Er hatte einen ziemlich schwierigen Stoss zu machen, und in dem Augenblick, als er mit dem Billardqueue zurückfuhr, trat Hilda plötzlich unmittelbar hinter ihn, so dass er sie mit dem Griff heftig in die Seite stiess. Mit einem Schmerzensschrei sank sie auf das Sofa, auf welchem ich sass. Bracknell liess ganz erschrocken das Billardqueue sinken und starrte auf die blassen Wangen der Verletzten; Jim stürzte vom andern Ende des Zimmers herbei; ein dritter rannte nach einem Glas Wasser und die übrigen Spieler standen um das Sofa her — es war eine ganze Scene. Endlich konnte Hilda wieder aufatmen und versicherte mit schwachem Lächeln, dass sie nicht verletzt sei.
„Es hat nichts zu sagen, wirklich gar nichts,“ sagte sie, „es war ganz und gar meine Schuld, und in ein paar Minuten werde ich wieder frisch und munter sein. Bitte, bitte, spielen Sie weiter und bekümmern Sie sich nicht um mich.“
Ich bin bis zum heutigen Tag nicht gewiss, ob sie es absichtlich gethan; wenn es der Fall gewesen, so gewährte es mir einige Befriedigung, dass sie einen weit kräftigeren Rippenstoss erhielt, als sie vorausgesetzt haben mochte. Jedenfalls aber brachte der unbedeutende Zwischenfall in Bracknells Stimmung eine bedeutende Umwandlung hervor. Selbstverständlich that es ihm furchtbar leid, einer Dame weh gethan zu haben, und diese Selbstanklage mag durch das Bewusstsein, vor kurzem so hart über sie geurteilt zu haben, noch verschärft worden sein. Er blieb neben ihr sitzen, nachdem sie Jim liebevoll weggedrängt hatte und die andern auf ihr Verlangen das Spiel fortsetzten, und ich sah, dass sie rasch und eifrig sprachen. Ihr Zwiegespräch ward bald darauf unterbrochen, allein es hatte immerhin lange genug gedauert, um Bracknells Wangen höher zu färben und seine Augen nachdenklich blicken zu machen. So wie ich Miss Hilda kannte, war ich vollständig überzeugt, dass sie ihn entweder noch einmal unterjochen oder sich an ihm rächen wollte, und was auch ihr Plan sein mochte, sie hatte allem Anschein nach Aussicht, ihn glänzend durchzuführen.
Als ich dies am folgenden Morgen gegen meine Mutter äusserte, die immer gern einen ausführlichen Bericht über jede Gesellschaft entgegennimmt, die ich besuchte, schüttelte sie den Kopf.
„Ach, mein lieber Harry,“ seufzte sie, „du bist zu schnell bereit, den Menschen schlimme Motive zuzutrauen, und beschäftigst dich überhaupt zu viel mit dem Studium des Bösen — angenommen nämlich, dass die arme Hilda überhaupt böse ist. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich viel lieber Mildred beobachten, oder ist sie etwa zu gut, um anziehend zu sein?“
„Willst du mir damit den Vorschlag machen, mich in Lady Mildred zu verlieben?“ fragte ich.
„Nein, mein lieber Junge, wahrhaftig nicht — was würde Lord Staines dazu sagen? Ueberdies fürchte ich, du würdest einigermassen zu spät kommen. Hast du denn wirklich Mildreds Geheimnis nicht erraten, Harry — du mit deinem rechnenden Scharfblick?“
Jeder hat seine Schwächen, und unter den vielen, zu denen ich mich bekennen müsste, wenn man mich eidlich darüber vernähme, steht obenan die, dass ich mir einbilde, mit Leichtigkeit in Herz und Kopf meines Nebenmenschen lesen zu können. Nun war es mir aber wahrhaftig entgangen, dass Mildred ihr Herzchen an Jim verloren hatte, meine Eitelkeit gestattete mir jedoch nicht, diese beschämende Thatsache anzuerkennen, und ich bemerkte an Stelle einer direkten Antwort nur, dass ein Unterschied sei zwischen Anziehend- und Interessantsein, und dass böse Menschen zu studieren interessanter sei als gute, weil für gewöhnlich die Gründe ihrer Handlungsweise tiefer liegen.
„Das scheint mir auch,“ stimmte meine Mutter zerstreut bei. „Armer Jim!“
„Ich weiss wahrhaftig nicht, weshalb du ihn bemitleidest,“ versetzte ich gereizt, denn ich verargte es meiner Mutter, etwas gesehen zu haben, was mir entgangen war. „In dieser vortrefflichsten aller Welten dienen uns ja alle Dinge zum besten.“
„Ich glaube, dass alles, was geschieht, zu unserm Besten dient,“ antwortete sie einfach, „fürchte aber, dass du daran zweifelst. Wir dürfen uns nicht anmassen, zu denken, dass es besser für unsern Freund wäre, Mildred zu heiraten als Hilda, die ja auch sehr viel nette Eigenschaften hat. Armer Jim!“
Meine Mutter gestattet sich zuweilen einen harmlosen Humor, der sie sehr erfrischt. Nach diesem letzten Stossseufzer sah sie halb abbittend zu mir auf und wir lachten eine Weile herzlich miteinander. Ich glaube, dass sie so deutlich wie ich kommendes Unheil ahnte, dass sie es aber vorzog, nicht darüber zu sprechen, ehe es da war, woran sie wahrscheinlich wohl that.
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