Indessen erwärmte die Sonne die große Tür der Kirche. Goldene Fliegen summten um eine große Blume, die zwischen zwei Stufen der Freitreppe hervorsproß. Ein wenig benommen, entschloß sich Abbé Mouret, weiterzugehen; da schnellte der große schwarze Hund mit heftigem Gebell auf die Gittertür des kleinen Friedhofes los, der sich links von der Kirche befand. Gleichzeitig rief eine rauhe Stimme:
„Aha, du Taugenichts! In der Schule fehlst du, und auf dem Friedhof findet man dich! – Keine Widerrede! Seit einer Viertelstunde beobachte ich dich.“
Der Priester trat näher. Er erkannte Vincent, den ein Bruder der christlichen Schulen derb an einem Ohr hielt. Der Junge hing über einem Abgrund, der am Friedhof entlangführte und auf dessen Grunde der Mascle floß, ein Wildbach, dessen weiße Wasser sich zwei Meilen weiter in die Viorne stürzten.
„Bruder Archangias!“ sagte der Abbé sanft, um den schrecklichen Mann zur Nachsicht zu ermahnen.
Doch der Bruder ließ das Ohr nicht los.
„Ach, Sie sind es, Herr Pfarrer“, brummte er. „Stellen Sie sich vor, dieser Lump verkriecht sich immer auf dem Friedhof. Ich weiß nicht, was für schlimme Streiche er hier aushecken mag . . . Ich müßte ihn loslassen, damit er sich da unten auf dem Grund den Schädel einschlägt. Das geschähe ihm ganz recht.“
Der Junge gab keinen Laut von sich und klammerte sich an das Gestrüpp, die Augen duckmäuserisch geschlossen.
„Geben Sie acht, Bruder Archangias“, begann der Priester von neuem. „Er könnte ausrutschen.“ Und er selber half Vincent, wieder hochzukommen. „Nun, mein kleiner Freund, sag mal, was hast du denn da gemacht? Man soll doch nicht auf Friedhöfen spielen.“
Der Schlingel hatte die Augen wieder aufgemacht, entfernte sich furchtsam aus der Nähe des Schulbruders und stellte sich unter Abbé Mourets Schutz.
„Ich werde es Ihnen sagen“, murmelte er und blickte zu dem Priester hoch mit seinem pfiffigen Gesicht. „In den Brombeersträuchern unter diesem Felsen ist ein Grasmückennest. Seit mehr als acht Tagen beobachte ich es schon . . . Und weil die Jungen ausgekrochen sind, bin ich heute morgen hergekommen, nachdem ich bei Ihrer Messe ministriert habe . . .“
„Ein Grasmückennest!“ sagte Bruder Archangias. „Na, warte, warte!“ Er holte von einem Grab einen Erdklumpen und warf ihn in die Brombeersträucher. Doch er verfehlte das Nest. Ein zweiter, geschickter geschleuderter Klumpen stieß die zerbrechliche Wiege um und warf die Jungen in den Wildbach. „So“, fuhr er fort und schlug die Hände aneinander, um sie zu säubern, „jetzt wirst du vielleicht nicht mehr wie ein Heide hier umherschleichen . . . Die Toten werden dich nachts an den Füßen ziehen, wenn du weiter auf ihnen herumläufst.“
Vincent hatte gelacht, als er das Nest untertauchen sah, nun blickte er um sich, zuckte die Achseln wie jemand, dem nichts heilig ist.
„Ach was, ich habe keine Angst“, sagte er. „Die Toten, die rühren sich nicht mehr.“
Der Friedhof hatte wirklich nichts Erschreckendes. Es war ein kahles Gelände, auf dem sich schmale Wege unter dem wuchernden Gras verloren. Hier und dort erhoben sich kleine Erdbuckel. Ein einziger, ganz neuer Stein, der Stein des Abbé Caffin, stand dort und bildete einen weißen Ausschnitt in der Mitte. Nichts sonst als herausgerissene Arme von Kreuzen, vertrockneter Buchsbaum, alte zerbrochene, von Moos zerfressene Steinplatten. Kaum zweimal im Jahr wurde hier jemand begraben. Der Tod schien nicht zu Hause zu sein auf diesem öden Boden, wohin die Teuse jeden Abend kam, um ihre Schürze mit Gras für Désirées Kaninchen zu füllen. Eine riesige Zypresse, die an die Tür gepflanzt worden war, ließ allein ihren Schatten über die menschenleere Flur wandern. Diese Zypresse, die man drei Meilen in der Runde sah, war in der ganzen Gegend unter dem Namen „die Einsiedlerin“ bekannt.
„Das ist alles voller Eidechsen“, sagte Vincent, der die rissige Mauer der Kirche betrachtete. „Da würde man einen mächtigen Spaß haben . . .“ Doch mit einem Satz war er draußen, als er sah, wie Bruder Archangias mit dem Fuß ausholte.
Der Bruder machte den Pfarrer auf den schlechten Zustand der Gittertür aufmerksam. Sie war ganz vom Rost zernagt, eine Türangel ausgerissen, das Schloß zerbrochen.
„Man müßte das ausbessern“, sagte er.
Abbé Mouret lächelte, ohne zu antworten. Und sich an Vincent wendend, der sich mit dem Hund herumbalgte, fragte er:
„Hör mal, Kleiner, weißt du, wo Vater Bambousse heute früh arbeitet?“
Der Junge warf einen Blick auf den Horizont.
„Er muß auf seinem Feld Les Olivettes sein“, antwortete er und zeigte nach links. „Außerdem kann Voriau Sie führen, Herr Pfarrer. Der weiß sicher, wo sein Herr ist.“ Dann klatschte er in die Hände und rief: „He! Voriau! He!“
Der große schwarze Hund zögerte einen Augenblick, wedelte mit dem Schwanz und suchte in den Augen des Jungen zu lesen. Dann lief er mit Freudengebell zum Dorf hinab. Abbé Mouret und Bruder Archangias folgten ihm plaudernd. Hundert Schritte weiter verließ Vincent sie heimlich, ging wieder zur Kirche hinauf und behielt die beiden dabei im Auge, bereit, sich hinter einen Busch zu werfen, falls sie den Kopf wandten. Mit der Geschmeidigkeit einer Natter schlich er sich wieder auf den Friedhof, dieses Paradies, wo es Nester, Eidechsen und Blumen gab.
Indessen sagte Bruder Archangias, während Voriau auf der staubigen Landstraße vor ihnen her lief, mit seiner ärgerlichen Stimme zu dem Priester:
„Hören Sie mir bloß auf, Herr Pfarrer! Brut von Verdammten, diese Kröten da! Man sollte ihnen die Rippen zerbrechen, um sie Gott wohlgefällig zu machen. Sie wachsen im Unglauben auf wie ihre Väter. Seit fünfzehn Jahren bin ich nun schon hier, und ich habe aus keinem einzigen von ihnen einen Christen machen können. Sobald ich sie nicht mehr unter der Fuchtel habe, ist es aus! Dann denken sie bloß noch an ihre Erde, ihre Weinberge, ihre Olivenbäume. Keiner, der den Fuß in die Kirche setzt. Viehzeug, das sich mit den steinigen Feldern herumschlägt! – Mit Stockschlägen muß man denen beikommen, Herr Pfarrer, mit Stockschlägen!“ Dann fügte er, wieder Atem schöpfend, mit einer schrecklichen Gebärde hinzu: „Sehen Sie, mit diesen Artauds ist es wie mit den Brombeersträuchern, die hier die Felsen zerfressen. Ein Wurzelstock hat genügt, um das Land zu vergiften. So was klammert sich an, so was vermehrt sich, so was lebt trotz allem. Das Feuer des Himmels wird dareinfahren müssen wie in Gomorrha, um das auszubrennen.“ „Man darf niemals an den Sündern verzweifeln“, sagte Abbé Mouret, der in seinem inneren Frieden mit gemächlichen Schritten dahinging.
,,Nein, die da sind des Teufels“, begann der Bruder noch heftiger. „Ich bin Bauer gewesen wie sie. Bis zu meinem achtzehnten Jahr habe ich die Erde gehackt. Und später in der Anstalt habe ich gefegt, Gemüse geputzt, die gröbsten Arbeiten verrichtet. Ihre harte Arbeit mache ich ihnen nicht zum Vorwurf. Im Gegenteil, Gott sind jene lieber, die in der Niedrigkeit leben . . . Aber die Artauds führen sich auf wie Tiere, sehen Sie! Sie sind wie ihre Hunde, die nicht zur Messe gehen, die sich über Gottes Gebote und über die Kirche lustig machen. Sie würden ihre Äcker ficken, so sehr lieben sie sie!“
Voriau blieb mit hocherhobenem Schwanz stehen und nahm seinen Trott wieder auf, nachdem er sich vergewissert hatte, daß die beiden Männer ihm noch immer folgten.
„Es gibt tatsächlich beklagenswerte Mißstände“, sagte Abbé Mouret. „Mein Vorgänger, Abbé Caffin . . .“
„Ein armer Mann“, unterbrach der Bruder. „Er ist aus der Normandie zu uns gekommen, nach einer schlimmen Geschichte. Hier hat er nur ans gute Leben gedacht; er hat alles drunter und drüber gehen lassen.“
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