Ich wurde oft überholt. Der Weg vom Schiff zur Hütte, über das Eis und den Hügel hinauf, kam mir endlos lang vor. Der Teil der Arbeit gefiel mir nicht besonders. Viel schöner fand ich es, wenn ich mit dem leeren Schlitten zurücklaufen und warten konnte, bis die Männer ihn neu beladen hatten. Ein netter kleiner Mann namens Birdie Bowers war für das Material und die Vorräte zuständig, und er zählte jeden Sack und jede Kiste wie eine Henne ihre Eier. Er sorgte dafür, dass mein Schlitten nie zu schwer beladen wurde. Dann nahm der Ire Patrick Keohane mein Halfter und ließ mich in meinem eigenen Tempo den Hügel hinaufgehen.
Der sture alte Weary Willy zog an mir vorbei, genau wie Nobby, der ungefähr so groß war wie ich, und auch der kleine Michael. Ich aber überholte Blossom und Blucher, die ziemlich alt waren. Und ich schoss geradezu an dem armen, uralten Jehu vorbei, der so langsam lief wie eine Schnecke. Die Reise hatte den ältesten Ponys arg zugesetzt, und er, Blossom und Blucher kämpften sich mit gesenkten Köpfen über das Eis, als ob sie durch einen Schneesturm marschierten. Jehus Ladung war kaum dreihundert Pfund schwer, und doch keuchte er bei jedem Schritt.
Als ich ihn das erste Mal überholte, ging ich langsamer. Unsere Hufe knirschten gemeinsam im Schnee, hinter uns kratzten die Kufen der Schlitten. Jehu drehte den Kopf gerade so weit, dass er mich erkannte, und in seinem Blick lag die pure Angst. Wir wussten beide, was mit Ponys passierte, die nicht mithalten konnten.
Dann sah ich, wer ihn führte: Es war Mr. Atkinson, einer der Doktoren, und er sah genauso sorgenvoll aus wie das Pony.
«Armer alter Kerl», sagte er. «Er ist jetzt schon völlig fertig. Er wird den Winter nicht überstehen, keine Chance.»
Mr. Keohane hielt mein Halfter fest. Seine Hand war immer an meinem Kopf. Durch seine pelzgefütterten Lederhandschuhe spürte ich seine Fingerknöchel an meiner Wange – ein Gefühl, das ich mochte. Kurz darauf hatten wir Jehu hinter uns gelassen.
Mr. Atkinson rief uns nach: «Er wird der Nächste sein, nicht wahr? Dein Pony, meine ich.»
«Oh nein, nicht James Pigg. Das glaube ich kaum», sagte Mr. Keohane. Er packte mein Halfter fester, und ich fühlte, wie sich seine Finger verkrampften. «Mach dir keine Sorgen, mein Junge», sagte er mit seiner weichen Stimme. «Mach dir bloß keine Sorgen.»
Ich kümmerte mich nicht um das, was Mr. Atkinson sagte. Aber während ich meine Last zog, fragte ich mich unwillkürlich, ob ich wirklich bloß ein Klepper war, kaum besser als Jehu. Natürlich konnte ich mich nicht mit Onkel Bill messen. Ich war auch nicht so stark wie Bones, Guts, Punch und Nobby und konnte nicht so gleichmäßig laufen wie Snatcher und auch nicht so flink wie Victor. Aber ich hasste die Vorstellung, ein Klepper zu sein.
Ich trat in den Schnee und schnaubte. Ich beschloss, dass ich noch härter arbeiten würde, so hart wie es mir möglich war. Ich würde Mr. Atkinson beweisen, dass er sich irrte.
Als ich eines Tages am Schiff stand und wartete, ging Mr. Keohane zu Mr. Oates, um ihm mit Christopher zu helfen. Ich stand ein paar Meter vom Rand der Eisplatte entfernt, in der Nähe der mächtigen Ankerkette, die das Schiff an seinem Platz hielt. Zwei der Hunde waren an der Kette angebunden und hatten sich zu großen Pelzknäulen zusammengerollt.
Hinter ihnen tauchten im Wasser die Finnen von Killerwalen auf. Ich hörte ihren prustenden Atem und sah die schmalen Gischtfontänen. Die Hunde wachten auf, gähnten und streckten sich und beäugten mich hungrig.
Die Finnen glitten schnell durch das Wasser, stiegen auf und sanken wieder nach unten. Dann verschwanden sie alle miteinander, und das Meer war leer.
Doch kurz darauf tauchten ihre Köpfe auf. Wie auf Kommando hoben sie sich aus dem Wasser, sieben Stück auf einmal, junge und alte Wale, und sie alle starrten mich mit diesem unheimlichen Blick an.
Vom Schiff aus rief Mr. Scott: «Ponting! Schauen Sie sich die Wale an!»
Mr. Ponting machte gerade Fotos von Pinguinen. Er griff sich seine große, hölzerne Kamera und kam über das Eis gerannt, mit Mantel, Fellstiefeln und einer Fellmütze, die auf seinem Kopf auf und ab wippte.
Die Wale starrten weiter. Ihre weißen Zahnreihen glänzten. Mr. Ponting rannte zu den Hunden und kniete sich mit seiner Kamera hin.
Plötzlich verschwanden die Wale. Sie versanken im Wasser, alle gleichzeitig, und Mr. Ponting machte ein enttäuschtes Gesicht. Einen Augenblick lang passierte gar nichts. Dann fingen die Hunde an zu bellen. Sie zerrten an ihren Stricken, als ob sie ins Meer springen wollten.
Das Eis erzitterte. Einmal. Zweimal. Mr. Ponting schaute nach unten, und ich sah, wie sich das Eis rings um ihn nach oben schob. Die Hunde kläfften ohrenbetäubend laut. Von unten kam ein donnernder Knall; das Eis knackte, und dann drückte sich der Rücken eines Killerwals durch.
Er schob sich einfach durch die Eisplatte, durch sechzig Zentimeter dickes Eis. Mr. Ponting fiel hintenüber. Ein zweiter Aufprall ertönte, gefolgt von einem Knall, und dann erschienen große Risse im Eis, wie ein Spinnennetz, das sich in alle Richtungen ausbreitete. Ein Riss raste geradewegs auf mich zu und wurde zu einer Zickzacklinie, je weiter er kam und je breiter er wurde. Direkt vor mir bog er ab. Ein zweiter Wal brach durch die Eisplatte, dann ein dritter, und unter mir donnerte und knallte es.
Das Kläffen der Hunde verwandelte sich in ein jaulendes Heulen. Mr. Ponting sprang auf und rannte über das Eis, während sich rings um ihn herum Risse öffneten und er von Eisscholle zu Eisscholle springen musste. Die Schollen schaukelten und neigten sich zur Seite, dann flogen sie auseinander, und direkt hinter Mr. Ponting schoss der Kopf eines Wals in die Höhe. Die kleinen runden Äuglein zuckten hierhin und dorthin, dann erblickten sie den Mann. Die Kiefer öffneten und schlossen sich mit einem schlagenden Geräusch. Und Mr. Ponting rannte um sein Leben.
Rechts und links, vor und hinter mir splitterte das Eis. Die Hunde heulten und kreischten. Mr. Meares rannte zu ihnen hin und brüllte die Wale an. Mr. Keohane eilte mir zu Hilfe.
Ein Streifen Wasser umspülte meine Hufe, breit und schwarz, ein klaffender Spalt. Ich wollte zurückweichen, aber mein Schlitten hielt mich auf dem nachgebenden Eis fest. Ich drehte mich nach rechts und dann zum Schiff, und in Sekunden hatte ich mich in den Strängen verheddert. Das Auge eines Wals, glühend wie ein gelber Stein, spähte durch das Wasser zu mir empor. Dann krachte der Kopf durch das Eis.
Die Eisscholle, auf der ich stand, legte sich schräg, und ich hätte beinahe mein Gleichgewicht verloren. Ich blickte dem Wal direkt in den Rachen, vorbei an den scharfen Zahnreihen, hinunter in die weit geöffnete Kehle, der ein fauliger und fischiger Atem entströmte.
Überall stemmten die Wale jetzt ihre Köpfe durch das Eis. Sie lauerten, beäugten die Hunde, mich, Mr. Ponting, der sich auf dickerem Eis in Sicherheit gebracht hatte und schwer keuchend auf die Knie gesunken war. Ich sah, wie Mr. Meares über das Eis zu seinen Hunden sprang. Der Wal vor mir ließ sein Auge langsam umherwandern; sein Blick war so durchdringend, dass mir das Blut wie Schnee gefror.
Dann war Mr. Keohane da, seine Hand an meinem Halfter. «Komm schon, mein Junge», sagte er und zog sanft. Auch jetzt noch war seine Stimme weich und wispernd. Aber mit Angst getränkt.
Das Eis erzitterte. Der Wal sank nach unten, und auch die anderen Köpfe verschwanden. Ich wartete auf das Donnern unter mir, auf den lauten Knall und das Splittern des Eises, wartete darauf, im Meer zu versinken, zusammen mit Mr. Keohane, der mein Halfter hielt.
Aber nichts dergleichen geschah. Die Wale waren weg, als ob ihnen von einer Stimme, die ich nicht hören konnte, der Rückzug befohlen worden war. Allmählich schlossen sich die Risse im Eis wieder, die Hunde rollten sich zusammen und drückten sich eng aneinander. Mr. Meares ging wieder weg, und Mr. Keohane half mir zum Schiff zurück. Und bald darauf war es, als wären die Killerwale niemals da gewesen.
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