Hinzu kam Janas derzeitige Situation bei der Wasserschutzpolizei im Osthafen. Vor einigen Wochen hatte sie dort ihren Dienst angetreten. Je-doch hatte sie immer nur sehr wortkarg geantwortet, wenn Rauscher sich erkundigt hatte, wie ihr der neue Posten gefiel. Das war sonst ganz und gar nicht ihre Art. Rauscher ahnte, dass nicht alles im grünen Bereich war. Sie biss sich durch, das spürte er. Aber gefallen schien ihr der neue Job nicht. Jedenfalls gab es dafür keinerlei Anzeichen. Um sicher zu gehen, musste er Klarheit gewinnen.
Doch nun gab es erst einmal eine neue Aufgabe, oder sogar zwei: Apfelwein-Botschafter der Stadt Frankfurt und Undercover-Ermittler. Er musste schmunzeln. Das Leben wäre wohl in ruhigeren Bahnen verlaufen, hätte es nicht kurz darauf eine Leiche gegeben. Ausgerechnet Joachim Adlhof, sein neuer Chef, den die Kripo eigentlich schützen wollte, indem sie Rauscher im Dezernat untergebracht hatte.
Rauscher schüttelte den Kopf. Er musste sich schleunigst um die Lösung des Falles kümmern. Dann erst war wieder Land in Sicht.
Am nächsten Vormittag, dem Samstag, saßen sich Jan Krause und Ingo Thaler im Konferenzraum des Präsidiums gegenüber. Das Wochenende war gestrichen. Krause hatte die Teambesprechung gerade beendet und den Kollegen ihre Aufgaben zugeteilt. Die Tür-zu-Tür-Befragungen der Nachbarn und die weiteren Ermittlungen liefen. Der letzte Kollege hatte gerade den Raum verlassen.
„Glaubst du, wir kriegen das gewuppt?“, hob Thaler an und blickte Krause, der sich gerade erheben wollte, sorgenvoll in die Augen.
„Wie meinst du das?“ Krause ließ sich zurück auf den Stuhl sinken.
„Der Fall Adlhof wird hohe Wellen schlagen. Das öffentliche Interesse ist jetzt schon immens. Die Medien werden uns hetzen. Liegt auf der Hand. Und da Rauscher seinen Posten nicht besetzen wird, jedenfalls nicht so bald, weil er im neuen Dezernat untergekommen ist, finde ich, wir sind personell unterbesetzt.“ Thaler verschränkte die Arme vor der Brust, als wolle er so seinen Worten Nachdruck verleihen.
„Wovon redest du eigentlich?“
„Ich denke, wir sollten Rauschers Stelle neu besetzen, um professionell arbeiten zu können. Wir waren die ganze Zeit schon zu wenige, aber jetzt …“
„Thaler!“ Krause schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Jetzt mal Butter bei die Fische, ne! Was willst du mir eigentlich sagen?“
Ingo Thaler wand sich noch etwas, aber dann gab er seine Vorstellungen preis. „Ich finde, du solltest mit Markowsky reden und ihn nach Verstärkung fragen. Dass wir unterbesetzt sind, wird ihm schnell einleuchten. Rauschers offene Stelle muss besetzt werden. Wir brauchen adäquaten Ersatz!“
Krause wirkte etwas perplex angesichts Thalers Forderung. „Und mit wem, wenn ich fragen darf?“
„Elke, zum Beispiel.“ Thaler hatte keine Millisekunde gezögert.
„Elke wer?“
„Elke Erb natürlich!“
„Wie kommst du ausgerechnet auf die?“
„Sie kennt Frankfurt. Sie kennt die Mordkommission. Sie kennt das Team und bräuchte sich nicht lange einzuarbeiten. Sie ist eine ausgezeichnete Polizistin und einfach … na ja … prädestiniert für diesen Job.“
Eine Weile herrschte absolute Stille. Krause fixierte Thaler scharf. „Aber sie ist Rauschers Ex!“
„Der hat ja jetzt Jana.“
„Könnte böses Blut geben.“
„Soweit ich weiß, haben die beiden Frauen Kontakt und mögen sich.“
„Und Mäxchen?“
„Vielleicht würde Rauscher das sogar … Wie soll ich das sagen? Vielleicht würde es ihn besänftigen, wenn sein Sohn wieder hier in Frankfurt wäre. Oder sogar beflügeln.“
Krause blickte Thaler lange an. „Ingo, wir kennen uns jetzt schon so lange …“
„Ziemlich genau zwölf Jahre arbeiten wir zusammen“, bestätigte der Kollege.
„Und genau aus diesem Grund weiß ich, dass du irgendwas im Schilde führst. Ich weiß nur noch nicht, was.“
„Quatsch mit Grüner Soße! Ich mache mir nur Gedanken ums Team. Wir können jede Verstärkung gebrauchen, kompetente erst recht. Die Aufgaben werden ja nicht einfacher. Und unsere Performance, was die gelösten Fälle angeht, sollten wir auch nicht verwässern.“ Da Krause nichts erwiderte, schob Thaler noch einen Satz nach: „Ich wollt’s ja nur mal angesprochen haben.“
In diesem Moment klopfte es und Rauschers Kopf erschien kurz darauf in der Tür. „Ach, hier seid ihr.“
Krause legte den Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Lippen und zischte Thaler ein „Psssst!“ zu.
Der Kollege nickte verschwörerisch und drehte sich um. „Was verschafft uns diese Ehre?“
„Wollte mich nach dem aktuellen Stand im Fall Adlhof erkundigen. Stör ich?“ Rauscher kratzte sich am Kopf.
„Du doch nie, ne!“ Krause stand auf und schob einen weiteren Stuhl an den Besprechungstisch. „Setz dich! Wie läuft‘s im Dezernat?“
„Geht so.“ Rauscher wirkte kleinlaut. „Der Mord an Adlhof wird alle aufscheuchen. Wir können nicht einfach weitermachen, als sei nichts geschehen.“
„Ist dir etwa schon langweilig in dem Laden?“, wollte Thaler wissen.
„Ach was! In Wirklichkeit hab ich mit dem Job noch nicht mal richtig angefangen. Und dann kam der Mord dazwischen …“ Er setzte kurz ab. „Also! Wie schaut es aus, wenn ich fragen darf?“ Rauscher blickte die Kollegen neugierig an.
„Die Obduktion läuft noch. Quast beeilt sich, aber den Bericht bekommen wir erst im Laufe des Wochenendes“, lautete Krauses zurückhaltende Antwort. Offenbar wollte er sich nicht in die Karten schauen lassen.
„Jan, jetzt komm schon. Sei doch nicht so kurz angebunden! Es muss doch was geben, das ich noch nicht weiß.“ Rauscher hatte keine Lust, sich mit so einer nichtssagenden Antwort abspeisen zu lassen.
Krause atmete durch. „Na gut. Der Adlhof … der hatte einen Termin bei sich zu Hause, ne.“
„Privat?“
„Dienstlich. Ist sogar in seinem Online-Terminkalender vermerkt.“
„Mit wem?“
„Seiner Assistentin.“
„Etwa mit Frau Bodenstock?“
„Du kennst sie?“
„Musste mich schon zwei-, dreimal mit ihr auseinandersetzen.“
„Musste?“
„Unangenehme Person, wenn du mich fragst. Aber was man so hört, war sie Adlhof untertänigst ergeben.“
„Könntest du dir vorstellen, dass die beiden vielleicht was am Laufen hatten?“, hakte Krause nach.
„Ein Verhältnis?“, rief Rauscher. „Und dann treffen sie sich bei Adlhof zu Hause? Niemals! Habt ihr schon mit ihr gesprochen? Was hat sie dazu gesagt?“
Thaler gab seine Recherchen zum Besten: „Sie arbeitet seit über zehn Jahren für Adlhof im Kulturamt. Vorher war sie im Bauamt. Wenn es sich um sehr wichtige und dringliche Angelegenheiten handelt, verlegt Adlhof gerne seine Dienstbesprechungen mit ihr zu sich nach Hause, um vollkommen ungestört zu sein. Das war so üblich, kam fünf-, sechsmal im Jahr vor und niemand hat sich was dabei gedacht. Übrigens immer freitagnachmittags. Da hat Adlhofs Frau immer ihre Bridgerunde.“
„Auch gestern, am Mordtag?“
„So isses“, antwortete Thaler. „Hab ich überprüft. Ihre Bridgeclique hat es bestätigt. Lückenloses Alibi. Wobei ich einschränkend sagen muss, dass wir ja den Todeszeitpunkt noch nicht kennen.“
„Und wo war Frau Bodenstock, als Frau Adlhof und Herr … Wie hieß der noch?“
„Herr Brecker.“
„Genau … als die beiden ins Haus kamen und Adlhof gefunden haben?“
„Schon weg.“
„Dann kann es ja nur ein ganz kurzes Zeitfenster für den Mord gegeben haben.“
„Wie meinst du das?“
„Der Adlhof und die Bodenstock hatten doch ihren Termin.“
„Ja, von etwa 13.30 bis 14.30 Uhr, hat sie ausgesagt.“
„Okay. Danach ist sie gegangen. Später kamen Frau Adlhof und Herr Brecker und haben die Leiche gefunden. Dazwischen muss der Mörder zugeschlagen haben.“
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