Über die Geheimnisse des Glücks. Der letzte von Vater geschriebene Brief schließt so: Wir haben uns versammelt – reden oder schweigen, und wir haben nicht das Gefühl, dass das Leben gelungen oder nicht gelungen ist. Manchmal denke ich: Vielleicht sind wir eigentlich glücklich? Versuch, Tomas von deinen Eltern zu erzählen, aber wie das Geheimnis der Persönlichkeit wiedergeben? Das ist noch schwieriger, als Gedichte zu übersetzen.
Auf uns können verschiedene Erschütterungen zukommen. Sie können auf jeden Menschen zukommen, auf uns umso mehr. Man muss damit so umgehen, dass wir sie möglichst wenig fürchten. Vater erinnerte sich zum Beispiel gut daran, dass er zu einer bestimmten Zeit (Ärzteprozess und drum herum) nicht die einfachste Arbeit finden konnte, wie er fast mit Hoffnung die Deportation der Juden in den Fernen Osten erwartete: Hauptsache, alle zusammen, Hauptsache, die Familie wäre beisammen. Seine Briefe hatten eher erbaulichen Charakter, er beeilte sich, etwas Wichtiges mitzuteilen, während das für Mutter ein Mittel war, das Schweigen fortzusetzen: Den Tag verbracht wie im Zug: Aufwachen, Einschlafen und Nichtstun … Ich plaudere einfach so, man kann in einem Brief ja nicht schweigen.
Eine Weile noch am Wasser stehen, eine Zigarette rauchen, sich an etwas Eigenes erinnern, eine Mandarine essen. Es ist hier tot, still, Friedhofsstille.
Und erst als du ins Hotel zurückkommst und eine gewöhnliche Karte aus Papier studierst, verstehst du, dass du dich geirrt hattest. Sventes, Švjantas, Švjantoin, der heilige See und der heilige Fluss, diese Namen finden sich jenseits und diesseits der lettischen Grenze. Der Švjantas-See ist der, den wir Sventa nannten, wo du hinfahren wolltest. Wie hattest du dich so irren können? Der Unterschied ist ein Häkchen: Šventas ežeras, da muss man nach Süden fahren, nach Turmantas und nicht nach Lettland.
Tomas sollte sagen: „Sie haben alles wiedererkannt, Maxim: sowohl den Weg wie den See.“
„Ja, habe ich.“
Auf dem Weg nach Vilnius vergleicht ihr die Eindrücke. Für Tomas war der Höhepunkt eurer Reise das Poltern der Lastwagen über das Kopfsteinpflaster an der Kirche, der Wind und der Hagel, während du das gar nicht beachtetest. Es ist merkwürdig mit diesen Erinnerungen: Hörst ein ganzes Konzert und erinnerst dich hinterher nur daran, dass der Dirigent rote Socken anhatte.
Störche und Hügel und das viele Wasser, der Himmel erinnert an den in Holland, aber durch die Hügel ist die Landschaft ausdrucksvoller. Wie würdest du dich hier fühlen? Ja, Provinz, aber nicht provinziell, nicht zu sehr. Das ist einfach so ein Land in Osteuropa – in vieler Hinsicht beneidenswert. Alles wird sich hier allmählich einrenken, wenn es zu keiner Einmischung von außen kommt.
„Als ich eine Säule der Gesellschaft war …“, so beginnt deine nicht mehr junge Bekannte gerne ihre Rede. Vielleicht stimmt das sogar. In Litauen gibt es auch Leute, die es lieben, sich an die Zeiten zu erinnern, als das Großfürstentum sich bis zum Schwarzen Meer erstreckte (hauptsächlich durch erfolgreiche Heiraten), aber hier ziehen sie aus der einstigen Größe keine praktischen Schlüsse.
„Sie wissen einfach nicht alles“, das hörte ich in Paris und Rom von antieuropäisch eingestellten Russen. Sie reden nur davon, dass man sie hier und da nicht mag. Liebe Freunde, am wenigsten liebt man uns zu Hause, in Moskau.
„Man muss so handeln, dass wir uns möglichst wenig fürchten.“ Damals warst du keine zwanzig, jetzt bist du schon über fünfzig.
Du sagst zu Tomas: „Alles ist auf erstaunliche Weise zurückgekehrt. Meine Sorgen aus der Zeit vor mehr als dreißig Jahren waren genau dieselben wie jetzt: 1) mir nicht die Finger schmutzig machen, nicht moralisch auf den Hund kommen 2) nicht eingesperrt werden und 3) nicht den Moment verpassen, wo es Zeit sein wird, für immer auszureisen. Und die alte trügerische Hoffnung: Eines Tages werden wir aufwachen, und diese ganze Ohnmacht wird vorbei sein.
Aber die Umstände zwingen einen, nicht zu schlafen, in verschiedene Richtungen zu schauen, den Kopf einzuschalten. Dein witziger Bekannter wird sagen: Fürst Andrej Kurbskij hatte ähnliche Vorstellungen. – Für Kurbskij endete alles mit Litauen.
„Geh zur Müllgrube“, schreibt Boris per Telefon, Freund Boretschka, ein großer Musiker, seines Zeichens Geiger, der vor kurzem aus London hierhergezogen ist. Er kämpft tapfer mit den litauischen Suffixen – žmogus, žmonija, žmogiukštis, žmogiškumas (Mensch, Menschheit und so weiter) – obwohl man in Litauen, wie es heißt, durchaus mit Englisch und Russisch durchkommt. Übrigens sind die Häkchen über den Buchstaben eine Erfindung von Jan Hus.
Boretschka möchte, dass dir die Stadt gefällt, er fährt dich hierhin und dahin, entschuldigt sich für alle möglichen Scheußlichkeiten wie die Müllgrube, stell dir vor! Das Leben ist nicht reich, aber auch nicht arm, und die Hauptsache: Es gibt keine Verbote, Einschränkungen, Barrieren und weniger Ärger, als du es in den letzten Jahren von Moskau gewohnt bist. Vilnius ist schön, sauber, aber nicht geleckt. Wo man dich untergebracht hat, sieht es aus wie eine Mischung aus Serpuchow und Paris, und die Altstadt ist etwas ganz Besonderes, sie gleicht keiner anderen.
„Es gibt überall eine Masse Probleme“, sagt der Besitzer des Künstlercafés und lächelt.
Ein erfahrener Mann, der in Israel und Amerika und sogar in Jordanien gewohnt hat und weiß, wovon er spricht. Rechnet er damit, dass die Geheimdienste (wer weiß, wie sie heißen?) ihm das Café wegnehmen und er froh sein kann, wenn sie ihn nicht einsperren? Da wird Amnesty International nicht mit der Wimper zucken. Er ist ehrlich erstaunt: Nein, so etwas ist nicht zu befürchten, was für ein Glück, dass die Sowjetunion zusammengebrochen ist! Du hast ebenfalls davon geträumt, noch vor Litauen, schon mit acht Jahren bei der Lektüre von Dickens’ „Die Pickwickier“. Und wusstest, dass es eine Stadt namens London gibt, in Büchern, auf Karten, aber London sehen, davon träume nicht, mein Sohn.
„Man sieht, dass der Autor wenig vertraut mit der Theorie der Prosa von Wiktor Schklowski ist“, sagte einer der Zuhörer, nicht laut, aber deutlich. Ein riesiger Litauer, der im Observatorium von Vilnius arbeitet. Schwierig, nicht arrogant zu sein, wenn man im Observatorium arbeitet.
Gespräche, Lesungen auf Russisch. Für wen, fragt sich, wurde das Buch denn eigentlich übersetzt? Die Antwort ist klar: für den Autor. Wer spendiert also den Umtrunk? Das wurde dir an ganz anderer Stelle gesagt, allerdings aus einem ähnlichen Anlass.
Užupis, Stadtbezirk der freien Künstler, mit einer komischen Verfassung und Regierung (Tomas hat da einen wichtigen Posten) – hier liest du deine Erzählung „Fantasie“:
„Houston …“, sagt Ada nachdenklich. „Andrjuscha, wir haben uns in Vilnius eine kleine Wohnung gekauft …“
Vilnius, finden sie, kann sie zwar nicht vor allem bewahren, aber mit dem Pass des Staates Israel …
„Was, sogar einen israelischen Pass haben die?“
Und die Zuhörer lächeln, und am Ende kommt ein Moskauer deines Alters auf dich zu, ein Absolvent der physikalisch-mathematischen Schule und Doktor der Wissenschaften – es stellt sich heraus, dass die Wohnung, in der man dich untergebracht hat, ihm gehört, er wirbelt nur nicht vor deiner Nase mit dem Laissez-passer, dem israelischen Pass herum, besitzt ihn aber. So ist also ein Reim gefunden, die Lösung ist eine ganze Zahl und nicht irgendein irrationaler Kokolores.
„Kommen Sie öfter oder gleich für immer. Glauben Sie mir, hier gibt es Liebenswertes.“
„Wie schön doch in der Dämmerstunde / Sich’s plaudern lässt beim Glase Wein.“
Sie wissen einfach nicht alles, hier sagte niemand dergleichen. Am letzten Tag des Aufenthalts in Vilnius fängst du an, Bekannte auf der Straße zu treffen. Vilnius ist imstande, abzulenken und zu zerstreuen – gerade so viel wie nötig. „Wie kann ich denn traurig sein, wenn es dir gut geht.“ Freude zu teilen – dafür sind Eltern ideal. Fertig, setz dich auf deinen Platz und fahr mit, setz dich gerade hin und schnall dich an.
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