Wir alle, das heisst die Turners, Jim Leigh und ich, waren am Abend von Bracknells Ankunft in Staines Court zu Tisch, und wir sassen noch nicht fünf Minuten, als es mir ganz klar war, dass Hilda Turner ihn zu fesseln gedachte. Was mir die Sache zweifellos machte, war der Eigensinn, mit welchem sie jedes Gespräch mit ihm ablehnte. Lord Staines, der sie zu Tisch geführt hatte, war anfangs sichtlich gedrückt und geistesabwesend, aber Hilda bot ihre ganze Liebenswürdigkeit auf, und als der Fisch abgetragen wurde, war es ihr schon gelungen, ihren Nachbar in glänzende Laune zu versetzen, denn niemand schätzte Frauenschönheit und Geist höher als Lord Staines. Indessen war es Bracknell, zu dessen Rechten der alte Mr. Turner sass, sehr bald klar geworden, dass sich zu seiner Linken ein reizendes Wesen befinde, und es war äusserst amüsant, das grenzenlose Erstaunen zu beobachten, das sich auf seinem Gesicht zeigte, als ihm nach verschiedenen Versuchen, Hildas Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, die Ahnung aufdämmerte, dass sie die Gesellschaft seines Vaters der seinigen vorziehe. Vermutlich war ihm ein so absonderlicher Geschmack bei einer so anziehenden Persönlichkeit im Leben noch nicht vorgekommen. Vergebens führte er all seine Künste ins Treffen und zwang sie, sich umzudrehen, während er schmachtende Blicke nach ihr sandte, die aber völlig unerwidert blieben, ja sie gab ihm höflich, aber äusserst deutlich zu verstehen, dass seine Unterbrechungen ihr störend seien, antwortete ihm einsilbig mit flüchtigen Worten oder zerstreutem Lächeln und richtete ihre Bemerkungen sofort wieder an Lord Staines, der sich an der Missstimmung seines Sprösslings sichtlich ergötzte.
Jim plauderte die ganze Zeit höchst vergnüglich mit Lady Mildred von Kindheitserinnerungen, und nur hie und da ruhten seine Blicke mit einem fast komischen Ausdruck von Stolz und Liebe auf Hilda; ohne Zweifel dachte er, wie unendlich gut es von ihr sei, sich so viel Mühe mit der Erheiterung des alten Herrn zu geben. Der Herr Pfarrer und ich verzehrten unsre Mahlzeit, die nebenbei vorzüglich war, ohne dass irgend jemand sich um uns gekümmert hätte.
Als wir später im Salon wieder bei einander waren, wurde Lord Staines abermals ernst und schweigsam — die Sorge mochte wohl wieder die Oberhand gewonnen haben. Er brachte eine undeutliche Entschuldigung hervor und schlich sich davon — vielleicht versuchte er noch einmal, Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen. Lady Mildred hatte Jim Photographieen zu zeigen — möglich dass er sich wirklich so sehr für dieselben interessierte, als es den Anschein hatte, vielleicht war es auch nicht der Fall. Mr. Turner würdigte in Ermanglung bessrer Zuhörer mich, seine Gedanken über weltliche Erziehung zu vernehmen, und während er mir dieselben in einiger Ausführlichkeit entwickelte, beobachtete ich, dass es genau so kam, wie ich erwartet hatte. Bracknell setzte sich auf ein Sofa neben Hilda, die ihren Fächer in die Hand nahm und ihn mit einem halb übermütigen, halb aufmunternden Seitenblick empfing. Er redete sie halblaut an, der Ton klang vorwurfsvoll: vermutlich drang er in sie, ihr zu gestehen, weshalb sie ihn mit so auffallender Kälte behandelt habe, denn plötzlich vernahm ich ein leises Auflachen und die Antwort: „An Ihrer Stelle, Lord Bracknell, würde ich die Frage unerörtert lassen. Wenn nicht, so darf ich mir vielleicht Ihre Lesart gewisser Anekdoten ausbitten, die ich in London über Sie erzählen hörte.“
„Was für Anekdoten?“ versetzte er eifrig. „Verlassen Sie sich darauf, es war kein wahres Wort daran. Sie werden doch auf solchen Klatsch keinen Wert legen?“ Und so weiter, und so weiter.
Das Zwiegespräch wurde nun mit so gedämpften Stimmen fortgesetzt, dass die Beredsamkeit des Herrn Pastors, der sehr nahe neben mir stand und seinen Worten durch gelegentliches Betippen meiner Weste mit seinem Zeigefinger Nachdruck verlieh, dasselbe meinem Gehör entzog. Ich war aber nicht einmal neugierig, mehr zu hören, eher möchte ich wissen, wie oft dieser Dialog wörtlich so wiederholt worden ist, seit die Welt steht, und wie oft er sich noch wiederholen wird? In der Regel dauert es etwa fünf oder zehn Minuten, bis die Dame ein unumwundenes Bekenntnis als Vorbedingung einer etwa möglichen Absolution begehrt, und dann sagt ihr der Mann — nun, vermutlich sagt er ihr zuweilen die Wahrheit, obwohl dies zu den Ausnahmefällen zählen wird. Was Bracknell Hilda sagte, nachdem sie sich langsam auf die offne Balkonthüre zu bewegt hatten und durch dieselbe verschwunden waren, kann ich mir schwer vorstellen, ist aber auch ganz unwesentlich. Was ich dagegen weiss, ist, dass sie nicht viel weniger als eine Stunde unsichtbar blieben, dass Jim lange vor Ablauf dieser Zeit unruhig wurde und dass Lady Mildred ängstlich dreinsah, dass Mr. Turner den Schlaf des Gerechten schlief und dass der bescheidene Chronist vollständig erschöpft war von seinen verzweifelten Anstrengungen, ein Gespräch in Gang zu erhalten, das nach jedem Versuch sofort aufs neue erstarb.
Endlich erschien Lord Staines wieder. Sein Haar sah sehr zerwühlt aus, woraus ich schloss, dass er immer noch kein Rechnungsverfahren entdeckt hatte, vermittelst dessen man die grössere Summe von der kleineren abziehen kann, und wenn ich mich nicht täusche, so lag ihm bei unserm Anblick der Ausruf: „Wie, noch da?“ stark auf der Zunge. Er war aber ein viel zu höflicher Mann, um so etwas laut werden zu lassen, und machte artig Konversation, bis Bracknell und Hilda wieder erschienen, was von ihrer Seite aus ohne das leiseste Zeichen von Verlegenheit geschah. Der alte Turner erwachte nun plötzlich, rieb sich die Hände und versicherte, dass sie einen reizenden Abend verlebt hätten, nun aber den Wagen nicht länger warten lassen könnten, worauf wir einander gegenseitig mit grosser Lebhaftigkeit gute Nacht wünschten und aufbrachen.
Jims Dogcart war da, und er hatte versprochen, mich heimzufahren; als ich aber im Vorsaal nach meinem Ueberrock griff, trat er zu mir und sagte: „Macht es dir etwas aus, noch eine Viertelstunde zu warten, Harry? Ich möchte mit Bracknell eine Cigarre rauchen.“
Natürlich erwiderte ich, dass ich ganz damit einverstanden sei, und wir begaben uns ins Rauchzimmer, wohin Lord Staines uns nicht folgte. Ich glaube, einen so unentwegt auf sein Ziel lossteuernden Menschen wie Jim gibt es nicht noch einmal; einige Umschweife zu machen und etwas auf den Busch zu klopfen, wie wir alle es mehr oder weniger thun, kommt ihm gar nie in Sinn. Wenn er irgend etwas auf dem Herzen hat, darf man ganz sicher sein, dass er keine Minute verlieren und nicht das geringste bei sich behalten wird. Seine Cigarre war kaum angezündet, so hatte er auch Bracknell schon alles so klar gemacht, dass keinerlei Missverständnis möglich war.
„Siehst du, Bracknell, alter Freund,“ sagte er, „ich wünsche nicht, dass du Hilda Turner den Hof machst. Wir sind alte Freunde, deshalb will ich dir ehrlich sagen, dass ich sie heiraten will, bitte dich aber, vorderhand noch mit niemand darüber zu sprechen.“
Es lag etwas in dieser Mitteilung, das Bracknell unwiderstehlich komisch berührte, und seine Heiterkeit war so unmässig und anhaltend, dass Jim sich schliesslich gezwungen sah, hinzuzufügen: „Es ist kein Spass!“
„O doch, es ist einer, mein guter Junge,“ versetzte der andre, immer noch lachend, „ein ganz famoser sogar, nur merkst du ihn nicht. Lass dir raten, Jim, und lass ab von dieser jungen Dame — zieh deine Hand zurück wie von einer heissen Kastanie. Das ist die Frau nicht für dich!“
„Mag sein,“ erwiderte Jim ruhig, „aber jedenfalls ist sie auch die Frau nicht für dich.“
„Sicherlich nicht! ‚Die Frau für mich‘, darunter verstehe ich eine Dame mit fünfzigtausend Pfund disponiblen Vermögens. Wünschenswert wäre es, dass sie mehr hätte, aber fünfzigtausend ist das unumgänglich nötige Minimum, das hat mir mein Alter auseinandergesetzt. Apropos, glaubst du eigentlich, dass die blonde Hilda dich erhören wird?“
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