„Ich habe den Wächter des Großen Sumpfbaums gefunden“ , erklang es in Eftians Kopf.
Vor Schreck hätte der Fischer den Stein beinahe fallen lassen. Dann gewann er aber schnell seine Fassung zurück. Stimmen in seinem Kopf waren für ihn keine neue Erfahrung.
„Wer bist du, und warum hast du nach mir gesucht?“, fragte er leise.
„Ich bin eine verlorene Seele“ , erscholl die Stimme erneut in Eftians Kopf. „Als ich noch einen Körper besaß, trug ich den Namen Lodrigur. Bald werde ich endgültig sterben. Seit einer geraumen Weile suche ich nach einem geeigneten Menschen, dem ich vor meinem Tod die Geschichte der Seelensteine erzählen kann.“
Stumm konzentrierte sich der Flussfischer auf die unhörbaren Worte.
„Ich wohnte auf einer Welt, die unvorstellbar weit von hier entfernt ist. Eines Tages wurde diese Welt von einem riesigen schwarzen Wirbel angesaugt und auf die Größe des Steins zusammengedrückt, den du nun in deiner Hand hältst. Dabei wurden alle Körper der Lebewesen dieser Welt zerstört. Ihre Seelen wurden jedoch in diesem Stein eingeschlossen. Vielleicht wären auch sie nur noch für die kurze Zeit erhalten geblieben, die ihrer restlichen Lebensspanne entsprochen hätte. Nachdem aber der schwarze Wirbel den Stein auf seiner entgegengesetzten Seite ausgespuckt hatte, wurde er von einem fremden Volk entdeckt, das mit Sternenfähren die unendlichen Weiten zwischen den Himmelskörpern bereist. Dieses Volk, das von seinen Geschöpfen auf dieser Welt „die Schöpfer“ genannt wird, hat unsere Seelen erhalten. Das geschah mit Hilfe von Kräften, die als „Lebensenergie“ bezeichnet werden. Ich weiß, dass du dir darunter nichts vorstellen kannst. Einige der Welten, die das gleiche Schicksal ereilte wie die meine, wurden ebenfalls in ihrer zusammengepressten Form hierhergebracht und im Wurzelbereich alter Bäume vergraben. Auf diese Weise haben die Schöpfer den alten Bäumen ermöglicht, den Seelen jener Welten eine Heimstatt zu geben. Die alten Bäume haben die Zeiten überdauert, weil sie die in kleinen Würfeln gespeicherte Lebensenergie empfangen konnten. Solange die Seelensteine bei ihren Bäumen geblieben sind, lebten sie mit den Seelen dieser Welt in Einklang. Sobald sie jedoch entfernt wurden, trat eine Störung des Gleichgewichts auf. Die Seelen in den Steinen haben dann versucht, die Körper ganzer Völker zu zerstören, um sich auf einer höheren Ebene an deren Seelen zu klammern und auf diese Weise die zu ihrem Fortbestand notwendige Energie zu erlangen. Das alles mag dir unverständlich erscheinen. Wichtig ist jedoch, dass nun für diese Welt eine Entscheidung getroffen werden muss: Wollt ihr weiterhin versuchen, die für euch fremden Seelen zu beherbergen und mit ihnen in Einklang zu leben, was für eure Entwicklung vorteilhaft, aber auch höchst gefährlich wäre? Oder soll nun alles zerstört werden, wie die Schöpfer dies vorgesehen haben? Das Werk der Vernichtung wurde bereits begonnen. Du kannst dich ihm entgegenstellen oder es geschehen lassen.“
Eftian war erschüttert. Verzweiflung lag in seiner Stimme, als er flüsterte: „Ich bin doch nur ein völlig unbedeutender Fischer. Wie soll ich eine solche Entscheidung treffen?“
Lodrigurs Antwort erfolgte jedoch sofort und unerbittlich: „Du bist ein Spiritant, und du bist keineswegs unbedeutend. In dir leben Generationen von Menschen, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Verhältnisse in dieser Welt zu verändern. Jeder Einzelne von ihnen ist an den widrigen Umständen seiner Zeit gescheitert und musste die hochfliegenden Pläne seiner Vorfahren begraben. Du bist nun der Erste, dem es tatsächlich vergönnt ist, eine Veränderung herbeiführen zu können, wie immer diese auch aussehen mag. Wer also könnte geeigneter sein als du, um die Entscheidung zu treffen, die getroffen werden muss?“
„Der Blick meiner Vorfahren richtete sich allein auf Sindra“, wandte Eftian zögerlich ein.
„Dann wirst du eben deinen Blick erweitern müssen“ , entgegnete Lodrigur. „Auch ich musste das tun. Nachdem der Würfel ausgefallen war, der meinen Baum mit Lebensenergie versorgte, überlebte meine Seele bis jetzt durch eine eigene Energiequelle, die ich bei der Katastrophe zufällig an meinem Körper trug. Nun erlischt auch sie. Aber sie hat es mir ermöglicht, dich noch rechtzeitig zu finden. Sollte das alles umsonst gewesen sein?“
Die Stimme erstarb. Als Eftian den kleinen Stein erneut gegen das Licht hielt, konnte er den winzigen, blinkenden Punkt nicht mehr erkennen. Traurig schob er die beiden zusammengepressten Welten, aus denen nun endgültig alles Leben gewichen war, wieder in Dorothons Jacke zurück. In der kleinen, armseligen Hütte wurde es ganz still. Ein kurzer Blick genügte Eftian für die Feststellung, dass der Kutscher aus Obesien nicht mehr atmete. Der Glanz in seinen Augen war erloschen. Eftian schloss ihm die Lider.
Danach machte sich ein bettelarmer Flussfischer aus den Niederungen des Tephral auf den Weg, der ihm soeben bestimmt worden war. Schwer lastete die Bürde auf seinen Schultern, die ihm ein Mensch aus einer anderen Welt und aus einer längst vergessenen Zeit auferlegt hatte.
*
Aus Respekt vor dem Toten hatten sich seine engsten Mitstreiter um seine Urne versammelt. Das Treffen fand in dem Zimmer des Verstorbenen in einem abgelegenen Bereich des Inneren Zirkels statt. Genaugenommen handelte es sich um ein doppeltes Zimmer, von dem Roxolay einen Teil jahrzehntelang vor der Außenwelt abgeschirmt hatte.
Mitglieder des Inneren Zirkels wurden üblicherweise in der Akademie von Modonos beigesetzt. In einem an den unterirdischen Teil der Bibliothek angrenzenden Saal türmten sich kleine Steinladen, in denen die sterblichen Überreste der eingeäscherten Priester aufbewahrt wurden. Außer einer Inschrift mit dem Namen und der Stellung des Verstorbenen gab es keinerlei Zierrat.
Roxolay hatte sich in den letzten Jahren seines Lebens vom Orden weitgehend losgesagt. Er betrachtete stattdessen Rabenstein als sein Lebenswerk. Daher hatte er in einem Schreiben an Datiban, seinen engsten Vertrauten, verfügt, dass die Urne mit seiner Asche in Rabenstein bestattet werden sollte. Orhalura und Teralura, die Zwillinge aus Bogogrant, hatten sich bereiterklärt, den letzten Wunsch des entschlafenen Meisters der Todeszeremonie zu erfüllen und die Urne nach Rabenstein zu bringen. Sie waren gerade erst aus Bogogrant zurückgekehrt, wo sie den Anweisungen des unbekannten Briefeschreibers entsprechend die seltsamen schwarzen Gegenstände mit den bunten Punkten nahe der riesigen Zwillingsweide vergraben hatten. Dem fürchterlichen Wesen, vor dem der Verfasser des Briefes gewarnt hatte, waren sie dabei glücklicherweise nicht begegnet.
Jobork und Datiban fassten den Entschluss, in Modonos zu bleiben. Der Höchste Priester hatte vor wenigen Stunden erfahren, dass Tornantha in Begleitung eines Bewachers der Gruft von Kostondio in die Hauptstadt Obesiens zurückkehrte. Sein Vetter Atarco galt als verschollen. Für Jobork stand damit fest, dass er die „Riege der Freiheit“ im Auge behalten musste. Datiban erschien ihm genau der richtige Mann zu sein, um ihn dabei zu unterstützen. Der Rektor von Albiros seinerseits fand dagegen noch wichtiger, dass sich jemand um die Überwachung des geheimen Raumes in der Ruinenstadt Derfat Timbris kümmerte.
Allein Zyrkols Entscheidung war noch nicht gefallen. Eigentlich erschien seine Anwesenheit in Dunculbur dringend erforderlich, obgleich er mit seinem Freund und Vertrauten Lerd einen stellvertretenden Rektor bestimmt hatte, dem er die reibungslose Führung des Monasteriums durchaus zutraute. Allerdings zeichnete sich im Ostteil Obesiens mittlerweile immer deutlicher eine Besorgnis erregende Zunahme von Schmuggler- und Räuberbanden ab. Die Ducarions von Dunculbur und Bogogrant beäugten sich eifersüchtig, weil jeder von ihnen befürchtete, der jeweils andere könne das derzeitige Machtvakuum zu seinem Vorteil ausnutzen und die alleinige Herrschaft über diesen Landesteil an sich reißen. Damit lähmten sie sich gegenseitig bei der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung.
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