst fing an auszutreten. Er stieg hoch und bearbeitete den Zaun mit seinen Hufen, die Ohren zurückgelegt, die Nüstern weit aufgerissen. Er warf sich gegen die Holzlatten und versuchte wegzukommen.
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